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Arbeitsmarkt

„Perlen“ sind gesucht wie nie

Die Putzfrau im Haushalt ist zur raren Spezies geworden. Selbst Agenturen melden oft Fehlanzeige – oder gelten als Abzocker.
Von Norbert Lösch

Die Putzfrau sollte auch im Privathaushalt besser angemeldet werden. Sonst kann das bei einem Unfall für den Auftraggeber unangenehme Folgen haben: Bußgelder von bis zu 5000 Euro drohen. Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa
Die Putzfrau sollte auch im Privathaushalt besser angemeldet werden. Sonst kann das bei einem Unfall für den Auftraggeber unangenehme Folgen haben: Bußgelder von bis zu 5000 Euro drohen. Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa

Regensburg.Maria Schreiber (50, Name geändert) gehörte schon fast zur Familie. Zwölf Jahre lang war die russischstämmige Frau im Haushalt eines Regensburger Anwalts beschäftigt – immer als ordentlich angemeldete Minijobberin und zur vollen Zufriedenheit ihrer privaten Arbeitgeber. Die Nachricht, dass sie aus persönlichen Gründen kündigen müsse, um ihre zunehmend demente Mutter zu pflegen, entwickelte sich zu einer wahren Hiobsbotschaft. Haushaltshilfen werden auf dem Arbeitsmarkt nämlich immer rarer, die Bezeichnung „Perle“ ist treffend wie nie zuvor. Nach sechs Monaten hat sich noch immer kein Ersatz für die fleißige Maria gefunden.

Der Markt ist leer gefegt

Kein Wunder, denn der Markt ist – das Bild passt zu den händeringend gesuchten Putzfrauen – so gut wie leer gefegt. „Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem“, weiß Dr. Wolfgang Buschfort, Sprecher der Minijobzentrale in Essen. Nach seiner Einschätzung beträgt das Verhältnis von Gesuchen zu Angeboten aktuell etwa 3:1. Das zeige sich zum Beispiel bei der Jobbörse der Zentrale, bei der private Haushaltshilfen angemeldet werden sollten. In Großstädten wie Regensburg, wo es viele Single-Haushalte gibt und auch viele gut bezahlte Jobs, kann diese Situation sogar noch dramatischer ausfallen. Denn viele Erwerbstätige wollen und können gut verdienen, suchen im Gegenzug aber Unterstützung im Haushalt.

„Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem.“

Dr. Wolfgang Buschfort, Sprecher der Minijobzentrale in Essen

Dafür braucht man entweder Glück oder einen langen Atem. Das zeigt auch ein Blick in die Stellenmarkt-Anzeigen der Mittelbayerischen vom vergangenen Wochenende: Rund 30 Gesuchen nach Haushaltshilfen standen ganze drei Angebote gegenüber. Im Online-Markt, auf einschlägigen Kleinanzeigen-Portalen, lässt sich Ähnliches beobachten. Dabei ist die Zahl der geringfügig Beschäftigten in Regensburg zuletzt sogar gestiegen – im Gegensatz zum Trend in anderen Regionen.

Fast nur Frauen in Haushalten

Dr. Wolfgang Buschfort lieferte der MZ aktuelle Zahlen für Regensburg, die dies belegen. Demnach gab es im gewerblichen Bereich – bei Arbeitgebern vor allem in der Gastronomie, im Reinigungsgewerbe, im Zustelldienst oder bei der Saisonarbeit – Ende 2017 knapp 23000 Minijobber, etwa 600 mehr als noch ein Jahr zuvor. Die Einführung des Mindestlohns hatte in Regensburg offenbar nicht den Effekt wie etwa in vielen Städten in den neuen Bundesländern: Dort sank die Zahl der Minijobs, weil Arbeitgeber den Preis dafür nicht zu zahlen bereit waren.

Bei den – ordnungsgemäß angemeldeten – geringfügig Beschäftigten in Privathaushalten stieg die Zahl von 707 auf 723. Interessant ist hier auch ein Blick auf Geschlechterverteilung und Altersgruppen: 671 Frauen waren hier zuletzt gemeldet, aber nur 36 Männer. Und: Je älter Frauen werden, desto häufiger haben sie einen oder mehrere Minijobs. Die Altersgruppen von 50 bis über 65 Jahre stellen das Gros der geringfügig Beschäftigen in Privathaushalten. Experten sehen hier einen eindeutigen Zusammenhang mit geringen Rentenansprüchen und steigender Altersarmut.

Mehr als zehn Prozent lassen putzen

  • Laut einer Umfrage

    der Minijobzentrale und des Forsa-Instituts beschäftigen elf Prozent der Deutschen eine Haushaltshilfe in ihrem Privathaushalt. In Westdeutschland sind es zwölf Prozent, im Osten nur sechs Prozent.

  • Einkommensabhängig:

    Ab einem Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 3500 Euro gaben Befragte deutlich häufiger als Menschen mit kleinerem Einkommen an, dass sie in ihrem Haushalt eine Hilfskraft engagieren.

  • Die mit Abstand meisten

    Privat-Minijobs firmieren unter dem Oberbegriff Reinigung. Weit seltener sind Dienstleistungen zur Betreuung, Hilfe im Garten oder bei der Grundstückspflege. Auf dem letzten Platz: Kinderbetreuung.

  • Die Beschäftigten

    erledigen meist Dinge, die der Arbeitgeber selbst nicht tun kann oder will. Das Ranking: Boden wischen (74 Prozent), Bad putzen und Staubsaugen (je 71), Fenster putzen (69), Staub wischen (64), Bügeln (20).

Bundesweit hat sich nach Angaben der Minijobzentrale, die direkt bei der Deutschen Rentenversicherung angedockt ist, die Zahl der Minijobber in privaten Haushalten von 2004 bis heute verachtfacht, auf rund 303000. Es seien aber nicht mehr Jobs geschaffen worden, sagt Sprecher Buschfort. Vielmehr sei es so, dass sich langsam, aber stetig der Anteil der sozialversicherungspflichtigen – also bei der Zentrale mit dem sogenannten Haushaltsscheckverfahren angemeldeten – Beschäftigten erhöht. Die Zuwachsraten würden zwischen 2,4 und sieben Prozent pro Jahr betragen.

Schwarzarbeit blüht noch immer

Buschfort: „Die Putzjobs blühten immer im Verborgenen. Jede angemeldete Haushaltshilfe ist ein Arbeitnehmer raus aus der Schwarzarbeit und rein in die Legalität. Mit Unfallversicherung, Rentenversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bei Schwangerschaft. Und der Arbeitgeber kann die Perle steuerlich geltend machen – die Anmeldung bringt also Vorteile für alle Beteiligten.“ Die Schwarzarbeit in diesem Bereich bleibe dennoch ein Thema, die Dunkelziffer sei hoch. Die Minijobzentrale geht davon aus, dass weit mehr als die Hälfte aller Beschäftigungsverhältnisse in Privathaushalten nach wie vor nicht angemeldet ist. „Das ist klassische Schwarzarbeit, am Fiskus und am Interesse der Beschäftigten vorbei“, bringt es der Pressesprecher auf den Punkt.

Wenn Personal knapp wird, greifen die „Gesetze“ des Markts. Die hohe Nachfrage nach Putzfrauen hat dazu geführt, dass Haushaltshilfen bis zu 15 Euro pro Stunde fordern – zwei Drittel mehr als der Mindestlohn. Und noch teurer kann es mit kommerziellen Vermittlungs-Agenturen werden, die wie Pilze aus dem Boden schießen. In Regensburg sind etwa „Helpling“ und „Betreut.de“ gelistet. Die Unterstützung ist überschaubar: Die einen melden für Regensburg „Fehlanzeige“, vor anderen warnen Kommentare wie „Abzocke“ oder gar „Betrug“.

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