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Menschen

Murche war nah dran an 1968

So einen Opa hat nicht jeder: Hafenarbeiter, Roadie von Amon Düül II, Boss im Nachtlokal, Straßenkehrer und VHS-Medienwart.
Von Helmut Wanner

Was Wolfgang Murche in 69 Jahren erlebte, reicht für drei Leben. „Ich bin immer wieder auf die Füße gefallen“, sagt der Regensburger. Hier posiert er vor seiner monumentalen Anrichte.Foto: Wanner
Was Wolfgang Murche in 69 Jahren erlebte, reicht für drei Leben. „Ich bin immer wieder auf die Füße gefallen“, sagt der Regensburger. Hier posiert er vor seiner monumentalen Anrichte.Foto: Wanner

Regensburg.Beginnen wir mit einem Regensburg-Quiz. Wer hat das letzte Live-Konzert im Colosseum organisiert, mit der holländischen Band „Livin Blues“? Wer machte den ersten Secondhandladen der Stadt auf, in der Brückstraße? Wer drückte seit Christa Meier jedem Oberbürgermeister der Stadt beim Neujahrsempfang die Hand? Die Antwort: Wolfgang Murche. Der illegitime Sohn eines Schwarzenfelder Viehhändlers ist das, was man ein Urvieh nennt.

„Uschi Obermaier, Rainer Langhans. Ich hab sie alle erlebt.“

Wolfgang Murche

Nur wenige Menschen haben Wolfgang Murche noch nicht radeln oder besser: bei seinem Rad stehen sehen. Immer mit Pferdeschwanz. Bei seinen zahlreichen OP-Terminen in letzter Zeit legte er vorher fest, dass sein Haupthaar auf keinen Fall angetastet wird. Der Langhaar-Mann braucht meist lange bei seinen Stadttouren, weil „Wolfi“ und „Murche“-Rufe ihn stoppen.

Straßenkehrer und Medienwart

Shakehands mit Oberbürgermeister Hans Schaidinger Foto: Stadt Regensburg
Shakehands mit Oberbürgermeister Hans Schaidinger Foto: Stadt Regensburg

Seine 69 Jahre währende Karriere in Regensburg deckt Extreme ab, die für drei normale Leben reichen: Vom Hafenarbeiter zum Roadie bei der Undergroundband Amon Düül II; vom städtischen Straßenkehrer zum Medienwart der VHS; vom Geschäftsführer des Nachtlokals Café Lang in Stadtamhof zum Vorsitzenden des Vereins der Stadtarbeiter. Er hat den Stadtarbeiterverein vor fünf Jahren in der Sportclub-Gaststätte mit eingegraben und selber drei Herzoperationen überlebt.

Dabei lebt Murche so gemütlich in den Möbeln und Gegenständen seiner Zeit als Flohmarkt-Tandler. Das Schwergewicht residiert in der Landshuterstraße, im zweiten Stock eines Wohnblocks aus der Gründerzeit, mit alten Keks-Dosen, bunten Emailleschildern, wunderbar schwülstigen Nazarener-Bildern und schönen Kruzifixen. Sein Wohnzimmer wird dominiert von einer riesigen dunklen Buffet-Anrichte in Eiche und deckenhohen Türmen voll mit CDs, die er sich auf seiner Highend-Anlage zu Gemüte führt, mit Blick auf seine lichtdurchflutete Altane und – das macht ihn so sympathisch– auf seine Fotowand. Sie zeigt sein über alles geliebtes „Röschen“, Managerin im Hotel Orphée, seine sechs Kinder und acht Enkelkinder.

Der Stadtarbeiterverein beim Patenverein in Regenstauf: Wolfgang Murche ist der dritte Mann von links.
Der Stadtarbeiterverein beim Patenverein in Regenstauf: Wolfgang Murche ist der dritte Mann von links.

Im Gegensatz zu den Alt-68-ern, die für sich entschieden haben, diese schlechte Welt nicht weiter mit Kindern zu belasten, setzte er immer auf Familie. Für jedes seiner Lieben radelte der Mann mit dieser coolen Lebensgeschichte nach Aufhausen zur Wallfahrtskirche Maria Schnee („da radelt man fei lang“) und holte eine Kerze für seinen Hausaltar. Warum? „Dass es ihnen allen gut geht.“

Der Stadtarbeiterverein

  • Gründung:

    Der Unterstützungsverein für Stadtarbeiter wurde 1906 in Regensburg gegründet. Ziel: Hilfe in Krankheit und Not. Auf unserem Bild ist Wolfgang Murche der Dritte von links. Es entstand in Regenstauf.

  • Heute:

    In jüngster Zeit bestand die Aufgabe des Vereins nur noch in der Pflege des Vereinslebens. Bei Beerdigungen gab es das letzte Geleit mit Musik.

  • Auflösung:

    Weil zuletzt nur noch zwei, drei Mitglieder außer dem Vorstand zu den Versammlungen kamen und sich keine Vorstandschaft mehr fand, wurde der Verein zum 1. Januar 2013 aufgelöst. Fahnen und Vereinsarchiv wanderten ins Stadtmuseum.

Von Jugend an muckt Murche auf. Sein Vater hatte sich ein Jahr nach seiner Geburt erhängt. Er fühlte sich deswegen vogelfrei. Murche wuchs bei Pflegeeltern in der Silbernen Fischgasse auf und plagte die Lehrer der Engelburger Schule. Danach wollte er eine Lehre durchziehen. Das ging schief. Grund: Seit der ersten erfolgreichen Beatles-Single „I Want to Hold Your Hand“ lässt sich Murche sein Haar wachsen. Der Regensburger, der stolz ist auf seine aufmüpfige hugenottische Abstammung mütterlicherseits, hat sich sage und schreibe seit 1963 nicht mehr die Haare schneiden lassen. Er war 14 Jahre alt, als er beschloss den Friseurstuhl zu meiden. Seine Haare haben ihm trotzdem einiges gekostet. Er verlor seine Lehrstelle als Heizungs- und Lüftungsbauer, nach dem er die Hand gegen den Lehrherren erhob. Es war, von heutiger Sicht aus betrachtet, Notwehr. Sein Chef wollte dem Langhaarigen auf gute deutsche Art Mores lehren. „Zwei Gesellen haben mich festgehalten und der Meister hat mir mit der Blechschere die Haare abgeschnitten. Danach habe ich ihm eine gegeben. Mein Chef war Innungsmeister. Da kannst dir vorstellen: Ich habe in der Branche keine Chance mehr gehabt.“

Ein Hauch von Uschi Obermaier

So lernte Murche statt die muffigen Keller Alt-Regensburgs die wesentlich interessanteren Beletagen Berlins und Münchens kennen. Kommune 1 und 2 sowie die Highfish-Kommune – Murche kann sagen: „Ich war dabei. Ich habe Uschi Obermaier gesehen.“ Alleine schon die Art, wie Murche zum Roadie von Amon Düül wurde, ist atemberaubend. „Ich geriet mit dem Manager Wolfgang Dorsch in eine Razzia in der Leopoldstraße. Auf der Polizeistation hat er mich angesprochen, ob ich nicht der Fahrer seiner Band werden will.“

Der Twen aus Regensburg fuhr die Gruppe von Auftritt zu Auftritt durch halb Europa, baute auf und baute ab. Damit verbunden war eine wilde Fahrt in die Peripherien des siebten Sex-Himmels. Er durfte riechen, aber nicht naschen. „Uschi Obermaier, Rainer Langhans mit seinen weißen Gewand. Ich hab sie alle erlebt.“ Uschi Obermaier war das Groupie der Band Amon Düül. Mit Rainer Langhans zog sie in München in die High-Fish-Kommune. Als Amon Düül in Schloss Kronwinkl bei Landshut residierte, sah der Roadie Legenden wie Frank Zappa abhängen. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich 20 Siamkatzen in einem Raum zusammenkuscheln. Der Gitarrist John Weinzierl war Katzennarr.

Atemlos durch die Nacht: Wenn Wolfgang Murche über sein wildes Leben redet, das Leben eines Mannes, der 1968 schon den Führerschein hatte, fühlt man sich mitgenommen, wie nach einer Testfahrt am Nürburgring.

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