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Training

Polizisten lernen Krav Maga

In Regensburger werden Beamte aus aller Welt in Selbstverteidigung geschult. Mit der israelischen Kampftechnik bleibt selbst eine leere Pistole gefährlich.
Von Gabi Hueber-Lutz, MZ

  • Zwei Angreifer und ein Verteidiger – beim Krav Maga geht es um Effizienz. Foto: Hueber-Lutz
  • Nachladen: Im Training wird scharf geschossen. Viele Teilnehmer tragen kugelsichere Westen. Foto: Hueber-Lutz
  • Eyal Yanilov demonstriert den Einsatz der Schusswaffe. Foto: Hueber-Lutz
  • Eyal Yanilov zeigt, wie er eine Waffe, aus der gerade geschossen wird, zur Seite biegt. Foto: Hueber-Lutz

REGENSBURG. Es wird scharf geschossen in der Schießanlage Bockenberg. 18 Männer und eine Frau liefern sich Kämpfe mit bewaffneten Angreifern und feuern anschließend ihr Magazin Richtung Zielscheibe leer. Die Waffen der Angreifer sind stumpf, die der Angegriffenen bei einem Teil der Übungen scharf. Mittendrin Eyal Yanilov, israelischer Trainer, der Krav Maga unterrichtet, einer Kampfart, die vom israelischen Geheimdienst Mossad bei der Ausbildung seiner Agenten eingesetzt wird.

Yanilovs Schüler sind größtenteils im Polizeidienst und aus Deutschland, Norwegen, Schweden, Belgien, Dänemark und Tschechien nach Regensburg gekommen. Zehn Tage trainieren sie mit ihrem israelischen Instruktor viele Situationen, wie sie im täglichen Polizeieinsatz vorkommen. Matthias Birkner ist Inhaber der Krav Maga-Schule, die den Kurs veranstaltet. Gewalt gegen Polizisten gehe durch die Medien, sagt er. Polizisten stünden aber teilweise auch wegen überhöhter Gewalt in der Kritik. Gleichzeitig herrsche Personalmangel bei der Polizei und die Zeit für Training schrumpfe.

Training auch mit scharfen Waffen

Fakten, zu denen Krav Maga sehr gut passe. Denn der Anspruch dieser Form der Selbstverteidigung sei es, in möglichst kurzer Zeit möglichst effektive Methoden zu erlernen, um sich selbst zu schützen und einen Einsatz so gewaltfrei wie möglich abzuwickeln. Im Schießstand Bockenberg geht es sehr konzentriert zu. Der sorgfältige Umgang mit den scharf geladenen Waffen ist Pflicht. Viele Teilnehmer tragen kugelsichere Westen. Allerdings nicht, weil sie Angst vor Verletzungen haben, sondern weil die Weste Teil ihrer Arbeitsbekleidung im Einsatz ist und das Training unter möglichst realistischen Bedingungen stattfinden soll.

Für den unbedarften Zuschauer ist es jedoch zunächst ein eigenartiges Gefühl, sich ganz in der Nähe scharf geladener Waffen zu befinden, auch wenn sämtliche Teilnehmer große Sicherheit ausstrahlen und über dem ganzen Szenario trotz der lebensecht gestellten Kampfszenen eine große Ruhe und Disziplin liegt. Eyal Yanilov zieht das Training sehr konzentriert durch. „In the line guys“, kommandiert er und erklärt eine Trainingssequenz, in der die Waffe zum Einsatz kommt.

Yanilov läuft immer mit

Die Etappen sind klar: erstes Feuern, zweites Feuern, dann Faustkampf. Auch für die MZ-Reporterin gibt es eine Regel: Matthias Birkner zeigt auf zwei der Teilnehmer: „Die dürfen nicht fotografiert werden.“ Sie sind als verdeckte Ermittler tätig, ihr Bild in der Zeitung wäre nicht im Sinn ihres Auftrags.

Die Sequenz beginnt. Yanilov lässt den jeweils Übenden keine Sekunde allein, läuft die erste Etappe hinter ihm her, steht beim Schießen neben ihm, läuft die zweite Etappe hinterher, steht beim Schießen wieder neben ihm und nimmt ihm dann die echte Pistole aus der Hand, tauscht sie gegen ein Plastikexemplar aus. Denn mit dem zweimaligen Feuern ist das Szenario noch nicht beendet. Vielmehr wird angenommen, dass der Angreifer weiterhin handlungsfähig und aggressiv ist. Nun gilt es zu kämpfen, Mann gegen Mann. Die Pistole mutiert dabei zum Schlaginstrument.

Matthias Birkner erklärt die Feinheiten bei dieser Übungssequenz. Yanilov läuft deswegen hinter dem Übenden her, damit der keinen Fehler mit schwerwiegenden Folgen macht. Schließlich wird ja mit scharfer Munition geübt. Auch wenn das Magazin nach der zweiten Salve eigentlich leer geschossen ist, nimmt Yanilov dem Schützen die Pistole sofort aus der Hand und ersetzt sie durch das blaue Plastikimitat. Hier zeigt sich ein Unterschied zur üblichen Ausbildung von Polizisten in Deutschland. Eine Pistole, die leer geschossen ist, wird als nutzlos angesehen und wieder in den Holster gesteckt. Pistole benutzen und dann sofort wieder in den Holster, das sei in der deutschen Ausbildung ein Automatismus, sagt Birkner.

Anders beim Krav Maga. Dem Grundsatz der höchsten Effektivität widerspricht es nämlich, die Pistole in einer Gefahrensituation erst wegzustecken. Das kostet Zeit, die der Angreifer zu seinem Vorteil nutzen kann.

Lernen im Urlaub auf eigene Kosten

Deswegen wird die Pistole im Krav Maga auch weiterhin als Waffe genutzt, nun als Schlagwaffe. Als Schlagwaffe wird die Pistole auch dann eingesetzt, wenn das Schießen mehr Probleme machen als lösen würde. Yanilov bringt es auf den Punkt: „Die Verantwortung des Polizisten ist es, nicht zu schießen.“

Tino Enders, einer der Teilnehmer, ist bei der Polizei in Hamburg für die Ausbildung in Selbstverteidigung zuständig und lässt hier viele Elemente von Krav Maga einfließen. Die personelle Situation bei der Polizei sei nicht die beste sagt auch er und die Einsätze werden immer vielfältiger. Sehr viel Zeit zum Trainieren bleibe deshalb nicht. Da sei es wichtig, möglichst effektiv zu arbeiten. Bestandteil der deutschen Polizeiausbildung sei die Methode noch nicht, bedauert er.

Nur die beiden Teilnehmer aus Norwegen und Dänemark bekommen die Schulung bezahlt. Für die deutschen Teilnehmer ist die zehntägige Schulung ihre Privatsache, für die sie Urlaub nehmen und die sie selber finanzieren müssen.

Viele der deutschen Teilnehmer haben Krav Maga aber zu einem zweiten Standbein gemacht und unterrichten in entsprechenden Schulen. Denn auch für Zivilisten ist diese Form der Selbstverteidigung eine äußerst effektive Art und Weise, sich vor Übergriffen zu schützen.

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