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Regensburg
Sonntag, 23. September 2018 24° 7

Literatur

Mörderjagd in der idyllischen Domstadt

Hilde Artmeier schickt in „Nacht an der Donau“ Anna di Santosa auf Ermittlungstour. Regensburg ist mehr als nur Kulisse.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • In der Prebrunnallee wohnt die Privatdetektivin Anna di Santosa – und hier gibt es die erste Leiche. Foto: Wiedamann
  • Krimiautorin Hilde Artmeier zeichnet ihre Figuren wie die Stadt mit Akribie und Leidenschaft. Foto: Wiedamann
  • Auch die Schlösser am Eisernen Steg finden bei Hilde Artmeier Erwähnung. Foto: MZ-Archiv
  • In der Pfarrergasse hat die Romanheldin eine Boutique. Foto: Wiedamann
  • Hinterm Stadtlagerhaus im Hafen wurde die zweite Leiche entdeckt. Foto: Wiedamann

Regensburg.Bevor Anna di Santosa in der Prebrunnallee gegenüber dem Herzogspark über die erste Leiche stolpert, war sie joggen. Der Leser war mit ihr am Salzstadel vorbei über die Steinerne Brücke gelaufen, „hinunter in die Badstraße auf der Wöhrdinsel und weiter über den Eisernen Steg mit seinen unzähligen Liebesschlössern am Geländer“. Kaum ein Regensburger Schriftsteller nutzt die Domstadt so konsequent als Schauplatz seiner Geschichten wie Hilde Artmeier.

Die 1964 in Oberbayern geborene Autorin, die seit dreißig Jahren in Regensburg lebt, hat die Stadt für ihre Bücher genau erkundet – und ihr in ihrem neuen Roman „Nacht an der Donau“, der vor einigen Tagen im emons:-Verlag erschienen ist, eine Hauptrolle zugedacht. Denn Regensburg ist hier mehr als eine austauschbare Kulisse. Es steht für eine bestimmte Lebensart, für südliches Lebensgefühl, für die ungewöhnliche Mischung aus Tradition, dem Bewusstsein für historisch Gewachsenes, und einer großen Offenheit für Neues.

„Anna di Santosa ist Deutsch-Italienerin. Sie sieht alles Schöne hier, was sie an ihre italienische Heimat erinnert, aber mit anderen Augen“, sagt Hilde Artmeier über ihre Hauptfigur, die Ex-Polizistin, Privatdetektivin und Mutter eines zwölfjährigen Sohnes, Anna di Santosa. Auf ihren eigenen Recherchetouren durch die Stadt erging es der Autorin ähnlich. „Ich habe gesehen, wie schön es hier ist.“

Verlockender Schauplatz

„Nacht an der Donau“ ist Artmeiers sechster Roman, ihr zweiter mit Anna di Santosa. Ihre Krimis sind eigentlich auch so fesselnd genug, aber immer wieder bekommt sie Komplimente für den Schauplatz, macht ungewollt Werbung für ihre Wahlheimat Regensburg. „Ich erhalte immer wieder Rückmeldungen von Leuten von außerhalb, die mir schreiben, was das für eine wunderschöne Stadt ist, und dass sie sie unbedingt besuchen müssen.“

Dabei verlässt die Protagonistin sehr wohl die Touristenmeile Altstadt: Zwar wohnt Anna di Santosa in der Prebrunnallee und damit in einem der schönsten Viertel der Stadt. Und sie hat ihre Boutique BellaDonna mitten im Zentrum in der Pfarrergasse. Aber Artmeiers Roman spielt auch im Hafen, wo es die zweite Leiche gibt, die eigentlich schon die dritte ist. Denn der Täter hatte zuvor einer Frau im Domgarten die Kehle durchgeschnitten.

Ihre Protagonistin besucht das mondäne Wohnquartier am Pfaffensteiner Hang, ermittelt im Goethe-Gymnasium, auf dem Uni-Campus und in der Hermann-Köhl-Straße: „Am Anfang der Straße befand sich ein von Primärfarben durchsetzter Wohnblock, der an die Farbentechnik des niederländischen Malers Piet Mondrian erinnerte,“ schreibt Artmeier. Die Stationen sind nachvollziehbar, erkennbar, authentisch. Besonders für Regensburger ist es ein Spaß, der Heldin zu folgen.

Die hat in diesem neuesten Abenteuer alle Hände voll zu tun. Denn erstens stolpert sie, wie bereits erwähnt, gleich auf der vierten Seite nach dem Prolog des Buches quasi vor ihrer Haustüre über eine Leiche. Das heißt, Anna kann gar nicht anders... Und schon steckt sie mitten drin in der Suche nach einem Serienmörder. Zweitens erhält Anna den Auftrag, die sechzehnjährige Melissa zu finden. Doch ihre Auftraggeberin, Melissas Mutter, macht der Privatdetektivin die Arbeit schwer, indem sie sie belügt.

Und dann ist da noch Paolo, Annas Ex-Mann, der als ermittelnder Kriminalkommissar vor allem eines will: Dass sich seine Ex aus seinen Mordfällen heraushält. Wenig idyllisch sind die Hintergründe, die die Menschen in Artmeiers neuem Krimi umtreiben: Da spielen unter anderem Kriegstraumata und Prostitution eine Rolle.

Eine Figur mit Potenzial

„Trotz der Düsternis der kriminellen Handlung werden meine Bücher als bunt, farbenfroh und fröhlich empfunden“, sagt Artmeier. Was einerseits am Schauplatz liegt, vor allem aber an der wunderbaren Heldin. „Sie ist unkompliziert und spontan. Sie kann sich gut in andere hineinversetzen, manchmal vielleicht zu sehr. Das ist eine Figur mit sehr viel Potenzial“, sagt die Schriftstellerin über die temperamentvolle und unkonventionell ermittelnde Anna di Santosa, die – und das macht sie besonders sympathisch – nicht frei von Ängsten ist.

„Typisch für Krimis ist doch der abgehalfterte Privatdetektiv, dem die Frau abgehauen ist und der mit dem Leben nicht zurechtkommt“, sagt Artmeier. „Anna ist ganz anders. Sie hat einen Sohn, versteht sich mit ihrem Ex-Mann, auch wenn sie konkurrieren, und sie hat – was typisch ist für eine Italienerin – ein funktionierendes Netzwerk.“ Und sie kann experimentieren. Die Stadt gehört untrennbar zu dieser Figur: „Anna könnte nirgendwo anders in Deutschland leben als in der nördlichsten Stadt Italiens.“

Hilde Artmeier ist fasziniert von der Psychologie der auftretenden Figuren. „Mich interessieren die Beziehungsgeflechte und die Konflikte. Wie gehen die Menschen damit um? Das ist das, wo ich besonders hinhöre.“

„Für mich stand zu Beginn die Mutter-Tochter-Beziehung im Vordergrund“, erzählt Artmeier. Dann jedoch hat sich die Geschichte beim Schreiben verändert, ausgeweitet, kam der Serienmörder ins Spiel, so dass nun zwei Geschichten ineinander verwoben sind. (Zu viel von der Handlung wollen wir an dieser Stelle nicht verraten.) Gemeinsam ist den Schlüsselpersonen: „Jeder ist in seiner Welt gefangen. Jeder will eigentlich ausbrechen, aber es geht nicht.“ Durch Extremsituationen kommen die Figuren wieder zusammen.

Man braucht ein paar Leichen

„Der Serienmörder lebt in seiner ganz eigenen Welt. Er ist eine tragische Figur.“ Dass Artmeier ihn in die Geschichte einführte, lag nicht nur daran, dass ihr die Mutter-Tochter-Geschichte etwas zu sehr nach innen gerichtet erschien. „Das ist nicht mein erster Krimi; da braucht man einfach ein paar Leichen!“, sagt die Autorin und lacht. Um an Stoff für ihre Krimis zu kommen, recherchiert sie akribisch und saugt auch alles auf, was ihr begegnet: „Ich höre etwas, lese etwas, jemand erzählt mir was, und das fällt auf fruchtbaren Boden wie ein Samenkorn.“ Zum Glück für die Leserschaft! Denn auch „Nacht an der Donau“ ist spannend, kenntnisreich, gut geschrieben und vor allem sehr unterhaltsam.

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