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Themenwoche

Nachhilfe boomt, auch in der Grundschule

Viele Eltern investieren in die Ausbildung ihrer Kinder – darunter immer mehr Familien mit Migrationshintergrund.
Von Heinz Klein, MZ

21 650 Grundschüler in Bayern bekommen Nachhilfe.
21 650 Grundschüler in Bayern bekommen Nachhilfe. Foto: dpa

Regensburg.Nachhilfe schon für Grundschüler – das ist weit verbreitet, kann der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) bestätigen. Etwa 21 650 Grundschüler in Bayern bekommen Nachhilfe, also etwa jeder zwanzigste Grundschüler (4,9 Prozent). Insgesamt bekommen in Bayern 14 Prozent der Schüler Nachhilfeunterricht. Zwischen 111 und 172 Euro geben die Eltern pro Jahr und Schüler für Nachhilfe aus, knapp 900 Millionen Euro sind es bundesweit.

Bankrotterklärung für Bildungssystem?

Die Präsidentin des BLLV sieht in dieser Zahlen so etwas wie eine Bankrotterklärung für unser Bildungssystem. Wenn es ständig außerschulische Unterstützung für Grundschüler brauche, dann könne das innerschulische Bildungssystem ja wohl nicht so wunderbar sein, argumentiert Simone Fleischmann. Es sei inzwischen durchaus üblich, dass gut situierte Eltern mit wenig Zeit viel Geld für die Ausbildung des den Nachwuchses ausgeben. „Die verstehen eben das System – Hauptsache Abitur – und investieren dafür“, sagt die BLLV-Präsidentin. Elternschelte will sie deshalb aber nicht betreiben. Für die Grundschule ergebe sich daraus allerdings eine Verpflichtung. „Wir müssen jedes Kind da abholen, wo es gerade ist.“ Das gelte für lernschwache Kinder ebenso wie für Hochbegabte, für die es eben auch eine spezielle Förderung brauche.

Fragt man bei Nachhilfeinstituten in Regensburg nach, ergibt sich ein ziemlich einheitliches Bild. Geschätzte zehn Prozent der erteilten Nachhilfestunden entfallen auf Grundschüler, heißt es beispielsweise bei der Regensburger Schülerhilfe. Nachhilfe dreht sich hier nahezu durchgehend um die 4. Klasse und das Thema Übertritt. Die Grundschüler kommen überwiegend aus Familien mit Migrationshintergrund und brauchen Unterstützung im Deutschunterricht, der in Kleingruppen mit einer Mindestlaufzeit von sechs Monaten angeboten wird, sagt man bei der Schülerhilfe.

„Kinder brauchen Zeit, nicht Druck.“

Petra Lorey-Nimsch, Leiterin der Regensburger Filiale des Studienkreises

„Nachhilfeschüler aus der Grundschule haben meistens einen Migrationshintergrund“, bestätigt Petra Lorey-Nimsch, die Leiterin der Regensburger Filiale des Studienkreises. Früher waren es überwiegend deutsche Eltern, die nach dem Zwischenzeugnis mit der unerfüllbaren Forderung kamen, ihr Kind bis zum Übertrittszeugnis im Mai fit zu machen und sogar eine Übertrittsgarantie einforderten, erzählt Petra Lorey-Nimsch. Das seien dann die klassischen Fälle von „Lernbulimie“ – die Kinder sollen schnellstmöglich in wenigen Einzelstunden fit für die nächste Schulaufgabe gemacht werden. Da solle der Lernstoff quasi „intravenös“ verabreicht werden.

„Genau die falsche Methode“, merkt Petra Lorey-Nimsch an, denn „Kinder brauchen Zeit, nicht Druck“. Eltern sollten nicht erst kommen, wenn der Fünfer drohe. Vorher sei es noch der Vierer gewesen, der schon auf Lücken hingewiesen habe und auch der Dreier noch etwas davor habe doch schon gezeigt, dass die Leistung nicht gut, sondern eben nur befriedigend war. Aber inzwischen, sagt die Leiterin des Studienkreises, „scheinen die Leute vernünftiger geworden zu sein“. Nachhilfestunden werden nun vertraglich geregelt – mit Mindestlaufzeiten von einem halben Jahr.

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Es geht immer um Deutsch und Mathe

Lorey-Nimsch hat aber auch Verständnis für Schülernöte. Das Problem sind ihrer Ansicht nach die Lehrpläne und die Schulbücher. Gerade bei Mathematik seien die Aufgaben oft nicht mehr nachvollziehbar und würden so um die Ecke gedacht, dass selbst die Eltern scheitern.

Bei der Regensburger Pauk-Hilfe schätzt man die Zahl der Nachhilfeschüler aus der Grundschule auf etwa fünf Prozent ein. „Es geht immer um Deutsch und Mathe“, sagt Christian Jecht, Eigentümer und Leiter der Pauk-Welt. Und es geht immer mehr um nicht deutschsprachige Eltern. Früher hätten sich die deutschen Eltern von Grundschülern öfter zusammengetan, um gemeinsam die Kinder zu fördern. „Das Fachliche können die Eltern leisten“, ist Jecht überzeugt. Und weil die eigenen Sprösslinge oft nicht von ihren Eltern unterrichtet werden wollten, lösten sich die Eltern gegenseitig ab.

Laut einer Bertelsmann-Studie hängt die Nachhilfe nicht mehr unbedingt mit der Schulnote zusammen. Die außerschulische Lernunterstützung wird nicht nur bei schlechten Schulnoten in Anspruch genommen, sondern zielt bei bereits erfolgreichen Schülern auf die weitere Verbesserung von Leistungen.

Für die Grundschulen in Bayern gilt: 16,2 Prozent der Kinder bekommen Nachhilfeunterricht im Fach Deutsch. Deutschlandweit sind es nur 14,8 Prozent der Grundschüler, die Nachhilfe in Deutsch erhalten.

Eine ganze Woche lang richten wir den Blick auf die Grundschule. Hier geht es zum Spezial.

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