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„Priester war ein Berufswunsch wie Lokführer“

Für Herbert Winterholler war es gar keine Frage, Seelsorger zu werden. Er war Internatsleiter und Gemeinde-Pfarrer. Jetzt geht er in Rente.
Von Helmut Wanner, MZ

Pfarrer Dr. Herbert Winterholler vor der Figur des Heiligen Bonifaz, Patron der Kirchengemeinde an der Killermannstraße Foto: Wanner

Regensburg.Kindergarten gebaut, Kirche saniert, Orgel erneuert, Friedhof erweitert… Wenn ein Pfarrer geht, liest sich das oft wie die Verabschiedung des Geschäftsführers eines mittelständischen Betriebs.

Was kann Dr. Herbert Winterholler vorweisen? „Gebaut hab ich gar nix“, sagt der 72-Jährige mit seiner flinken, niederbayerischen Zunge. Der in Plattling Geborene lächelt über die Ironie des Schicksals, als Sohn eines Baustoffhändlers (BayWa) nichts Handfestes vorweisen zu können. Wie soll man ein Priesterleben bilanzieren? Seelsorge, Stärkung im Glauben haben kein irdisches Gewicht, sie sind nur mit himmlischen Waagen messbar.

„Mit einem Atheisten sprechen“

Weder in den 21 Jahren bei den Domspatzen, noch in den 18 Jahren als Gemeindepfarrer im Stadtwesten hat Winterholler Zementspuren hinterlassen. Und dennoch lassen sie ihn immer ungern ziehen, „unseren Internatsleiter“ und jetzt „unseren Pfarrer“. Wohl deswegen, weil er den Glauben im Herzen Wurzeln schlagen ließ. Winterholler meditiert seit er denken kann, sein Mantra ist der Name Jesus Christus. „Wenn der Glaube nur im Kopf ist, verdunstet er.“

Dr. Winterholler muss heute noch lachen, wenn er die, sicher gut gemeinte Schlagzeile von 1996 zitiert: „Der gute Hirte verlässt seine Schafe“. Am 5. September ist es wieder so weit. Dieser erste Freitag im September ist sein letzter Tag in der 5000-Seelen-Gemeinde St. Bonifaz. Am kommenden Sonntag feiert er Abschied von der Killermannstraße. Einen ungewöhnlichen Wunsch hat der Optimist für den Ruhestand: „Ich möchte einmal mit einem echten Atheisten sprechen.“

Letzte Predigt: Über den Sämann

Mit einem Bein ist er schon weg. Er wohnt nicht mehr im Pfarrhaus. Das wird für seinen Nachfolger umgebaut. Sein Büro ist jetzt der große Pfarrsaal, der ein Bild heillosen Durcheinanders bietet. Dr. Winterhollers neue Adresse ist dieses anonyme Konglomerat von weiß getünchten Starenkobeln bei den Barmherzigen Brüdern, in der Freiherr-vom-Stein-Straße.

Seine letzte Predigt hat er dort geschrieben. Sie ist in Grundzügen fertig. Der Zufall will es, dass er zu Mt 13,1-23 predigen muss, dem Gleichnis vom Sämann. „Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat“.

Es wird wieder eine gute Predigt, ein gutes Samenkorn. Trotz seiner vielen guten Predigten schrumpft die Zahl der Kirchenbesucher auch in St. Bonifaz. Winterholler: „Jede Woche kommt ein Austrittsschreiben.“ Aber ist er dafür verantwortlich oder Tebartz van Elst? Er stellt sich diese Fragen. Aber er weiß auch, Erfolg ist kein Name Gottes: „Ich bin dankbar, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die das Angebot annehmen.“ Der Priester stellt fest, dass am Niedergang nicht nur die Kirche schuld ist. „Die Menschen haben zum Teil keine Antenne mehr für das Transzendente. Die Liturgie wird für immer mehr Menschen zur Fremdsprache.“

Bei all dem ungeschönten Realismus ist es Winterholler fast schon peinlich zu erwähnen: „12 sind Priester geworden.“ 12 ehemalige Domspatzen bezeugen, dass ihnen Winterholler durch seine Impulse, durch sein bloßes Dasein die Türe zum Priesterberuf aufgestoßen hat.

Christof Hartmann bestätigt: „Er war ein offener Typ, der die Freiheit achtete. Man konnte mit ihm reden, ohne den Eindruck zu haben, man gehe zum Beichten.“ Der Chormanager war Zehntklässler und Kulturreferent der SMV des Domgymnasiums, als Winterholler 1975 ins Kaff kam. Der Doktor der Theologie hatte über den Freiheitsbegriff bei Karl Rahner promoviert.

Vielleicht war es seine Ausbildung am Germanicum in Rom, seine profunden Kenntnisse in Philosophie, die ihn für die heranwachsenden Domspatzen so wertvoll machten. Hartmann: „Er war total diskussionsfreudig. Man konnte sich an ihm reiben und dabei seine eigene Meinung bilden.“

Priester wurde er so selbstverständlich, wie man heute „was mit Medien“ macht. „Früher war das ein Kinderwunsch wie Lokführer.“ Aber erst sein Religionslehrer am Bischöflichen Knabenseminar in Straubing räumte ihm den Stein weg, als er ihm die Bibelstelle Mt. 16, 25 („Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen“) ausdeutete: „Das heißt nicht, dass man es hier auf Erden schlecht hat und erst im Himmel schön.“ Wer seinen Ego-Panzer durchbreche und für andere Frucht bringe, der könne schon auf Erden ein erfolgreicheres Leben führen.

Zu den Domspatzen kam Dr. Winterholler wie die Jungfrau zum Kind. Winterholler war der sechste und erfolgreiche Versuch von Fritz Morgenschweis, die Stelle zu besetzen. Als Cellist, Organist und Pianist schien er prädestiniert dafür. Winterholler traf den Ton bei den Schülern der Oberstufe, wenn er das Zusammenleben beim Kaffball oder die Abende im Kobel mit ihnen klärte. Bis zu vier Bibelkreise bot er gleichzeitig an, dazu Gruppen über Pubertätsprobleme für Schüler nach dem Stimmbruch.

Im Internet wird sein Leben als Internatsleiter auf eine Frage reduziert: Warum hat er zu den Missbrauchsvorwürfen geschwiegen? Auch wenn alle diese Vorkommnisse vor seiner Zeit waren – das weltweite Netz kennt kein Erbarmen.

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