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Kultur

Regensburger Geschichte auf der Bühne

Die Laiendarsteller des Bürgertheaters schlüpfen in die Rollen prominenter Hotelgäste. Die logieren allesamt am Haidplatz.
Von Sarah Höger

Sisi (Sophia Bösl) lässt sich von ihren Hofdamen das Korsett schnüren. Foto: Höger
Sisi (Sophia Bösl) lässt sich von ihren Hofdamen das Korsett schnüren. Foto: Höger

Regensburg.„History in a nutshell“ nennt sich die Disziplin, die historische Ereignisse kurz und knapp zusammenfasst, „Geschichte in einer Nussschale“. Historikern stellt es bei diesem Gedanken die Nackenhaare auf.

So ergeht es auch dem Gästeführer in der neuesten Produktion des Regensburger Bürgertheaters, hier verkörpert durch Jochen Buck, der versucht, einer ungeduldigen und am „Infotainment“ orientierten Radioreporterin in wenigen Sätzen zu erklären, was Kaiser Karl V., die Seeschlacht von Lepanto und Regensburg miteinander zu tun haben:

Uraufführung der neuen Produktion des Bürgertheaters Regensburg: „Im Goldenen Kreuz. Hotelgeschichten“ Foto: Höger
Uraufführung der neuen Produktion des Bürgertheaters Regensburg: „Im Goldenen Kreuz. Hotelgeschichten“ Foto: Höger

„300 Jahre Geschichte in einer halben Minute?!“, fragt er deshalb die Reporterin, die weniger an historischen Fakten als an hetero- und homoerotischen Vorlieben der feinen Herren interessiert ist, die anno dazumal am Regensburger Haidplatz residierten. Das ebendort gelegene „Goldene Kreuz“ war nicht nur Hotel, es war Umschlagplatz für Tratsch, Politik, Geistliches und Weltliches. Hier betteten sich russische Diven, Fürsten, päpstliche Legaten, Könige und sogar Kaiserinnen und Kaiser. Was für herrliche Vorlagen für das Regensburger Laientheater, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, keine bereits ausgearbeiteten Stücke aufzuführen, sondern neue, theaterkompatible und aus dem Stadtleben gegriffene Geschichten für die Bühne zu adaptieren. Heraus kam die Produktion „Im Goldenen Kreuz. Hotelgeschichten“, uraufgeführt am Donnerstag im eindrucksvollen ehemaligen Ballsaal, heute das Auktionshaus Keup. Alle vier Aufführungen waren im Handumdrehen ausverkauft, 140 Sitzplätze bietet der noch original erhaltene Saal. In sechs Bildern und einem immer wiederkehrenden Zwischenspiel (der Gästeführer und die Reporterin) verpackte die Gruppe mehrere Jahrhunderte Geschichte in zwei Stunden und performte sie auf einem Laufsteg. Rechts und links nehmen die Zuschauer Platz, an der Stirnseite die Schauspieler, von der aus sie für ihren großen Auftritt die Bühne betreten. Einen roten Samtvorhang gibt es nicht, den braucht es dank des imposanten Originalspielplatzes auch gar nicht. Vielmehr besticht das sehr schlicht gehaltene Bühnenbild mit den direkt neben dem Publikum sitzenden Schauspielern durch die Nähe zwischen Zuschauern und Darstellern.

Bürgertheater

  • Theatergruppe:

    Bis hin zur Aufführung nehmen die Vereinsmitglieder den gesamten Entwicklungsprozess einer Produktion selbst in die Hand. Unterstützt werden sie dabei von Profis des Regensburger Theaters und den Regisseuren und Autoren Joseph Berlinger und Eva Sixt.

  • Stück:

    Dieses Jahr spielen 33 Laiendarsteller im Alter von 18 bis 88 Jahren mit. Von Studierenden über Ärzte bis hin zu Rentnern ist in diesem Ensemble alles vertreten. Alle vier Aufführungen (noch bis Sonntag) sind bereits ausverkauft.

So betreten die Sisi, der „Kini“ Ludwig II., Kaiser Karl V. oder die berühmte Köchin des Goldenen Kreuzes Marie Schandri die Bühne, als würden sie mittels einer Zeitreise noch einmal an den Ort zurück gelangen, an dem sie vor vielen Jahren zu Bett gingen – oder ein berühmtes Kind zeugten.

Zum Beispiel Juan de Austria, unehelicher Sohn Kaiser Karls V. und der Regensburger Gürtlerstochter Barbara Blomberg, der 1571 die Heilige Liga in der Seeschlacht von Lepanto erfolgreich gegen die Türken verteidigte und somit „das Abendland rettete“, wie der Gästeführer betont.

Den ausgemachten Unsympathen des Stücks spielt Willm Schmülling, der den von Geldnöten geplagten Hoteldirektor Friedrich Klamm darstellt. Der soll, zum großen Verdruss der Historiker, 1809 das Gästebuch seines Hotels an einen Altpapierhändler verscherbelt und damit 200 Jahre Geschichtswissen vernichtet haben. Dafür strafen ihn die Autoren, Joseph Berlinger und Eva Sixt, im Stück ab. Höhepunkt des Abends: Die Küchencrew rund um Küchenchefin Marie Schandri (Evelin Braun), die Biber statt Rehragout kredenzt, aus waschechten „Küchenweibern“ besteht - und herausragend ihre Rollen als waschechte Küchenweiber performt.

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