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Themenwoche

Privat oder staatlich: Zwei Schulbesuche

Zwischen Frontalunterricht und Freiarbeit: MZ-Autorin Marion Koller hat sich zwei Unterrichtsstunden angesehen.
Von Marion Koller, MZ

Spannende Römervergangenheit: Die Kinder an der Gerhardinger-Schule suchen sich Lektüre, Skizzen und Bilder für ihre Heimatkunde-Arbeit selbst .
Spannende Römervergangenheit: Die Kinder an der Gerhardinger-Schule suchen sich Lektüre, Skizzen und Bilder für ihre Heimatkunde-Arbeit selbst . Foto: altrofoto.de

Regensburg.Die Domstadt bietet viele private Grundschulen: von Montessori bis zur kirchlichen Bischof-Manfred-Müller-Schule. Zuletzt ist Waldorf dazugekommen. Bei der Einschulung haben Eltern also die Qual der Wahl. Wie unterscheidet sich der Unterricht in der wichtigen vierten Klasse? Wir haben eine Stunde in der staatlichen Gerhardinger-Schule in Stadtamhof und bei Montessori im Prüfeninger Schloss besucht – und eine Schulexpertin befragt.

Ein Besuch in der Gerhardinger-Schule:

Auch in staatlichen Grundschulen gehört der reine Frontalunterricht der Vergangenheit an. In der Gerhardinger-Schule stürmen die 27 Viertklässler an diesem Mittwoch aus der Pause ins Klassenzimmer zurück. Viele trinken aus ihren Kunststoffflaschen, ehe sie sich ihrer Portfolio-Arbeit „Die Römer in Regensburg“ widmen. Klassenleiterin Mechthild Baumann steht nur wenige Minuten vorne am Pult und fragt die Neun- bis Zehnjährigen, was für sie am Tag zuvor beim Besuch im Historischen Museum am wichtigsten war. Mindestens 20 Finger schnellen in die Höhe. Einen Jungen hat die Legionärsausrüstung fasziniert. Ein Mädchen fand die nachgebaute Römerwohnung „ganz gut“. Ein weiterer Klassenkamerad schwärmt vom Schmuck, einem anderen fällt auf, dass das Marc-Aurel-Ufer nach dem Kaiser benannt ist, der auf einer Münze zu sehen war. Baumann ist sichtlich zufrieden mit ihrer Klasse, deren Raum mit seinem Parkettboden, dem Sofa und den Fenstern ins Grün wie ein Wohnzimmer wirkt. Sie fragt: „Was müsst ihr beachten, wenn ihr das Portfolio ausarbeitet?“ Aus den Schülern sprudelt es nur so heraus: „Es soll gut und sauber gestaltet sein, es soll die richtige Mischung aus Text und Bild sein.“ Die Klassenleiterin erinnert die Kinder daran, den Text nicht abzuschreiben.

Dann übernehmen die Schüler die Regie im Heimat- und Sachkundeunterricht. An Tischen mit Römerbüchern, Fotos und Zeichnungen suchen sie sich aus, was sie für ihre zehnseitige Dokumentation benötigen. Pia greift nach einem Plan vom Legionslager und dem Bild eines Legionärs. Baumann mischt sich nur ein, wenn sie um Hilfe gebeten wird. Beim vierwöchigen Römer-Thema wechseln sich Projektarbeit und Unterrichtsgespräch ab.

Der bayerische Grundschul-Lehrplan betont, dass die Kinder bei gemeinsamen Alltagshandlungen und Bildungsaktivitäten lernen sollten. Im Vordergrund steht das Entdecken von „Sinnzusammenhängen“. Mechthild Baumann beruft sich stolz auf die Lehrplan-Ziele, während Schüler Teo die Besucherin von der MZ auffordert, doch seine fertige Castra-Regina-Seite anzusehen. Der Lehrplan fordere kompetenzorientierten Unterricht, er drehe sich nicht nur um Inhalte, sondern lege Wert auf Techniken und Fertigkeiten, sagt die Lehrerin. „Die Kinder machen das Römer-Portfolio und präsentieren es.“

So sieht der Unterricht in anderen Ländern aus: Klicken Sie sich durch die Grafik.

Alles schön und gut, doch was ist mit dem Übertrittsdruck in der vierten Klasse, unter dem viele Schüler leiden – oft natürlich hausgemacht durch die Eltern? Die Gerhardinger-Schule weist eine Übertrittsquote von mehr als 50 Prozent ans Gymnasium auf. Nur zwei bis drei Kinder pro Klasse wechseln auf die Mittelschule. Mechthild Baumann und Schulleiterin Rita Schmid beraten die Eltern. Die meisten orientierten sich an diesem fachlichen Urteil, sagen die Lehrkräfte. Nur ein kleiner Teil reagiert uneinsichtig. Beide Pädagoginnen betonen: „Wir wollen auf keinen Fall, dass die Kinder mit zig Nachhilfestunden auf diesen Schritt hingetrimmt werden.“ Schmid sagt: „Wenn sie in der Grundschule schon Nachhilfe brauchen, ist das eine Katastrophe.“ Die Rektorin wünscht sich jedoch auch für Bayern die baden-württembergische Regelung. Dort entscheidet der Elternwille, nicht wie in Bayern der Notendurchschnitt von 2,33.

Zu Besuch in der Montessori Schule

Die private Montessori-Schule verzichtet auf Noten und Proben. Und darüber ist Lehrerin Christa Bacherler sehr glücklich. „Wir können die Kinder dort abholen, wo sie stehen“, erklärt sie. „Wenn ein Schüler länger für das Einmaleins braucht, spielt das keine Rolle.“ Umgekehrt gebe es Drittklässler, die locker mit dem Stoff der vierten Klasse klarkommen. „Die kriegen entsprechende Aufgaben“, sagt Bacherler. Die Kehrseite: Kinder, die ans staatliche Gymnasium wechseln wollen, müssen den dortigen Probeunterricht bewältigen. Montessori bereitet sie mit einem Übertrittstraining vor. Die Hälfte der Viertklässler versucht den Sprung ans G8 oder die Realschule. Wer bei Montessori bleibt, kann über die private FOS das Fachabitur anstreben. Christa Bacherler unterrichtet eine jahrgangsgemischte Klasse mit 26 Kindern, sechs davon sind in der vierten Klasse. Beim MZ-Besuch im ehemaligen Kloster sitzen die Viertklässler Linus, Nina, Lilja und Katie im Gang am Boden, vor ihnen liegt das Bankspiel, ein Arbeitsmaterial zum Üben der Multiplikation. Katie ist der Bankier, Nina die Kundin, Lilja wechselt Geld, Linus überprüft alles mit dem Taschenrechner. Lilja (10) klagt über das Rechnen. Und Linus meint: „Das Beste ist, Kunde zu sein, weil man da nur eine Aufgabe sagen muss.“

Das Spiel ist aus, jetzt wechselt Nina in den Klassenraum. Die Achtjährige brütet über einer Deutschtabelle. Sie muss Mustersätze ins Präsenz oder Präteritum setzen: „Ich wasche mich, ich wusch mich“. Im Nachbarzimmer lernen die Erst- und Zweitklässler. Anton schreibt Steckbriefe über Planeten und Michael übt das kleine Einmaleins. Später legen mehrere Kinder am Boden den Geburtstags-Jahreskreis, denn heute feiert ein Mädchen. Sie muss die Monate im Kreis so oft umrunden, wie es ihr Alter verlangt. Eine Freiarbeitslehrerin unterstützt die Klassenleiterin.

Sehen Sie im Video: Die Grundschule – Zahlen aus dem MZ-Gebiet

Video: MZ

Frontalunterricht kennt die Montessori-Schule nicht. Dort heißt es „Darbietung“, wenn Lehrerin Christa Bachlerer einer Gruppe neues Lernmaterial oder ein Thema vorstellt. In einem wandhohen Regal stapelt sich das Material. Ein Schachbrett mit Nummerierung zum Einmaleins-Üben ist zu sehen, bunte Perlenstäbchen zum Rechnen. Gründerin Maria Montessori legte enormen Wert auf das Sinnesmaterial. Stets wird in Verbindung mit Bewegung gehandelt. So kommt das Kind vom Greifen zum Begreifen, also vom konkreten Erfahren zum abstrakten Verstehen der Dinge.

Die Eltern bezahlen für die Privatschule etwa 190 Euro monatlich, ohne Essen und Mittagsbetreuung. Die kommissarische Leiterin Jutta Fischer bedauert denn auch, dass trotz Zuschüssen kaum Kinder aus wirtschaftlich schwachen Familien angemeldet werden. „Damit hadere ich.“ Die Pädagogin räumt ein, dass einzelne Kinder mit der Vielzahl an Materialien und Lernangeboten nicht so gut zurechtkommen. „Bei diesen Kindern muss man genauer hingucken, um ihren individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden“, erklärt sie. Quereinsteiger von der Regelschule seien dort oft mit dem System, dem Druck oder einer Lehrkraft nicht klar gekommen oder hätten eine Lernschwäche-Diagnose erhalten. „Bei der Zusammenstellung der Klassen achten wir aber immer auf eine gute Mischung“, versichert Fischer.

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Das sagt die Expertin:

Forscherin Dr. Ulrike Lichtinger vom Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Universität Regensburg kennt beide Schularten gut. Die rund 400 deutschen Montessori-Schulen werben mit einer Atmosphäre der Wertschätzung sowie individuellen Lernmöglichkeiten für die Schüler durch freie Arbeit. Ob und wie sich dies, soweit tatsächlich vorhanden, auch auf die Schüler niederschlage, sei in mehreren Studien erforscht worden. Das Ergebnis laut Lichtinger: Die Lernleistungen in Sprache und Mathematik sowie das Sozialverhalten seien gleich oder besser als die vergleichbarer Schüler an Regelschulen. Prägnanter habe sich gezeigt, dass Montessori-Schulen die Entwicklung des eigenen Willens zu fördern scheinen, sagt die Wissenschaftlerin. Durch die Freigabe der Inhalte könnten die individuellen Wünsche der Kinder stärker berücksichtigt werden, da sie ihren eigenen Lerninteressen folgten und nicht ein für alle vorgegebenes, fast gleiches Programm absolvieren müssten. Der Nachteil: Dies erfordere große Selbstverantwortung und Autonomiefähigkeit der Kinder.

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