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Geschichte

Regensburger Radi-Insel wird weltberühmt

Ludwig Bemelmans hat der Gareis-Insel im Roman „An der schönen blauen Donau“ ein Denkmal gesetzt. Das beweist Helga Sedlak.
Von Helmut Wanner

  • Maria Wenninger, geborene Fischer und ihr Mann, der Postbeamte Fritz Wenninger, lehnen am Geländer ihres Hauses Wöhrdstraße 8. Dahinter fließt der sogenannte Mühlschuss der Gareis-Insel. Foto: Sedlak

Regensburg.Die Gareis-Insel am Oberen Wöhrd ist weltberühmt. Touristen tragen sie in ihren Fotobüchern in alle Welt. Als es vergangenen September hieß, sie soll plattgemacht werden, gab es einen Aufschrei der Regensburger. Die Pläne wurden inzwischen in Teilen zurückgenommen. Sie werden durch das, was jetzt durch eine mit Donauwasser getaufte 75-jährige Kapitänstochter enthüllt wurde, noch weniger umzusetzen sein: Helga Sedlak kann nämlich nach Recherchen für ihre Familiengeschichte beweisen, dass Ludwig Bemelmans (1898 bis 1962) in seinem 1945 auf Englisch erschienenen Roman „An der schönen blauen Donau“ der Mühlinsel ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Der Groß-Cousin ihres Vaters

Helga Sedlak an der Gareis-Insel Foto: Wanner
Helga Sedlak an der Gareis-Insel Foto: Wanner

Man darf der Anglistin Glauben schenken. Der Zeichner und Schriftsteller Ludwig Bemelmans, der später zum Jetset gehörte, das Kinderzimmer der Onassis-Yacht ausmalte und 1962 in Berühmtheit und Reichtum starb, war der Groß-Cousin ihres Vaters Friedrich Wenninger. „Sein Großvater mütterlicherseits, Friedrich A. Fischer und Bemelmans Großvater Ludwig Fischer, der Emslanderbräu, waren Brüder.“

Den Spitz, das Mühlrad und die Gärten gibt es seit 1734. Die Insel, die durch einen Mühlkanal von den Häusern der Wöhrdstraße getrennt ist, hat sich kaum verändert. Wie Postkarten von 1901 zeigen, konnten die Bewohner der Häuser der westlichen Wöhrdstraße auf ihren Stegen hoch über dem Mühlkanal zu ihren Inselgärten gelangen. Das ist heute noch so. Der Biber hat seinen Bau, Enten rasten im Mühlkanal, ein alter Walnussbaum und Apfelbäume werfen Schatten auf das 75 Meter lange Eiland. Diese Insel im Strom scheint keinem zu gehören. Tatsächlich gehört sie aber der Bundesrepublik Deutschland, die die Gewässerhoheit hat.

Ludwig Bemelmans wuchs im Emslander-Haus am Arnulfsplatz auf und wusste schon damals um die rätselhaften Besitzverhältnisse. Er machte aus der Gareis-Insel in seinem Regensburg-Roman, der im Insel-Verlag auf Deutsch erschien, die freie Radi-Insel im Strom, und aus seinen Verwandten die letzten Widerständigen im Nazi-Deutschland.

Auf dem Bild ist Papa der Größte: 15 Jahre lang fuhr Fritz Wenninger (1907-1984) Frachtgüter auf der Donau. Als er begann, war er der jüngste Kapitän des Bayerischen Lloyds. Foto: Sedlak
Auf dem Bild ist Papa der Größte: 15 Jahre lang fuhr Fritz Wenninger (1907-1984) Frachtgüter auf der Donau. Als er begann, war er der jüngste Kapitän des Bayerischen Lloyds. Foto: Sedlak

In seiner Beschreibung im Roman ist die Gareis-Insel unschwer wiederzuerkennen: „Die Grenzen eines Ortes festzulegen, zu vermessen und zu veranlagen, der für einen Teil des Jahres verschwindet. Der weder Name noch Adresse, noch Telefon hat, der außerhalb des Polizeireviers liegt, unabhängig von Müllabfuhr und Straßenreinigung ist und überdies ohne Gast- und Stromanschluss; der fernerhin weder mit dem einen noch dem anderen Ufer der Donau verbunden ist – kurzum, die Existenz eines solcherart unverantwortlichen Fetzen Landes wie der kleinen Insel in der Donau anzuerkennen, das ist nichts für den Magen eines deutschen Beamten.“ Die Insel bewohnten im Roman Fischer Anton, Fischer Anna, Fischer Martha sowie die Nichte Leni. Seiner Tante Saltner, die ein Süßwarengeschäft am Haidplatz hatte, setzte er in der Figur der Biergartenbedienung ein Denkmal.

Im Niemandsland zwischen Ufer und der Donau befindet sich die sogenannte Gareis-Insel. Hierhin verlegte nach Recherchen von Helga Sedlak der amerikanische Erfolgsautor Ludwig Bemelmans einen Teil der Handlung des Romans „An der schönen blauen Donau“. Foto: Sedlak
Im Niemandsland zwischen Ufer und der Donau befindet sich die sogenannte Gareis-Insel. Hierhin verlegte nach Recherchen von Helga Sedlak der amerikanische Erfolgsautor Ludwig Bemelmans einen Teil der Handlung des Romans „An der schönen blauen Donau“. Foto: Sedlak

Helga Sedlak kommt ab und zu in die Stadt ihrer Väter. Dann versäumt sie es nicht, an der Gareis-Insel vorbeizuschauen. Das Haus Wöhrdstraße 8, das jetzt diese rotweiße Fassade zeigt, war einmal ihr Vaterhaus. Ihre Großmutter, Maria Fischer (1879 bis 1918), eine von fünf Töchtern des Wirts zum fröhlichen Türken in der Fröhlichen Türkenstraße, hatte das Haus in die Ehe mit dem Postbeamten Carl Anton Wenninger (1877 bis 1922) eingebracht. Sie sagt: „Auf dem Grundstück hat sich in den vergangenen 100 Jahren kaum etwas verändert. Die Gareis-Mühle hatte ihren Betrieb zwar aufgegeben, ihre Vorrichtungen im Fluss waren aber noch zu sehen. Die Latten eines Zauns wirkten ähnlich wie die Gartentür, vor der sich meine Großeltern an der Wasserseite des Hauses fotografieren ließen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie mir plötzlich entgegengekommen wären.“

Ihr Vater wurde am 26. August 1907 in Regensburg geboren und wuchs in diesem Haus an der Gareis-Insel auf. Der kleine Fritz blieb das einzige Kind. Er hatte eine behütete, glückliche Kindheit, weiß Helga Sedlak. Mehrmals war er bei Franziska Bemelmans am Arnulfsplatz zu Gast, wenn er mit seiner Mutter deren nahezu gleichaltrige Cousine besuchte. Sie war alleinerziehend und geschieden.

Bemelmans Blick auf Nazi-Regensburg

Bemelmans und Vaters Fernweh

Dort am Arnulfsplatz ging es auch um Erziehungsprobleme. Ludwig Bemelmans machte seiner Mutter die größten Schwierigkeiten. Helga Sedlak erinnert sich an Erzählungen ihres Vaters: „Er war der schlechteste und ungebärdigste Schüler der Stadt und trieb es so weit, dass Ludwig Fischer, sein Großvater, und Xaver Fischer, sein Onkel, im Einvernehmen mit Franziska eine Verlagerung des Bürschchens nach Amerika bewirkten.“ Er zog über den Großen Teich zu seinem Vater. Opa hatte von dem belgischen Maler Lambert Bemelmans nicht viel gehalten. Er nannte den Mann, der seine Tochter Franziska 18-jährig freite, einen „Fliegenfänger“. Helga Sedlaks Vater, Fritz Wenninger, war allerdings stark beeindruckt von diesen familiären Entwicklungen. „Immer wieder sprach er von Ludwig Bemelmans“, schreibt seine Tochter. Der Verwandte, der nach Amerika auswanderte, mag seinen Entschluss erleichtert haben, ein fahrendes Leben auf der Donau zu beginnen. Bemelmans hat jedenfalls sein Fernweh angefacht.

Ludwig Bemelmans (1898-1962) als Schriftsteller und Maler. Er entfachte in Fritz Wenninger das Fernweh.
Ludwig Bemelmans (1898-1962) als Schriftsteller und Maler. Er entfachte in Fritz Wenninger das Fernweh.

Fritz Wenninger war beim Bayerischen Lloyd der jüngste deutsche Kapitän auf der Donau. 1930 wechselte er zu Wallner nach Deggendorf. Sein Name ist in der Wallner-Vitrine des Regensburger Schifffahrtsmuseums zu lesen, als die Nummer 3 auf der Kapitänsliste. Entscheidend aber dürfte gewesen sein, dass er innerhalb von vier Jahren seine Eltern verlor. Als sein Vater 1918 aus dem Krieg zurückkehrte, war seine Frau tot. Sie war 39-jährig an einem Gefäßverschluss gestorben. Fritz Wenninger zog mit seinem elfjährigen Sohn über die Donau zu seiner Tante in die Goldene Bärenstraße 3. Der Domplatz wurde sein Gelände. Hier spielte er Räuber und Gendarm. Als vier Jahre später sein Vater den Kriegsfolgen erlag, war der Bub mutterseelenalleine. Er verkaufte das ererbte Haus auf der Gareis-Insel und zog ein ungebundenes Leben vor. Mit 21 Jahren verließ er Regensburg, um alle Landschaften, Länder und Metropolen der Donau zu erleben. 15 Jahre war er als Donaukapitän zwischen Regensburg und dem Schwarzen Meer auf der Maria Wallner unterwegs. Er hinterließ eine wertvolle Donausammlung, die heute im Besitz des Schifffahrtsmuseums ist.

„Auf dem Grundstück hat sich kaum etwas verändert.“

Helga Sedlak, Buchautorin

Als Helga volljährig wurde, ist ihr sesshaft gewordener Vater am 5. August 1964 mit ihr aufs Schiff gegangen, um seiner Tochter bis 2. September seine Heimat, die Donau und sein Leben, die Schifffahrt auf dem internationalsten Fluss der Welt, zu zeigen. Die Reise fand in der Zeit des Kalten Krieges statt. Helga Sedlak wird sie nie vergessen. „An den etwa 250 Meter langen Schleppseilen fuhren sechs Tankkähne in Zweierreihen wie von alleine im 5-Kilometer-Tempo die rund 1800 Kilometer ihrer Bestimmungsstation entgegen,“ beschreibt sie in ihrem Erzählband mit dem Titel „Die Donau war nicht an allem schuld,“ der jetzt bei Twentysix herausgekommen ist. „Ich wollte das alles literarisch bewältigen“, sagt die feine Dame in Hochdeutsch mit Wiener Färbung. Ihrer Mutter, einer Apothekerin aus Wien, hatte ein Wahrsager prophezeit, dass einmal ein Mann in Uniform um ihre Hand anhalten werde, und zwar kein Soldat und kein Polizist.

So war sie vorbereitet, als der stattliche Kapitän Fritz Wenninger in ihrer Apotheke auftauchte. Der Liebe wegen wurde Fritz Wenninger 1941 sesshaft. Erst in Belgrad, dann in Bukarest, in der Strada Sparantei. Er war von nun an für Havarien zuständig. Als 1964 der Schiffszug in Giurgiu, Rumänien, mit 5800 Tonnen Heizöl beladen wurde, war Zeit, mit dem Vater ihre Geburtsstadt Bukarest zu besuchen. Dort ist Helga Sedlak, geborene Wenninger, am 7. März 1943, einem Sonntag, zur Welt gekommen. In Deggendorf, wo Helga Sedlak nach dem Krieg aufwuchs, hatte sie ihren Geburtsort zögernd wie ein Fremdwort ausgesprochen - „aus: Bukarest“. Zeitlebens beschäftigt sie das Thema: Was ist Heimat? Für ihren Vater stand fest: Meine Heimat ist die Donau. Ihm und seiner Familie hat Helga Sedlak mit ihrem Erzählband ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die Gareis-Insel

  • Motiv:

    Die Gareisinsel liegt vor den Häusern der westlichen Wöhrdstraße zwischen Donau und Mühlkanal. Sie ist eine der meist fotografierten Motive Alt-Regensburgs.

  • Verbindung:

    Mit einer Stahlbrücke sind die Häuser mit der Insel verbunden. So ist Bemelmans Radi-Insel zu begehen.

  • Buch:

    Helga Sedlak „Die Donau war nicht an allem schuld“, Erzählungen, Twentysix-Verlag 2018

Hören Sie hier das Lied „An der schönen blauen Donau“:

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