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Regensburg bleibt im Zoffen einfach gut

Unglaublich: Die CSU hat sich wieder lieb. Schlegl will nach USA, Wolbergs auch. Wir haben keinen Papst mehr, nur die Wiese. Und Tebartz-van Elst.
Von Heinz Klein, MZ

Hätten die Christlich-Sozialen nicht wieder die richtige Auffahrt zur Einigung gefunden, hätten sie wohl bei der Kommunalwahl in die Röhre (rechts) geschaut. Foto: Winter

Regensburg. Regensburg war stets ein Ort der anhaltenden Uneinigkeit, ja, man könnte sogar sagen, des steten Streitens. Das machte den Regensburgern schon die Donau vor, die am nördlichsten Punkt ihres Fließens einen radikalen Kurswechsel einleitet und sich auch noch verzweigt, um sich alsdann wieder zu vereinen. Diesem Beispiel folgte 2013 auch die seit vielen Jahren zutiefst zerstrittene Regensburger CSU.

Einer, der dereinst durchaus sein Scherflein zur Streiterei beigetragen hatte, erfand sich kurz vor der endgültigen Spaltung der Partei als Friedensengel neu und einte die CSU wieder. Dr. Franz Rieger, Regensburgs Abgesandter in den Bayerischen Landtag, schloss einen Burgfrieden, der inzwischen schon bedrohlich lange hält und Anhänger der Dampfkochtopftheorie Schlimmes befürchten lässt. Denn wo der steigende Druck aus einem Gefäß nicht entweichen kann, da fliegen irgendwann die Fetzen – je später, umso heftiger. Das wäre ein Zustand, der bei CSU-Mitgliedern zwar starke Heimatgefühle auslösen, der Partei aber insgesamt nicht guttun würde.

Großspuriger als Barack Obama

Immerhin ist der OB-Kandidat der CSU ein Kind dieses Burgfriedens: Christian Schlegl – durch Wahlplakate bekannt als der Mann, der es kann. Dabei kann man ihm schon ein wenig Unbescheidenheit vorwerfen, schließlich tritt er in seinem Wahlkampf großspuriger auf, als es selbst US-Präsident Barack Obama wagte. Der überzog das Land mit einem „Yes we can“ (Ja, wir können‘s). Christian Schlegl („er kann’s“) braucht uns gar nicht, er kann es alleine. Naja, nicht ganz alleine, unsere Stimmen braucht er schon. Da sollte er dazwischen mal was anderes plakatieren lassen. Wie wär’s mit „Yes, I need you!“ Wenn Schlegl es wirklich kann, dann wäre er im Grunde latent US-präsidiabel und wir Regensburger dürften uns nie ganz sicher sein, ob er nicht irgendwann mal abhebt und über den Teich macht. Auch bei seinem ärgsten Rivalen Joachim Wolbergs gibt es übrigens zarte Hinweise, dass er an einer Politkarriere im Ausland bastelt. Der OB-Kandidat der SPD trainiert ja sogar schon auf seinen Wahlplakaten mit der Hantel. Das hat Arnold Schwarzenegger auch gemacht, und dann ist er Gouverneur in Kalifornien geworden.

Auf der Papstwiese in die 1. Liga?

Da wächst also womöglich neue internationale Prominenz, während die alte in der vatikanischen Versenkung verschwunden ist. Zu Beginn des Jahres 2013 hatte Regensburg noch einen Papst, am Ende des Jahres hat es nur noch eine Papstwiese. Die ist durch die gewaltigen Bautätigkeiten für das neue Jahnstadion zwar nicht unmittelbar betroffen. Wenn der Jahn allerdings in die Erste Bundesliga aufsteigen wird, was im Moment nur die eingefleischten Fans vom Turm, die „power vom tower“ ahnt, wird der Platzbedarf sicher wachsen und die Papstwiese Ziel fußballerischer Begehrlichkeit werden.

Im Vatikan ist Regensburg trotz allem noch stark vertreten. Neben einem Papst i.R. amtiert dort bekanntlich Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, der sich als Bischof in Regensburg streitkulturell schnell eingelebt hatte und jetzt im Vatikan als Chef der Glaubenskongregation den Widerhaken zum neuen Papst gibt. Die Welt liebt Franziskus für seine Bescheidenheit und seinen Reformeifer und der Erzbischof aus Regensburg kämpft für das Gegenteil. Ein Standpunkt, der nicht schäfchennah, aus dem Blickwinkel der Kirchengeschichte betrachtet aber wahrscheinlich doch zukunftsfähig ist.

Wenig bürgernah zeigte sich auch ein anderer Regensburger, der ein klassisches Regensburger Zwistfünkchen in den Landesvorstand der bayerischen Katholiken trug und dort mit seinem Engagement für den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst für Zoff sorgte. Dr. Albert Schmid, einstmals Regensburger OB-Kandidat und nun Oberster im Landeskomitee der Katholiken, durfte bei Günther Jauch den großen Tebartz-van-Elst-Versteher geben und beherbergte den Skandal-Bischof. Auf Geheiß des Papstes wechselte Tebartz-van Elst dann ins nahe Kloster Metten, wo ihm innere Einkehr auferlegt ist. Doch prompt wurde er wenig später mit Albert Schmid bei der äußeren Einkehr im Regensburger Orphee gesichtet. Ja, wenn das auch geht. Selbst im Regensburger Ordinariat keimte die Sorge, die Nähe des Skandalbischofs könne beim Bürger für Argwohn sorgen, als man im Herbst verkünden musste, die Generalsanierung des Ordinariats werde nun nicht mehr zehn, sondern 22 Millionen Euro kosten.

Zahlen ja – gucken nein!

Nein, war er nicht! Und der neue Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat schließlich auch ganz brav auf die Sauna verzichtet, die sich sein Amtsvorgänger noch in die nagelneue Bischofswohnung einbauen lassen wollte. Trotzdem gestattet auch er den Regensburgern keinen Blick auf seine neue Behausung. Wenn die Lämmchen sie schon bezahlen, müssen sie sie ja nicht auch noch sehen, oder? Nein, nicht mal von außen!

Man sieht, die Kunst des Streitens ist schon noch zuhause zwischen den altehrwürdigen Mauern dieser Stadt. Und von Regensburg aus werden die Streitfünkchen auch weiterhin erfolgreich in alle Welt exportiert. Noch ein Beispiel gefällig?

Wer kannte sich zum Schluss noch aus beim Ironman? Einst wollte der Veranstalter mit seiner weltbekannten Dreifachschinderei gerne nach Regensburg kommen und die Stadt nahm einiges Geld in die Hand, um sich mit der Weltmarke Ironman schmücken zu dürfen. Das erregte Neid bei anderen Vereinen, Einspruch bei den durch Straßensperrungen behinderten Bauern und dann giftete auch noch Weihnachtsmarkt-Romantiker Peter Kittel, warum man für eine lebensgefährliche Randsportart von lauter Irren soviel Geld zum Fenster rauswerfe, während sein armes Christkindl ganz ohne städtische Alimentierung viele, viele Besucher in die Stadt locken müsse.

Streiten ist Brauchtumspflege

Ironman gestaltete den nächsten Event bauernfreundlicher, doch viele Eisenmänner und -frauen blieben aus. Dann pausierte man ein Jahr, um schließlich feierlich zu verkünden, dass es 2014 wieder einen Ironman in Regensburg geben wird – oder doch nicht? Die präzisen Auskünfte schwankten wochenlang zwischen „ja schon“ und „nö, nix da“. Als niemand mehr wusste, was los ist, kam nun das endgültige Aus. Nur Sportbürgermeister Gerhard Weber pocht eisern auf Einhaltung der Verträge. Will er die Triathleten vielleicht in Ketten zum Ironman nach Regensburg schleifen? Mein Gott, wenn die dann mit der schweren Fessel blubbernd im Guggi versinken?! Passt da bitte jemand auf.

Und sogar bei der Wirte-Initiative, die die rechte Szene durch das Nichtbedienen von Nazis systematisch austrocknen will, hat ein Zwistfünkchen gereicht, um einen schönen Streit zu entfachen. Jetzt zoffen sich Sion Israel und sein Verein um Namensrechte und Preisgelder. Die Nazis würden auf soviel Bereitschaft zur Selbstzerfleischung gerne anstoßen, wenn sie ein Bier kriegen würden. Kriegen sie aber nicht.

Man sieht: Auch im neuen Jahr wird in dieser wunderbaren Stadt weiterhin eisern gestritten. Das nennt man gelebte Brauchtumspflege. Themen zum Zoffen haben wir ja schließlich genug. Und wenn gerade gar nichts geht, dann planen wir einfach mal ’ne Brücke über die Donau.

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