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Rassismus

Nazi-Gegner fühlt sich benutzt

Der Regensburger Gastronom Sion Israel distanziert sich vom Verein „Keine Bedienung für Nazis“. Die Vorsitzenden haben bei ihm Hausverbot.
Von Helmut Wanner, MZ

Sion Israel (65) in seinem Lokal Picasso: „Ich fühle mich wie die Welle und die reiten auf dieser Welle.“ Foto: Wanner

Regensburg.Nun gibt es offiziell zwei Bewegungen mit dem Titel „Keine Bedienung für Nazis“, die eine als Initiative, die andere als Verein. Das Gastronomen-Ehepaar Ute und Sion Israel hat sich namens der Bürgerinitiative „Keine Bedienung für Nazis“ vom gleichnamigen Verein unter dem Triumvirat von Ludwig Simek, Helga Hanusa und Ina Schneider distanziert. Simek und Hanusa haben sogar Hausverbot. In einem Pressepapier erklären die Israels: „Aufgrund der Art, wie der neue Verein entstanden ist, ist es uns zu diesem Zeitpunkt unmöglich, mit diesem Verein zusammenzuarbeiten.“ Ute und Sion Israel kündigen an: „Wir werden zur Zeit diesen Verein keinesfalls unterstützen.“ Zugleich erklärt das Paar, die Bürgerinitiative „Keine Bedienung für Nazis“ bleibe natürlich bestehen und werde weiter aktiv und uneingeschränkt das Ziel verfolgen, gemeinsam mit den Regensburger Gastwirten Rassisten die Räume zu entziehen.

13 000 Euro Preisgelder

Die Pressemitteilung schlug wie eine Bombe ein, kam sie doch von dem Paar, in dessen Lokal „Picasso“ 2010 der Grundstein für die Initiative gelegt worden war. Bei einem Überfall auf das Picasso hatten Nazis im Juni 2010 Barkeeper Michi S. krankenhausreif geschlagen. Zwei Wochen vorher hatte sich Michi S. couragiert vor eine farbige Mutter mit Kind gestellt, die von Nazis beleidigt worden waren.

Der Überfall von 2010 machte bundesweit Schlagzeilen. Das im Picasso gegründete Wirte-Bündnis „Keine Bedienung für Nazis“ ist heute überregional als Pionier-Initiative bekannt. Drei Preise, mit insgesamt 13 000 Euro dotiert, honorierten das Engagement. 180 Wirte schlossen sich der Initiative an, Rassisten keinen Raum zu bieten. Die Idee breitet sich aus. „In ganz Deutschland werden nach dem Regensburger Vorbild ähnliche Initiativen gegründet“, freut sich Helga Hanusa. Die Regensburgerin ist im Vorstand des neuen Vereins „Keine Bedienung für Nazis“ und Kooperationspartnerin der Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus beim Bayerischen Jugendring. Bei der Verleihung des Luther-Preises 2012 in Eisleben hielt sie die Rede. Helga Hanusa sieht jetzt das wachsende Werk durch das Ausscheren eines Einzelnen gefährdet. „Sion Israel ist sehr destruktiv“, sagt sie auf Nachfrage der MZ. „Er zeichnet ein verzerrtes Bild.“ Nach Auffassung von Ludwig Simek schade Israel allen Gruppen, die sich gegen Rechts engagieren. Simek: „Die Nazis werden sich freuen.“

Sogar zwei verschiedene Homepages

Sion Israel zeigt sich im Gespräch mit der MZ „bestürzt und traurig“, dass er diese tolle Initiative in einem neuen Licht darstellen müsse. Aber er fühlt sich von Helga Hanusa und Ludwig Simek in einem „Kampf gegen Rechts“ instrumentalisiert, der fernab jeder Realität sei. Sein Lokal und sein Barkeeper seien damals die Opfer gewesen, aber darum gehe es schon lange nicht mehr. Wörtlich sagt er zur MZ: „Ich fühle mich wie die Welle und die reiten auf dieser Welle, um sich zu profilieren.“ Helga Hanusa und Ludwig Simek malten den Teufel an die Wand. „Die sehen zehn Mal so viele Nazis in dieser Gesellschaft als es tatsächlich gibt.“ Er unterstellt den Mitgliedern des Vereins, sie wollten Deutschland aus ideologischen Gründen schlecht machen. Es gibt mittlerweile zwei Lager, die sich mit Anschuldigungen bewerfen. Es kommt zu der absurden Situation, dass „Keine Bedienung für Nazis“ in zweierlei Gestalt, als Initiative und Verein auftreten. Beide Gruppen mussten schon die Hilfe eines Mediatoren in Anspruch nehmen. Die Sach-Mittel und die finanzielle Ausstattung hat der Verein. Wenn die Initiative Aufkleber braucht, muss sie beim Verein um welche bitten. Es gibt sogar zwei verschiedene Homepages. Die eine schreibt sich mit, die andere ohne Bindestriche.

„Auf den Mist gehe ich nicht ein“

Sion Israel meint, Hanusa und Simek könnten 100 Vereine gründen, aber bitte mit eigenen Mitteln, nicht mit Mitteln der Initiative. Er sehnt sich in die Anfangszeiten zurück, als alle Treffen in seinem Lokal stattfanden und es „so toll und cool zuging“. Jetzt befände sich der Verein im Höhenrausch und bilde Hierarchien.

Nachdem die Initiative mit so viel Geld ausgestattet sei, habe es der Bildung von Strukturen bedurft, die formal legitimiert sind, begründet Helga Hanusa die Gründung eines Vereins „Keine Bedienung für Nazis“. Den Wechsel des Servers begründet Hanusa damit, dass der Betreiber „allinclusive“ auch der Server des rechtsextremen „Freien Netzes Süd“ sei (allerdings auch von Parlamentarieren der SPD und der Grünen, die Red.). Man habe unterschiedliche Auffassungen vom Kampf gegen Rechts, aber Sion Israel werde nicht ausgegrenzt. „Wir haben ihm angeboten, im Verein Mitglied zu werden. Wir sind ein Verein in Gründung, können jederzeit den Vorstand erweitern.“ Ansonsten wolle sie nicht auf „diesen Mist eingehen, weil es uns von der Sache wegbringt – dem Kampf gegen Rechts.“ Am 5. Dezember berate man Maßnahmen gegen das in Obertraubling geplante Konzert der Südtiroler Band „FreiWild“.

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