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Interview

Regensburger sind sozial stark engagiert

Ein Gespräch mit Reinhard Kellner über soziales Engagement, teuren Wohnraum, politische Einmischung – und Joachim Wolbergs.

Schon mit 16 Jahren engagierte sich Reinhard Kellner, der heute als Aushängeschild und streitbares Sprachrohr der Sozialen Initiativen Regensburgs gilt, ehrenamtlich. Foto: Hafner
Schon mit 16 Jahren engagierte sich Reinhard Kellner, der heute als Aushängeschild und streitbares Sprachrohr der Sozialen Initiativen Regensburgs gilt, ehrenamtlich. Foto: Hafner

Regensburg.Reinhard Kellner ist ein waschechtes Regensburger Altstadtkind. Schon mit 16 Jahren engagierte sich der Mann, der heute als Aushängeschild und streitbares Sprachrohr der Sozialen Initiativen Regensburgs gilt, ehrenamtlich. Damals leitete er eine katholische Jugendgruppe. Bei den Zeltlagern dieser Gruppe entdeckte er seine Liebe zu den Dolomiten, die er noch heute gerne bereist. Auch nach Wien fährt der 66-jährige Diplom-Pädagoge regelmäßig, meist zweimal im Jahr mit einem guten Freund, immer in dieselbe Pension.

Woher kommt diese Liebe und Treue zu Wien, Herr Kellner?

Es ist auch eine Donaustadt und ich mag die Österreicher. Aber was mich vor allem immer wieder dorthin zieht, ist der architektonische und kulturelle Reichtum dieser Vielvölkerstadt, die von Dutzenden unterschiedlichen Einflüssen und Strömungen geprägt wurde. Architektur und Stadtplanung interessieren mich sehr. Schon immer.

Ihr Studienschwerpunkt war Bildungsplanung. Bildungsplanung soll durch Zusammenarbeit von Politik und Wissenschaft die weitere Entwicklung des Bildungssystems steuern, um den Ansprüchen der einzelnen Bürger, dem Gebot der Chancengleichheit und den Leistungsanforderungen aus der Gesellschaft zu entsprechen.

Da ich aus dieser Ecke komme, finde ich es auch wichtig, dass sich soziale Initiativen in die Kommunalpolitik einmischen. Stadtplanung, Bildungsplanung, Integration sozial Schwacher, … – das alles gehört doch zu einer funktionierenden Stadtgesellschaft. Jede Form der Stadtentwicklung hat eine soziale Dimension, deswegen ist Einmischung eine Kernaufgabe.

Sie waren einmal zehn Jahre lang bei den Grünen und 1984 bis 1990 für diese Partei im Stadtrat. Warum sind sie ausgetreten?

Als die Grünen sich von ihrer ursprünglichen Ideologie entfernt haben und plötzlich auch dafür waren, Soldaten in Kriege zu senden, da war es für mich Zeit für den Absprung.

Was ist vom sozialen Standpunkt her das größte Manko in Regensburg?

Eindeutig die Wohnsituation! In Regensburg wird zu viel günstiger Wohnraum aufgegeben, erst am Donaumarkt, jetzt im Nibelungenareal. Die 300 Sozialwohnungen machen gerade einmal 20 Prozent des dortigen Wohnraums aus. Ich tendiere dazu zu sagen, dass sich ein Drittel der Regensburger in „Wohnungsnot“ befindet.

Zur Person

  • Werdegang

    Reinhard Kellner ist in der Domstadt geboren und aufgewachsen, auch sein Pädagogik-Studium mit Schwerpunkt Bildungsplanung hat er an der Regensburger Uni absolviert.

  • Soziales Engagement

    Anschließend arbeitete er beim Allgemeinen Sozialdienst des Jugendamts, später baute er KISS, die Regensburger Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen, mit auf. Danach widmete er sich den Obdachlosen der Stadt und rief den „Do-naustrudl“ ins Leben, Regensburgs soziale Straßenzeitung mit ehrenamtlichen Redaktionsmitarbeitern und Zeitungsverkäufern.

  • Privat

    Zwischendurch war Kellner zehn Jahre lang Hausmann und kümmerte sich um die beiden Kinder Julia und Moritz.

  • Soziale Initiativen

    Seit seinem 60. Geburtstag 2010 hat er sich beim Donaustrudl zurückgezogen, heute ist der umtriebige Rentner als Vorstandsmitglied die Galionsfigur der „Regensburger Sozialen Initiativen“, eines Dachverbands für 25 sozial engagierte Gruppen, dessen (hauptsächlich) ehrenamtliche Leitung er innehat.

  • Autorin

    Autorin Kerstin Hafner traf Reinhard Kellner in seinem Wohnzimmer bei Tee und dem Schnurren der alten Familienhauskatze zum Gespräch.

In Wohnungsnot? Das ist ein starkes Wort.

Mag sein. Aber Wohnungsnot fängt bei mir schon damit an, wenn ein Gehalt nicht mehr für die Miete reicht und ein Ehepaar mit Kindern gezwungen ist, Doppelverdiener zu werden, um sich die Wohnung und das Leben in der Stadt leisten zu können. Ich würde schätzen, ein Drittel der Regensburger klagt über zu hohe Mieten. Auch hier haben wir wieder weitreichende soziale Auswirkungen. Man braucht mehr Betreuungsplätze für Kinder, Jugendtreffs, mehr soziale Initiativen. Für Alleinerziehende ist es richtig hart. Es gibt genug Frauen, die aus den Frauenhäusern ausziehen könnten, aber einfach keine Wohnung finden. Auch in den Asyl-Unterkünften leben 600 bis 700 bereits anerkannte Flüchtlinge, die ausziehen könnten, aber vor demselben Problem stehen.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Die Stadtbau schimpft sich „Gemeinnützige GmbH“, sie muss ihrem Namen und ihrem sozialen Auftrag wieder gerecht werden. Da besteht eindeutig Nachholbedarf. Da muss die Politik was tun.

Naja, momentan hat die Stadt wohl erstmal andere Probleme ...

Ja, da haben Sie leider recht.

Ein Wort zu Joachim Wolbergs? Sie hatten ja öfters mit ihm zu tun, sind mit ihm per Du.

Ich werde nichts Schlechtes über ihn sagen. Er war ein guter Sozialbürgermeister und auch in seiner Zeit als OB hat er viele sinnvolle soziale Projekte auf den Weg gebracht, den Stadtpass zum Beispiel oder die Anhebung der Gehälter beim Stadttheater. Auch die Willkommenskultur für Flüchtlinge hätte unter Schaidinger wohl anders ausgesehen. Aber vielleicht kann ein Mensch in unterschiedlichen Belangen zwei Gesichter haben? Trotzdem finde ich es krass, dass man ihn jetzt in U-Haft gesteckt hat. Ich meine: „Verdunklungsgefahr... .“ Die Ermittlungen laufen seit Monaten.

Sie sprachen gerade von der Willkommenskultur für Asylbewerber. Wie sozial ist diese Stadt?

Regensburg glänzt generell mit überdurchschnittlich hohem sozialen Engagement. KISS gibt jedes Jahr eine Liste der sozialen Initiativen heraus, auf der letzten fanden sich rund 300 Organisationen. Neu sind natürlich die Flüchtlingshilfegruppen. Wir schätzen, dass es in Regensburg rund 10000 Menschen gibt, die sich in ihrer freien Zeit ehrenamtlich betätigen. Ein super Schnitt bei rund 90000 wahlberechtigten Erwachsenen.

Die Sozialen Initiativen Regensburgs vereinigen als Dachverband mittlerweile 25 Gruppen unterschiedlichster Größe und Interessenlage, von der Aids-Hilfe über Drug Stop, Pro Familia und die Tafel bis hin zum VKKK. Wie zufrieden sind Sie mit dieser Entwicklung?

Autorin Kerstin Hafner traf Reinhard Kellner in seinem Wohnzimmer bei Tee und dem Schnurren der alten Familienhauskatze zum Gespräch. Foto: Hafner
Autorin Kerstin Hafner traf Reinhard Kellner in seinem Wohnzimmer bei Tee und dem Schnurren der alten Familienhauskatze zum Gespräch. Foto: Hafner

Sehr zufrieden. Wir haben 1974 mit vier Mitgliedsgruppen begonnen, weil wir der Meinung waren, wir erreichen mehr, wenn wir uns zusammenschließen. Und genau so war es auch. Heute finden sich bei uns unterschiedlichste Gruppen mit durchwegs ehrenamtlichen Vorständen, aber zum Teil natürlich auch hauptamtlichen Angestellten, weil der Verwaltungsaufwand bei manchen einfach zu groß ist. Relativ neu dabei sind die Tafel, die Asyl-Unterstützer und der Streetwork-Helferkreis „Sofa“. Unsere Gassenfeste wie zum Beispiel das Ostengassenfest sind überaus beliebt und locken viele Besucher in das jeweilige Stadtviertel. Da bleiben am Ende immer mindestens 50000 Euro für alle Vereine übrig, die dann gerecht aufgeteilt werden.

Und die Bands, die dort auftreten, sind immer gern bereit, ohne Gage zu spielen?

Absolut, die rennen mir die Bude ein, wir könnten dreimal so viele Bands haben. Es gibt eben nur noch wenige solche Gelegenheiten in der Stadt.

Seit 2004 gibt es auch die Möglichkeit des „Sozialsponsorings“ für Firmen. Wie läuft das?

Gut, da kommen jährlich etwa 8000 Euro rein, aber natürlich könnte es noch weiter ausgebaut werden. Das Prinzip ist simpel: Geschäftsleute zahlen jährlich einen bestimmten Betrag und dürfen dann mit dem Logo der Sozialen Initiativen auf ihrem Geschäftspapier und ihren Produkten werben. Jeden Monat ist auch eine Seite im Donaustrudl für sie reserviert. Man kann übrigens nicht nur pauschal an den Dachverband spenden, sondern sich gerne auch einen Verein unter unserem Dach aussuchen, an den das Geld fließen soll. Spendenbereite Geschäftsleute können sich gerne direkt an mich wenden.

Arbeiten Sie eigentlich rein ehrenamtlich für die Sozialen Initiativen?

Seit ich in Pension bin, nicht mehr, ich arbeite dort etwa zehn Stunden im Rahmen eines 400-Euro-Jobs und den Rest ehrenamtlich.

Sie waren auch mal zehn Jahre lang Hausmann. Eher ungewöhnlich ...

Stimmt, das hört man kaum noch, obwohl ich es allen Männern ohne ausgeprägtes Karrieredenken unbedingt empfehlen kann. Ich habe mich um unseren Moritz gekümmert, seit er drei Monate alt war, meine Frau wollte gern ihren Lehrerjob machen. So haben wir eben die klassischen Rollen vertauscht.

Was war rückblickend Ihre schönste Zeit? Ihre prägendsten privaten und beruflichen Erfahrungen?

Privat sicher die Geburt meiner Kinder, wobei ich nur bei Julia dabei sein konnte, weil der Moritz es einfach zu eilig hatte und schon nach einer Stunde auf der Welt war. Da habe ich es nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus geschafft. Aus pädagogischer Sicht war der Aufbau vom „Donaustrudl“ besonders lehrreich. Ich habe gesehen, dass es gar nicht so schwierig war, eine Art großer Familie zu schaffen, die in diesem Projekt vereint ist.

Vor unserem Gespräch war ich übrigens gerade beim Frühstückstreff mit Sofa- und Donaustrudl-Leuten. Den gibt es seit drei Jahren. Regelmäßig fahren wir auch mit unseren Klienten an den Gardasee. Wir sind auf Augenhöhe, das macht Spaß. Ich brauche halt immer auch ein spezielles Projekt, Dachverbands-Arbeit alleine wäre etwas eintönig.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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