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Gewerbe

Papierkrieg im Rotlichtmilieu

Etwa 170 Prostituierte arbeiten in Regensburg. Für sie gelten nun viel mehr Regeln. Treibt das einige in die Illegalität?
Von Julia Ried

Eine Prostituierte wartet in einem Bordell auf Kundschaft: Überall in Deutschland müssen sich Sexarbeiter nun anmelden. Foto: Andreas Arnold/dpa
Eine Prostituierte wartet in einem Bordell auf Kundschaft: Überall in Deutschland müssen sich Sexarbeiter nun anmelden. Foto: Andreas Arnold/dpa

Regensburg. An Annemarie Rödls Bürotür klopfen derzeit nahezu täglich Prostituierte. Die Sozialpädagogin ist im Regensburg für die Gesundheitsberatung zuständig, die das im Sommer in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz vorschreibt. „Wir haben wahnsinnig viel Arbeit dadurch“, sagt sie. Auch Rathaus-Mitarbeiter haben gerade intensiv mit der Umsetzung des neuen Gesetzes zu tun; 1,5 Stellen wurden dafür im Ordnungsamt geschaffen. So viele Auflagen gelten nun für die Prostitution, dass Experten das Risiko sehen, dass das Gewerbe aus den Modellwohnungen und Bordellen abwandert: auf die Straße etwa.

Etwa 170 bis 180 Menschen arbeiten in der Domstadt in dem Beruf, überwiegend Frauen und sehr wenige Transsexuelle. Bei der Stadt Regensburg haben sich bisher 80 Prostituierte angemeldet, wie Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt. Die Anmeldefrist läuft zum 31. Dezember aus. Außerdem wurden mehr als 80 Modellwohnungen angezeigt. „Ab 1. Januar 2018 wird für Prostitutionsstätten, für die kein Erlaubnisantrag vorliegt, ein Untersagungsverfahren durchgeführt“, erklärt von Roenne-Styra. Nach Einschätzung der Zuständigen im Rathaus und bei der Kripo werden in Regensburg aktuell circa 120 Modellwohnungen betrieben, über die ganze Stadt verteilt; in der Sperrzone in der Innenstadt sind sie nicht erlaubt. In den Apartments oder in einem der fünf Bordelle mieten sich die Prostituierten ein. Straßenprostitution gibt es kaum noch; eine Frau ist aktuell an der Guerickestraße tätig.

Die sündige Seite der Stadt Neumarkt: Drei Bordelle gibt es in der Stadt. Die Zahl dürfte steigen. Denn das Gesetz verpflichtet Sexarbeiter, sich anzumelden.

Nur kurze Zeit an einem Ort

Annemarie Rödl beriet Sexarbeiter in Regensburg schon lange vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes. „Seit elf Jahren geh ich fast jede Woche raus und besuch die Mädchen und Frauen“, sagt sie. Die allermeisten davon arbeiten nicht dauerhaft in Regensburg. „Die Prostituierten sind immer nur ganz kurze Zeit an einem Ort“, sagt Annemarie Rödl. „Das ist eine ganz einfache Sache. Die Männer wollen immer Abwechslung.“ Die Sozialpädagogin sieht das neue Gesetz mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wie sie sagt. „Emanzipatorisch“ betrachtet findet sie es kritisch, „dass Frauen immer mit Gesetzen zu irgendwas verpflichtet werden“. Doch Rödl sagt: „Es liegt auch eine Chance darin, den Prostituierten etwas mitteilen zu können.“ Viele Frauen wüssten über Gesundheitsschutz gar nichts bis wenig, erzählt die Sozialpädagogin.

„Die Prostituierten sind immer nur ganz kurze Zeit an einem Ort. Das ist eine ganz einfache Sache. Die Männer wollen immer Abwechslung.“

Sozialpädagogin Annemarie Rödl

Einige aus der Branche laufen dagegen Sturm gegen das Gesetz. Mehrere Vereine und Verbände, die die Interessen von Prostituierten vertreten, haben Verfassungsbeschwerde eingereicht. Eine ehemalige Sexarbeiterin aus der Region vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen, die unter dem Pseudonym Tanja Sommer auf die Anfrage der Mittelbayerischen antwortet, kritisiert die Anmeldepflicht als „Zwangsouting“. „Viele haben Angst, sich überhaupt anzumelden“, sagt sie. Sie fürchteten Stigmatisierung. Auch ihr persönlich sei „das zu gefährlich“, sie habe deshalb den Beruf gewechselt. Andere würden in die Illegalität gehen, vermutet sie. „Ich seh das schon so, dass vieles in die Schwarzszene abgleitet.“ Die aber sei ein „rechtsfreier Raum“.

„Ich seh das schon so, dass vieles in die Schwarzszene abgleitet.“

ehemalige Sexarbeiterin Tanja Sommer

Jürgen Eberwein, bei der Kriminalpolizei Regensburg als stellvertretender Kommissariatsleiter auch für das Rotlichtmilieu zuständig, hält es für unwahrscheinlich, dass viele Prostituierte in die Illegalität abwandern. Die meisten würden wohl nicht darauf verzichten wollen, im Internet für sich zu werben.

Frauen protestierten gegen Gewalt: Am internationalen Gedenktag setzte ein breites Bündnis in Regensburg ein Zeichen. Die Botschaft lautete: „Null Toleranz“.

Lebt Straßenprostitution auf?

Doch auch Eberwein sagt: Aktuell erfüllten viele Modellwohnungen die gesetzlichen Voraussetzungen nicht. „Wir hoffen, dass dadurch nicht wieder die Straßenprostitution auflebt.“ Prinzipiell vorgeschrieben ist etwa eine Trennung von Wohn- und Arbeitsraum, auch wenn hier Ausnahmen möglich sind. Auch Annemarie Rödl fragt sich, wie die Branche auf die vielen neuen Vorschriften reagiert. „Wohin werden die abwandern?“

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Das macht die Kripo

  • Kontrollen:

    Die Kripo kontrolliert Modellwohnungen und Bordelle, seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes auch gemeinsam mit dem Ordnungsamt. Zur Polizeiarbeit erklärt Jürgen Eberwein, Vizechef eines Kripo-Kommissariats: „Wir überprüfen die Identität, schauen, ob es Anhaltspunkte für Zuhälterei, Menschenhandel oder Zwangsprostitution gibt.“

  • Ermittlungen:

    Immer wieder hat die Kripo Anhaltspunkte für Zwangsprostitution. Oft scheiterten die Ermittlungen aber an mangelnder Kooperation der Opfer.

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