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Piratenpartei

Piraten privat: Als Ritter und Herrchen unterwegs

Mitglieder der Partei stellt man sich als computerverliebte Nerds vor. Die Realität sieht anders aus. Der Kreischef spielt Mittelalter.
Von Marion Koller, MZ

Piratenvorsitzender Jürgen Cieslik taucht privat gerne ins Mittelalter ein.Foto: Cieslik

Regensburg. Mitte Mai haben die Piraten einen Regensburger Kreisverband aus der Taufe gehoben. Beobachter bei der Gründungsversammlung im Brandl-Bräu sahen das typische Bild: viele Männer und vier Frauen, Smartphones und aufgeklappte Laptops vor sich auf den Tischen. Doch wer tiefer eindringt und die neu gewählten Mitglieder des fünfköpfigen Kreisvorstands nach ihrem Privatleben fragt, entdeckt Unerwartetes. Kreisvorsitzender Jürgen Cieslik, Berufsschullehrer in Straubing, gehört einem Mittelalterverein an und lebt an manchen Wochenenden wie ein Landsknecht aus dem 14. Jahrhundert. Der joviale, Optimismus ausstrahlende 52-Jährige schlüpft in Beinlinge, legt das Wams an und setzt den Helm auf. Auf Mittelaltermärkten führt er mit seinen Passauer Vereinskameraden Waffen vor oder gibt einen Einblick in die damalige Medizin.

Die Reisen müssen „historisch“ sein

Jürgen Cieslik, geschieden und Vater zweier studierender Töchter, verreist auch gerne „historisch“, wie er sagt. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin streift er durch Burgen und Altstädte. „Deshalb gefällt es mir in Regensburg so gut“, erklärt der Wirtschaftslehrer. 2005 ist er von Mallersdorf in die Domstadt gezogen. In seinem Blog (gondrino-wordpress.com) charakterisiert sich Cieslik als politisch eher links. Er trete für bürgerliche Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und Toleranz ein. Der 52-Jährige wirkt mit seiner rundlichen Gestalt wie ein Genießer und räumt das auch in seinem Blog ein. Demnach liebt er Zigarren und Single Malt. Sein Musikinteresse ist populär, von Amy Winehouse über Gossip bis zu Genesis. Literarisch fesselt ihn die „Herr der Ringe“-Trilogie.

Parteipolitisch beschäftigt sich der rothaarige Hüne mit profanen Angelegenheiten: Der Kreisverband Regensburg muss sich erst einmal organisieren, mit Adresse und Homepage. Für ein Büro fehlen die Mittel.

Im Herbst soll beim ersten Kreisparteitag ein Programm verabschiedet werden. Doch das entwirft nicht der Vorstand. „Der Schwarm entscheidet“, betont Jürgen Cieslik. „Jeder kann vorschlagen und die Versammlung stimmt ab. Dann ist es im Parteiprogramm.“ Stellvertreter Manfred Dennerlein, ein 31-jähriger Softwareentwickler, ergänzt: „Man kann sogar Programmanträge einreichen, wenn man nicht Mitglied ist.“ Das wüssten viele Piraten nicht einmal.

Einige konkrete Vorstellungen hat Kreisvorsitzender Cieslik. Er strebt die Einführung eines ticketlosen Nahverkehrs an. Alle Regensburger sollten den ÖPNV mitfinanzieren und könnten ihn auch nutzen. „Eine Art Flatrate“, erklärt Cieslik. Er wünscht sich, dass Bildung kostenlos ist. Eine der beiden Crews der Piratenpartei, „Milliways“, bereitet einen Infostand zum Volksbegehren gegen Studiengebühren vor. Cieslik koordiniert die Arbeit der Basisgruppen „Milliways“ und „Sehbären“, die Fördermitglieder für Abgeordnetenwatch.de sucht. Auf dieser Plattform werden die Regensburger bald direkt mit den Stadträten in Kontakt treten können.

Manfred Dennerlein hat sich zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden wählen lassen, weil er zutiefst von Basisdemokratie überzeugt ist und im Hintergrund arbeiten möchte. Deshalb irritiert ihn die Interviewbitte. Seine Aufgabe sieht er darin, die Programmentwicklung zu unterstützen und koordinieren. Er habe als Vorstandsmitglied nicht mehr Einfluss, sondern mehr Verantwortung und Arbeit, sagt er. Dass bei der Piratenpartei jeder mitmachen und etwas bewegen kann, fasziniert den 31-Jährigen.

Bei der Frage nach seinem Privatleben muss er länger nachdenken. Wichtig ist ihm sein ständiger Begleiter Phlox, eine lammfromme, schwarz-weiße Bulldogge. Benannt nach einem Außerirdischen aus „Star Trek“. Auch auf Dennerleins Homepage springen dem User als erstes vier Fotos von Phlox ins Auge. Während das Herrchen Onlineauftritte programmiert, liegt ihm die Bulldogge den ganzen Tag zu Füßen. Vor eineinhalb Jahren ist IT-Fachmann Dennerlein nach Regensburg gezogen: in das Mehrgenerationen-Wohnprojekt Burgweinting. „Ich fand das sehr interessant“, schildert der Single. „Die Miete ist zwar ein bisschen höher, aber es lohnt sich.“ Manfred Dennerlein kennt vom dreijährigen Knirps bis zur 82-jährigen Dame jeden in seinem Haus. Diese Kontakte schätzt er. Im Übrigen tausche er sich mit Bekannten vom Regensburger Chaos Computer Club über IT-Themen aus. Auf seiner Homepage bezeichnet sich Dennerlein als Atheist und Humanist.

Zur Entspannung ins Kung Fu

Als IT-Unternehmer verfügt Kreisschatzmeister Erich Adam über eine knapp bemessene Freizeit. Diese investiert er in seine Partei. „Eine Herzensangelegenheit“, betont der 35-jährige Single und Chef der Creosoft GmbH. Denn als 2009 die EU eine Richtlinie für Software-Patente einführen wollte, bangte Adam um seine dreiköpfige Firma. „Lizenzgebühren, auch für kleinste Softwareteile, das wäre für mich existenzbedrohend gewesen“, sagt er. „Von den etablierten Parteien habe ich mich nicht verstanden gefühlt.“ Creosoft stellt maßgeschneiderte Computerprogramme für kleine Unternehmen her, etwa für Warenwirtschaft und Personalverwaltung.

Der Piraten-Schatzmeister sieht seine Aufgabe in der Verwaltung. Zwei politische Ziele müsse der Kreisverband ins Auge fassen: Der Stadtrat solle für den Bürger transparenter werden. Hier denkt Adam wie Vorsitzender Cieslik an Abgeordnetenwatch.de. Außerdem propagiert auch er den fahrscheinlosen Nahverkehr.

Beisitzer Dr. Ferenc Acs hat mehrmals die Stammtische besucht, ehe er der Partei beitrat. „Ich wollte sehen, was das für Menschen sind und ob man mit denen zusammenarbeiten kann“, erzählt der 40-Jährige, der Ende August erstmals Vater wird. Wie seine Parteifreunde wünscht sich der Wirtschaftspsychologe mehr Transparenz in der Kommunalpolitik. Nach welchen Kriterien werden öffentliche Gelder vergeben, wie laufen Genehmigungsverfahren ab? Auf Fragen wie diese solle der Bürger klare Antworten erhalten. Ansonsten werde Regensburg „ganz gut gemanagt“, urteilt er. Wenn er nicht gerade Firmenkunden berät, die Ausländer einstellen oder in China investieren wollen, wandert Dr. Acs gerne im Bayerischen Wald und übt sich bei der Kampfkunstschule Vo Lam in Kung Fu. „Man rennt nicht nur rum und stemmt nicht nur Gewichte, sondern es ist ein Mix aus allem“, begründet er seine Vorliebe.

Schwierig zu erreichen ist der zweite Beisitzer, Tomislav Dujmovic. Als Handwerksmeister hetzt er von Baustelle zu Baustelle. Am Nachmittag trifft die knappe Antwort-Mail ein. Der 35-Jährige schreibt, er sei ledig, dafür aber vierfacher Onkel. An den Wochenenden rockt er als DJ die Clubs und spielt in einer Band. Der Sanitärfachmann wandert, tanzt, schwimmt und verreist gerne. Zu einer Lektüre wie „Herr der Ringe“ kommt er nicht, weil er Fachliteratur wälzen muss.

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