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Soziales

Nie mehr sprachlos zum Arzt

Flüchtlinge fühlen sich beim Doktor unsicher, Verständigungsprobleme können zu Falschdiagnosen führen. Regensburger Medizinstudenten helfen.
Von Marion Koller, MZ

Regensburg. Im Stadtgebiet Regensburg leben 230 Asylbewerber aus vielen unterschiedlichen Ländern – in der ganzen Oberpfalz sogar mehr als 1100. Von der Irakerin bis zum Kongolesen. Wenn sie akute Schmerzen bekommen, schwanger sind oder psychische Probleme haben, sind diese Menschen mit ihrem lückenhaften Deutsch oft hilflos. „Die Sprachbarriere ist eines der größten Probleme bei der medizinischen Versorgung der Migranten“, beobachtet Veronika Zimmerer von der Flüchtlingsberatung der Caritas.

Zu ihrem Glück gibt es die AG Migrantenmedizin. 45 Medizinstudentinnen haben sich 2009 zu dieser Arbeitsgruppe zusammengeschlossen. Zusammen mit der Flüchtlingsberatung der Caritas helfen die jungen Frauen Asylbewerbern, denen es gesundheitlich schlecht geht. Freilich behandeln sie nicht selbst, sondern sorgen dafür, dass die Flüchtlinge die richtige Therapie erhalten. Weil mangelnde Deutschkenntnisse die größte Hürde darstellen, arbeiten bei der AG auch 30 ehrenamtliche Dolmetscher mit, das sind Studierende aus anderen Fachgebieten, zum Beispiel Fremdsprachen. Die AG-Mitglieder haben vor, einen Verein zu gründen, um die Migrantenmedizin zu institutionalisieren.

OP wäre nicht nötig gewesen

Katrin Herrmann zählt zu den Gründerinnen der AG. Die 25-Jährige, die im 11. Semester studiert, erinnert sich lebhaft an den ersten Fall. Ein junger Iraker litt unter starken Magenschmerzen. Auch nach einer Operation trat keine Besserung ein. Die Medizinstudentinnen trafen sich mit dem 20-Jährigen, ein Dolmetscher übersetzte. Sie nahmen Kontakt zum Hausarzt auf, ließen sich die Vorgeschichte erklären. „Es hat sich herausgestellt, dass der Iraker zur Hemmung der Säureproduktion regelmäßig einen Magenschutz einnehmen sollte“, erzählt Katrin Herrmann. Auch hätte er bestimmte Speisen, Nikotin und Alkohol meiden müssen. Als er diese Maßnahmen einhielt, besserte sich sein Zustand rasch.

Dem Asylbewerber war aber schon ein Teil des Magens entnommen worden. Wie kann so etwas passieren? Katrin Herrmann sagt, die Ärzte hätten im Alltag zu wenig Zeit. Wenn die Sprachbarriere und kulturelle Missverständnisse hinzukommen, kann das zu einem Desaster führen. Weil sie sich unverstanden fühlen, wechseln die Flüchtlinge oft den Arzt, was die Behandlung ebenfalls erschwert. Die AG Migrantenmedizin schenkt den Asylbewerbern vor allem eins: Zeit.

Meist kommen die Kranken über die Caritas zu ihnen. Nach einem Aufnahmegespräch setzen sich die Studierenden mit dem Betroffenen zusammen. „In Ruhe und mit Zeit“, betont Katrin Herrmann, die ihr praktisches Jahr im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder absolviert. Für die gebürtige Heilbronnerin, eine ernsthafte junge Frau, ist dieses Engagement eine Herzensangelegenheit. Sie erhalte in Deutschland eine sehr gute Ausbildung, was in vielen anderen Ländern nicht möglich sei. Deshalb wolle sie etwas an Hilfsbedürftige „zurückgeben“. Ihr Fazit: Bayern gehe sehr strikt mit den Asylbewerbern um. Der Großteil befinde sich in einer schwierigen Situation, sei traumatisiert. „Jeder Fall ist komplex. Man muss individuelle Lösungen finden.“ Die 25-Jährige und ihre Mitstreiterinnen von der AG koordinieren die Behandlung der Flüchtlinge und nehmen sich auch die Zeit, alle Arztbriefe herauszusuchen. „Wir dröseln die Behandlungsgeschichte auf“, erklärt sie.

Im Gedächtnis geblieben ist ihr eine schwangere Somalierin, die zwar regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen ging, aber kein Wort von dem verstand, was der Arzt sagte. Die AG Migrantenmedizin setzte eine Straubinger Dolmetscherin ein und beantragte beim Sozialamt die Kostenübernahme für einen Gesundheitscheck im Krankenhaus St. Josef. Dort stellte sich heraus, dass die Schwangere nie ihre Tabletten gegen einen Harnwegsinfekt geschluckt hatte, weil sie gar nicht wusste, warum sie das tun sollte. Der Infekt hätte dem Ungeborenen schaden können. „Das hat mir gezeigt, wie hilflos eine Schwangere ist, die die Sprache nicht spricht“, stellt Katrin Herrmann fest.

Die angehenden Ärztinnen wollen noch mehr Asylbewerber erreichen, unter anderem mit einem Flyer, den sie in den Regensburger Flüchtlingsheimen in der Plattlinger und Landshuter Straße verteilen werden. Sie haben vor, die psychologische Betreuung der Traumatisierten auszubauen. Schon heute engagieren sie stundenweise eine Psychologin, die mit seelisch angeschlagenen Flüchtlingen redet und sie an Fachstellen weitervermittelt.

Preisgeld kommt Arbeit zugute

Dafür, für Schulungen der Mitglieder und für externe Dolmetscher wie die Straubingerin verwendet die AG Migrantenmedizin das Preisgeld, das sie bei mehreren Auszeichnungen erhalten hat. Ende 2011 bekam sie unter anderem den Sozialpreis der Caritas in Höhe von 13 000 Euro.

Nächster Schritt wird die Vereinsgründung sein, denn Katrin Herrmann und die anderen Mitgründerinnen werden die Uni bald verlassen. Feste Strukturen erleichtern es den Nachfolgern, die Arbeit nahtlos weiterzuführen.

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