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Inklusion

Noch viele Barrieren am Bahnhof

Das Umfeld am Regensburger Hauptbahnhof hat so seine Tücken. Ein Experiment zeigt: Es gibt noch etliche „Hausaufgaben“.
Von Sandra Adler

Tanja Knappe vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund und Inklusionsbeauftragter Frank Reinel mit zwei Vertretern des Projektes „Neugestaltung Bahnhofsumfeld“. Sie sind sich einig: Hier muss noch einiges geschehen.  Foto: Adler
Tanja Knappe vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund und Inklusionsbeauftragter Frank Reinel mit zwei Vertretern des Projektes „Neugestaltung Bahnhofsumfeld“. Sie sind sich einig: Hier muss noch einiges geschehen. Foto: Adler

Regensburg.Das Manövrieren des Rollstuhles ist gar nicht so leicht, nicht einmal das Geradeausfahren. Aber: „Wenn man darauf angewiesen ist, hat man schnell raus, wie es geht“, sagt Frank Reinel, der Inklusionsbeauftragte der Stadt Regensburg, der selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Bei einer Info-Tour unter dem Motto „Perspektivwechsel“ nehmen Journalisten an einem Experiment teil. Im Rollstuhl oder mit Seheinschränkungsbrille bewältigten sie nämlich folgendes Szenario: Ein seh- oder gehbehinderter Student kommt am Bahnhof Regensburg auf Gleis 1 an und möchte mit der Buslinie 1 zur OTH Richtung Prüfening fahren, um sich einzuschreiben. Langsam gewöhnen sich die „Testfahrer“ an ihr neues Fortbewegungsmittel und dessen Eigenheiten.

Auf der Suche nach einem Weg aus der Eingangshalle des Bahnhofs gibt Reinel den entscheidenden Hinweis: „Sehen Sie das blaue Schild vor dem Supermarkt?“ – Dieses weist auf den Ausgang für Rollstuhlfahrer hin, durch den sich nach und nach die Teilnehmer des Experiments zwängen und anschließend die Rampe hinunter rollen.

In welche Richtung ist denn jetzt die Albertstraße?

Wenn viel los ist, wird es eng auf den Bussteigen an der Albertstraße. Die Kante ist 18 Zentimeter hoch.  Foto: Adler
Wenn viel los ist, wird es eng auf den Bussteigen an der Albertstraße. Die Kante ist 18 Zentimeter hoch. Foto: Adler

„Immer schön mitbremsen, sonst gibt es beim schnellen Abbremsen heiße Hände“, weist Reinel an. Die Steigung der Rampe entspricht mit sechs Prozent den gesetzlichen Vorgaben, sie sieht auch nicht sehr steil aus. Sie hochzufahren, sei aber schon schwieriger, sagt Reinel. Mit der Blindenbrille geht der Weg direkt über die Stufen, vorsichtig tastend. Aber dann steht man auch schon vor dem nächsten Problem „In welche Richtung muss ich denn zur Albertstraße?“, fragt der vorübergehende erblindete Kollege Tanja Knappe, stellvertretende Bezirksgruppenleiterin des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes e. V. in der Oberpfalz.

Mehr Bilder von dem Experiment am Regensburger Bahnhof sehen Sie hier:

Barrierefrei am Regensburger Bahnhof?

Unter den 16 726 schwerbehinderten Menschen in Regensburg sind Seh- und Gehbehinderungen die häufigsten. Etwa 1300 Menschen sind dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen.

Daher hat man diese beiden Arten der Einschränkung für die Simulation ausgewählt. Bei der Fußgängerampel ist ein Kompromiss gefragt, um beiden Gruppen gerecht zu werden: 3,5 Zentimeter Schwellenhöhe sind für Rollstuhlfahrer gut zu bewältigen, Blinde mit Taststock können den Übergang zur Straße noch erfühlen.

Das Kopfsteinpflaster vor dem Bahnhof hat sich teilweise abgesenkt und lässt die Kanalabdeckungen vorstehen. Foto: Adler
Das Kopfsteinpflaster vor dem Bahnhof hat sich teilweise abgesenkt und lässt die Kanalabdeckungen vorstehen. Foto: Adler

Der Weg vom Regensburger Bahnhof zum Regensburger Busbahnhof dauert für Menschen mit Behinderung viel länger als für Menschen ohne Einschränkung. „Wie da der Faktor Zeit plötzlich ins Spiel kommt“, bemerkt auch Tobias Ruf vom städtischen Projekt „Neugestaltung Bahnhofsumfeld“. „Das muss unsere Aufgabe in den nächsten Jahren sein“: Diesen zentralen Omnibusbahnhof vor dem Bahnhof so zu planen, dass kurze Umsteige-Beziehungen möglich sind, er barrierefrei ist und trotzdem der Verkehr schnell abgewickelt werden kann.

Umbau und Umdenken

Schilderwald, Anzeigetafeln an der Haltestelle und am Bus – aus ihrer Sitzposition sind diese für Rollstuhlfahrer oft nicht gut einsehbar. Eine barrierefreie Infotafel könnte helfen. Dort fänden Rollstuhlfahrer die richtige Haltestelle, ohne unnötige Wege zurücklegen zu müssen.  Foto: Adler
Schilderwald, Anzeigetafeln an der Haltestelle und am Bus – aus ihrer Sitzposition sind diese für Rollstuhlfahrer oft nicht gut einsehbar. Eine barrierefreie Infotafel könnte helfen. Dort fänden Rollstuhlfahrer die richtige Haltestelle, ohne unnötige Wege zurücklegen zu müssen. Foto: Adler

Barriere frei, aber auf Grund der Entfernung zum Bahnhof nur eine provisorische Lösung, werde der Busbahnhof auf dem Gelände des noch stehenden Studentenwohnheims am Ernst-Reuter-Platz sein.

Der endgültige Standort des „ZOB“ soll zwischen Bahnhofsgebäude und Galgenbergbrücke liegen. Vor 2023 rechnet die Stadt Regensburg allerdings nicht mit dem Baubeginn. Frank Reinel, der Inklusionsbeauftragte der Stadt Regensburg, ist einer von mehreren Fachbeteiligten, die bei der Planung bezüglich Inklusion und Barrierefreiheit beratend herangezogen werden.

Für Tanja Knappe mit ihrer Sehbehinderung wäre die nötigste Verbesserung ein Blindenleitsystem, das sie zum Busbahnhof und dort zur richtigen Haltestelle führt. An manchen Haltestellen in der Stadt gibt es die Rillen und Noppen auf dem Gehweg bereits, an denen sich Blinde orientieren können. Eine barrierefrei zugängliche Infotafel wäre auch für Rollstuhlfahrer hilfreich, die gerade, wenn viel los ist, die Anzeigetafeln an der Albertstraße aus ihrer Sitzposition nicht lesen könnten, sagt Frank Reinel.

Wenn möglich, Passanten fragen

Für Sehbehinderte sind nicht-visuelle Informationsmöglichkeiten nötig. An den elektronischen Anzeigetafeln gibt es diese Info-Knöpfe für eine Audio-Ansage zur jeweiligen Haltestelle. Leider sind sie oft defekt. Ein Leitsystem mit Rillen und Noppen im Boden wäre eine weitere Hilfe zur Orientierung.  Foto: Adler
Für Sehbehinderte sind nicht-visuelle Informationsmöglichkeiten nötig. An den elektronischen Anzeigetafeln gibt es diese Info-Knöpfe für eine Audio-Ansage zur jeweiligen Haltestelle. Leider sind sie oft defekt. Ein Leitsystem mit Rillen und Noppen im Boden wäre eine weitere Hilfe zur Orientierung. Foto: Adler

Tanja Knappe ist mit dem Aufbau der Albertstraße zwar vertraut, aber vor einer Busfahrt überprüft sie oft im Internet den Fahrplan. Bei Ausfällen kann sie sich leider nicht auf die elektronischen Anzeigetafeln verlassen, die eigentlich per Knopfdruck Audioinformationen zum Fahrplan ausspielen sollten. Meistens sind sie defekt. Da hilft es nur, Passanten zu fragen.

Barrierefrei heißt jedoch laut Behindertengleichstellungsgesetz, dass Einrichtungen „in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe“ nutzbar sind. Bis 2023 soll dies für Bayern laut Regierungserklärung vom November 2013 flächendeckend gelten. Dafür stehe vom Freistaat auch Geld zur Verfügung, erklärt Ruf. „Aber wir als Stadt Regensburg müssen unsere Hausaufgaben auch selber machen.“

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