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Umwelt

Regensburger Fachwissen im Senegal gefragt

Die Ingenieure ohne Grenzen helfen beim Bau einer Berufsschule für Solartechnik und Erneuerbare Energien und bei der Entwicklung der Lehrbücher.
von Christine Strasser, MZ

  • Der Ingenieur Hans-Georg Sixdorf lässt sich von Einheimischen zeigen, wo der Neubau für die Berufsschule in Baila entstehen soll. Foto: Ingenieure ohne Grenzen
  • Im Unterricht für die künftigen Elektriker werden die neuen Lehrbücher begutachtet. Foto: Ingenieure ohne Grenzen
  • Aus einem Brunnen wird eine Wasserprobe entnommen. Foto: Ingenieure ohne Grenzen

Regensburg. Hans-Georg Sixdorf ist zurück aus einer fremden Welt. Einer Welt, in der Waschen so funktioniert: einen zahnbechergroßen Blechbehälter in einen Eimer mit Wasser tauchen und sich das Wasser über den Kopf schütten. Einer Welt, in der es Handys gibt, aber der Strom aus der Steckdose fehlt, um den Akku aufzuladen. Einer Welt, in der Kinder schon eine Stunde vor Unterrichtsbeginn vor dem Schulhaus sitzen und in ihren Büchern blättern – gierig nach Wissen.

Sixdorf war im Senegal. Zwei Wochen lang hat der Regensburger für die Hilfsorganisation Ingenieure ohne Grenzen (IoG) in dem nordafrikanischen Land, die Bedingungen für ein neues Projekt erkundet. In Baila, einem Ort mit 2500 Einwohnern in der Provinz Casamance, soll in Kooperation mit dem Verein Kinderhilfe Senegal ein Erweiterungsbau für eine Berufsschule entstehen. So soll auch Raum geschaffen werden, für zwei neue Ausbildungsrichtungen: Solartechnik und Erneuerbare Energien.

Aufbauausbildung für Elektriker

Der Bereich Solartechnik oder Photovoltaik richtet sich an die Elektriker, die an der Berufsschule unterrichtet werden. Es handelt sich dabei sozusagen um eine Aufbauausbildung. Der Unterricht in dem Fach Erneuerbare Energien wird in alle Ausbildungsrichtungen der Schule von den Schlossern über die Köche bis zu den Friseuren integriert. Wie Sixdorf erklärt, sollen die Jugendlichen dafür sensibel gemacht werden, dass Strom nicht unbedingt durch das Verbrennen von Erdgas oder Erdöl oder durch Atomkraftwerke hergestellt werden muss. Sie lernen den sorgsamen Umgang mit Wasser und wie sie Energie sparen können.

Die Regensburger Regionalgruppe der Ingenieure ohne Grenzen liefert die Unterlagen für die Erarbeitung der Lehrmaterialien. Sie wirkt bei der Ausbildung der Berufsschullehrer mit sowie beim Bau und der Ausstattung des Schulgebäudes. Die Ingenieure sammeln Spenden für eine Anschubfinanzierung. Nach dem Start des Projekts übernimmt der senegalesische Staat die Kosten für den Betrieb der Schule.

Sixdorf war in Dakar, um im Ministerium für Berufsausbildung, der deutschen Botschaft iund mit Vertretern der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) Gespräche zu führen. Von der Hauptstadt aus ging es für die neunköpfige Erkundungstruppe in das Dorf Suda. Dort gibt es weder fließend Wasser noch Strom. Die Toilette war ein Loch in einem Feld, das von Sträuchern umgeben war. „Wenn es voll ist, wird ein neues Loch gegraben“, beschreibt Sixdorf die kargen Verhältnisse.

In dem Dorf Baila, wo sich die Berufsschule befindet, durften die Besucher an einer Réunion teilnehmen. Das ist eine Versammlung, bei der sämtliche Gruppen des Dorfes vertreten sind: die ältesten Männer, die ältesten Frauen, die jungen Männer, die jungen Frauen, Vertreter der Religion, Lehrer, Unternehmer etc. Sie diskutieren über ihre Anliegen.

Es geht in diesen Versammlungen um die Wasserversorgung, die Verlegung einer Schule, die Bezahlung einer Kindergärtnerin und vieles mehr. Zur Vorgehensweise der Ingenieure ohne Grenzen gehört es, sich mit den ökologischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen vor Ort vertraut zu machen, erklärt Sixdorf. Das sei hilfreich, um zielgerichteter zu helfen. „Fehlinvestitionen können stark minimiert werden, wenn die Pläne mit den Bewohnern besprochen werden“, ist Sixdorf überzeugt.

Bilder sagen mehr als lange Texte

Deshalb wurde in Baila viel gesprochen und diskutiert: mit dem Rektor, mit den Lehrern und mit den Schülern. In der Klasse der Elektriker testete der Lehrer umgehend, wie viel die Schüler von dem anhand des neuen Lehrbuchs vermittelten Unterrichtsstoffes verstanden haben.

Das Ergebnis war aufschlussreich: Was mit Bildern und Grafiken illustriert wird, bleibt leichter hängen. Wichtig sind einfache französische Sätze. Denn Französisch ist im Senegal zwar Amtssprache, aber in Casamance ist Diola die Muttersprache der meisten Bewohner. Insgesamt gibt es im Senegal 36 Sprachen. Sixdorf nahm deshalb von seiner Erkundungsreise die Idee mit, Unterrichtsmaterial in die Regionalsprachen zu übersetzen – zumindest für den Bereich Erneuerbare Energien.

Denn im Unterschied zum Spezialgebiet Solartechnik für die Elektriker, wird das Fach Erneuerbare Energien in allen Berufsschulklassen unterrichtet. Deshalb hat Sixdorf mit seinen acht Kollegen alle Fachrichtungen besucht. Bei den Holzbauern haben sie ein Probestück hinterlegt, um zu sehen, ob die Schüler den Flügel eines Windrades herstellen können. Die Köche haben die Gruppe bekocht und bei den Friseuren ließ sich Sixdorf einen neuen Haarschnitt verpassen. Das war spaßig, aber für Sixdorf war es auch wichtig zu sehen, wie das Niveau der Schüler ist und wo die Hilfe ansetzen muss.

Schon zwei Schamottsteine helfen

Um praktische Hilfe wurden die Ingenieure beim Rundgang im Dorf gebeten. Die Regensburger untersuchten die Qualität des Trinkwassers. „Manchmal klemmt es nur an Kleinigkeiten“, erzählt er. Bei den Brunnen gehe es oft darum, sie abzudecken und Insekten abzuhalten. Sixdorfs Steckenpferd ist das Einsparen von Energie. Das Kochen am offenen Feuer beispielsweise frisst Energie. Auch die Gefahr, sich zu verbrennen, ist hoch. Wenn ein Topf auf Steinen stehe, geht viel Wärme schutzlos ab. Der Holzverbrauch ist hoch. Abhilfe ist gar nicht so schwierig: Zwei Schamottsteine und ein Abzug. „So wie wir das bei der Oma kannten“, erläutert Sixdorf. Ein Leitungsnetz für Strom oder Wasser aufzubauen, ist nicht immer das Entscheidende im ersten Schritt. „Es geht darum, sich im normalen Alltag der Menschen einfache Dinge zu überlegen“, sagt Sixdorf.

Bei der Ausbildung an der Berufsschule ist das Ziel ähnlich einfach. Die künftigen Elektriker sollen verstehen, wie vor Ort mit einer Solaranlage Strom erzeugt werden kann. Wenn sie wissen, wie die Anlage funktioniert, können sie diese auch reparieren. Damit sie über das Internet Teile bestellen können, umfasst die Ausbildung zudem eine kleinen betriebswirtschaftlichen Teil.

„Wir müssen Bedingungen schaffen, so dass die Senegalesen in ihrer Heimat eine Zukunft sehen“, betont Sixdorf. Er ist der festen Überzeugung, dass die Menschen ihr Land und ihre Familienbande eigentlich nicht verlassen wollen – aber oft keine andere Chance sehen, als wegzugehen. Die Ingenieure ohne Grenzen wollen „zumindest einen winzigen Beitrag“ leisten, um dem entgegenzuwirken.

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