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Verkehr

Neue Schubkraft für die Tram

Jan Mascheck und Günther Schieferl kämpfen für die Restaurierung des letzten Zugs, der durch Regensburg rollte. Die Wagen sollen sogar wieder fahren.
Von Thomas Rieke, MZ

  • Seit Jahren rostet die letzte erhaltene Regensburger Tram auf dem Gelände der Verkehrsbetriebe vor sich hin. Eine für heuer in Aussicht gestellte Restaurierung wurde überraschend wieder verschoben. Foto: Rieke
  • Günther Schieferl (70), ehemaliger Schaffner, lebt für die Straßenbahn, auch heute noch, 50 Jahre nach der Stilllegung. Als talentierter Modellbauer hat er der Tram in seinem Wohnzimmer einen Ehrenplatz geschenkt. Foto: altrofoto.de
  • Ziehen am gleichen Strang: Tram-Papst Günther Schieferl und der Ingenieur Jan Mascheck (re.)

Regensburg.Anfang des Jahres bestätigten die Verkehrsbetriebe (RVB) kleinlaut ihren Rückzieher: Mit der von Hauptgeschäftsführer Bernd-Reinhard Hetzenecker 2013 in Aussicht gestellten Restaurierung von Regensburgs letzter erhaltener Straßenbahn sollte es heuer, exakt 50 Jahre nach Stilllegung dieses Transportmittels, doch nichts werden. Andere Investitionen, vor allem in ein neues, zentrales Betriebsleitsystem, haben Vorrang.

Doch nun gibt es völlig unerwartet neue Unterstützung für die Freunde der historischen Wagen, die auf dem RVB-Gelände ungeschützt im Freien stehen und längst massive Schäden aufweisen. Jan Mascheck, 37-jähriger Agraringenieur aus Maxhütte-Haidhof, hat durch einen MZ-Bericht im Internet vom Schicksal der Regensburger Tram erfahren – und sich entschlossen, etwas für ihre Rettung zu tun. In einer Online-Petition lotet er gegenwärtig das Interesse der Regensburger dafür aus. Nach wenigen Tagen hatte er immerhin schon rund 400 Unterstützer gefunden. Das reicht aber noch lange nicht...

Interessengemeinschaft steht

Zusammen mit anderen in den sozialen Netzwerken Aktiven hat Mascheck ferner die „Interessengemeinschaft Stadtbahn“ gegründet – und allein diese Titulierung verrät schon, dass es dabei um mehr geht, als die Bewahrung eines museumsreifen Vehikels. Mascheck möchte am liebsten die historische Bahn wieder so weit instandgesetzt wissen, dass sie – natürlich nicht im Linienbetrieb! – auf einem ausgewählten Abschnitt der sogenannten Nord-Süd-Dienstleistungsachse zwischen Alexcenter und DEZ wieder rollen könnte – auf einem sogenannten Dreischienengleis. Ein solches hätte zwei Spurbreiten – eine für den Nostalgiezug (1000 Millimeter), eine für Triebwagen einer modernen Stadtbahn (1435 Millimeter). An der nördlichen Endehaltestelle sollte die alte Tram einen eigenen, kleinen Lokschuppen bekommen.

Alles ein Hirngespinst, Utopie? Obwohl er schon Skizzen angefertigt und einen Finanzierungsvorschlag erstellt hat, behauptet Mascheck selbst nicht, dass das Projekt im Handumdrehen zu verwirklichen und die Umsetzung nur eine Frage des guten Willens wäre. Aber er ist fest entschlossen, unter den Regensburgern Emotionen zu wecken – und einer ins Stocken geratenen Debatte zu neuer Dynamik zu verhelfen.

Weshalb die Menschen trauerten

„Als am 1. August 1965 die letzte Tram aufs Abstellgleis gestellt wurde, trauerten die Regensburger nicht einem hochmodernen, komfortablen, zuverlässigen und schnellen Transportmittel hinterher; sie trauerten, indem sie die Straßen säumten, dem Verlust ihrer ,Freundin‘, dem Verlust eines Stücks Heimat und Identität hinterher“, meint Jan Mascheck.

Mit erst 37 Jahren ist der Initiator der Petition zwar viel zu jung, als dass er diese Trauer damals selbst hätte erleben können. Doch der gebürtige Dresdner, der in Berlin aufgewachsen ist, war stets ein begeisterter Straßenbahnnutzer, so dass er sehr wohl aus eigener Erfahrung weiß, was so ein Konzept bedeutet – nicht nur für die Leistungsfähigkeit des ÖPNV, sondern für die Identität einer Kommune. Im Gegensatz zu Taxis oder Bussen sei eine Bahn auf festen Schienen quasi direkt mit der Stadt verbunden, sagt Mascheck; eine Bahn, aber auch ihre Gleiskörper und Leitungen seien untrennbare Bestandteile eines Stadtbilds. Sie gehörten zu Städten wie prägende Bauwerke und vermittelten dadurch letztlich sogar Heimatgefühle.

Mascheck hat sich kundig gemacht, was in Regensburg einst zu der Entscheidung führte, die Straßenbahn auszurangieren. Die Innenstadt ist ein Nadelöhr und damit schon immer eine Schwachstelle im System. Und niemand hatte eine Idee, wie das Problem gelöst werden sollte. Der Bus sollte deshalb fortan absolute Vorfahrt bekommen – kann heute aber ebenfalls längst nicht mehr auf allen Linien überzeugen.

„Die Verkehrsbetriebe haben ein Imageproblem“, konstatiert Jan Mascheck. Straßen sind zu eng, Busse stauen sich, sind überfüllt. Deshalb lohnt es sich nach Überzeugung des 37-Jährigen allemal, über Alternativen nachzudenken, den Blick in andere Städte zu lenken und zu hinterfragen, wie dort vergleichbare Probleme angegangen werden oder und bereits gelöst wurden. Mascheck verweist auf das Beispiel Köln, das sich einen sechs Kilometer langen Tunnel geleistet hat. Auch für Regensburg müsste eine solche Lösung doch möglich sein, sagt er. Dass mit eben so einer Idee der CSU-Spitzenkandidat Christian Schlegl im Kampf um den OB Posten in Regensburg einen herben Rückschlag erlitt, der für seine klare Niederlage nicht ganz unwesentlich war, ficht Mascheck nicht an. Der habe den Vorschlag zur völlig falschen Zeit gebracht und unglücklich präsentiert.

Der Verein der Regensburger Straßenbahn-, Walhallabahn und Eisenbahnfreunde (RSWE) um Hans Niederhofer sind von Maschecks Vorstoß angenehm überrascht – wenn sie auch nicht alle Vorstellungen für erfüllbar halten. Die alte Tram so zu restaurieren, dass sie regelmäßig auf einem Teilstück parallel zur Stadtbahn rollen könnte, „das ist nicht realisierbar“. Die RSWE wollen sich auch nicht überfordern – und konzentrieren sich lieber auf ihr ehrgeiziges Museumsprojekt.

Fest zählen kann Jan Mascheck in des auf Günther Schierferl. In dem ehemaligen Schaffner hat er einen festen Verbündeten. Denn der hat eine große Befürchtung: „Wenn heuer nichts unternommen wird, landet die Tram am Schrottplatz.“

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Zukunft der Regensburger Straßenbahn

Eine Interessensgemeinschaft kämpft für die Restaurierung des letzten Zugs, der einst durch die Regensburger Altstadt rollte. Die alten wagen sollen sogar auf einem Teilstück der künftigen Stadtbahnstrecke wieder fahren. Was halten Sie von der Idee?

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