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Soziales

Regensburger Tafel ist in höchster Not

Die Einrichtung muss aus der Liebigstraße ausziehen. Die Suche nach Räumen war bisher erfolglos – auch wegen des Budgets.
Von Martina Groh-Schad

Die Ehrenamtlichen der Tafel e.V. machten mit einem Tag der offenen Tür auf ihre Raumnot aufmerksam.  Foto: Martina Groh-Schad
Die Ehrenamtlichen der Tafel e.V. machten mit einem Tag der offenen Tür auf ihre Raumnot aufmerksam. Foto: Martina Groh-Schad

Regensburg.„Für uns ist es fünf vor zwölf“, sagt Christine Gansbühler, Vorsitzende der Regensburger Tafel. „So eng war es noch nie“, bestätigt ihr Stellvertreter Gerhard Fischer. Die Tafel, die angibt, aktuell rund 2500 Menschen aus Regensburg und dem Umland mit Lebensmitteln zu versorgen, muss aus ihren Räumen in der Liebigstraße ausziehen. Das Grundstück gehöre einer Erbengemeinschaft, die uneinig sei, wie es mit dem Grundstück weitergehen soll. Daher läuft der Mietvertrag Ende August 2020 aus. „Wir suchen fieberhaft nach neuen Räumen“, sagt Gansbühler. Mit einem Tag der offenen Tür machten die Ehrenamtlichen auf ihr Problem aufmerksam und stellten ihre Arbeit vor.

Aktuell bezahlt die Tafel 2500 Euro Miete, erklärt die Vorsitzende. „Mehr geht nicht.“ Die Tafel finanziere sich rein über Spenden. 130 Ehrenamtliche helfen Woche für Woche der sozialen Einrichtung bei der Verteilung der Lebensmittel, die der Handel weitergibt, weil sie nicht mehr verkauft werden können. Darüber hinaus fallen zahlreiche logistische Aufgaben an. „Wir haben uns schon einige Objekte angesehen, aber die meisten Sachen sind zu teurer.“

Nicht nur Regensburger Bedürftige sind von Kündigung betroffen

Im Idealfall benötigen sie 700 Quadratmeter Raum. Aktuell stehen ihr rund 500 Quadratmeter zur Verfügung. Allerdings ist die Regensburger Tafel seit einigen Monaten zentraler Verteiler. Das bedeutet, dass sie von ihrem Lager aus andere Tafeln im Freistaat mit Lebensmitteln versorgen. Eine zweite Verteiler-Tafel gibt es in Bayern nur in Nürnberg. Von der aktuellen Raum-Misere sind folglich nicht nur die Tafel-Kunden in Regensburg betroffen, sondern auch viele andere.

Wichtig für den Verein ist, dass sie für Lastwagen gut erreichbar sind, um die Anlieferung der Lebensmittel zu erleichtern. In der Liebigstraße gibt es hier regelmäßig Probleme mit den Anwohnern, weil die Lastwagen die Straße verstopfen. Sich bei der Suche nur auf Gewerbegebiete zu beschränken, sei schwierig. „Unsere Kunden benötigen eine gute Busanbindung.“

Die Tafeln

  • Geschichte:

    Die erste deutsche Tafel wurde 1993 in Berlin gegründet. Inzwischen gibt es 947 Tafeln, die bei Erzeugern und Verkäufern Lebensmittel einsammeln, die nicht mehr verkauft werden können.

  • Tafel vor Ort:

    In Regensburg gibt es die Tafel seit 22 Jahren. Von der Wöhrdstraße zog die Tafel in die Johann-Hösl-Straße weiter in die Adolf-Schmetzer-Straße und ist aktuell in der Liebigstraße.

Diese Voraussetzungen und das knappe Budget machen es der Tafel schwer auf dem umkämpften Regensburger Markt. Der stellvertretende Vorsitzende sieht noch eine andere Ursache: „Keiner will die Armut vor seiner Haustür haben“, sagt Fischer und Gansbühler bestätigt: „Wir haben gerade wieder ein interessantes Objekt angesehen, aber der Vermieter will uns nicht.“ Rund um die Tafel gebe es viele Vorurteile. Zum Beispiel werde mit der Tafel das Bild von langen Schlangen vor der Ausgabe verbunden. „Das gibt es bei uns nicht“, betont Gansbühler. Von Montag bis Freitag sei jeweils nur eine begrenzte Anzahl an Kunden in den Räumen in der Liebigstraße zugelassen.

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Die Räume der Tafel erinnern an einen Tante-Emma-Laden. Es gibt eine Brot- und Gebäcktheke, Kühlregale jeweils für Joghurt, Fleisch und Wurst und Regale für andere Waren. „Die Menschen, die zu uns kommen, sollen das Gefühl haben, einkaufen zu gehen“, erklärt Gansbühler. „Das ist Lebensqualität.“

Vorsitzende war früher selbst Tafel-Kundin

Die Vorsitzende weiß genau, wovon sie spricht. Denn sie war selbst früher Kundin bei der Tafel. Ihr erstes Mal dort wird sie nie vergessen. „Mir war es sehr unangenehm“, erinnert sie sich. Doch als alleinerziehende Mutter von drei Kindern blieb ihr irgendwann keine andere Wahl. Die Herzlichkeit der Mitarbeiter half Gansbühler, die Hilfe anzunehmen. Es beeindruckte sie, was die Ehrenamtlichen leisteten. Als es dann mit einem Job klappte, blieb sie als Mitarbeiterin der Tafel treu.

Zahl der Bedürftigen steigt

Die Zahl der Bedürftigen sei in den vergangenen Jahren gestiegen. Aufgrund der Altersentwicklung und der Vielzahl an Frauen, deren Rente nicht zum Leben reiche, rechnen die Ehrenamtlichen mit noch mehr Kunden. „Es gibt immer mehr Menschen, die auf Hilfen angewiesen sind“, sagt Fischer. Sorge bereite den Tafeln, dass ihre Lieferanten verstärkt neue Wege gehen. „Es gibt eine Reihe von Handy-Apps, mit denen Supermärkte arbeiten, um ihre Kunden auf vergünstigte Ware aufmerksam zu machen.“ Was so verkauft wird, findet nicht mehr den Weg zu den Tafeln. Bleibt zu hoffen, dass es trotz all der Probleme für alle noch lange etwas zu essen gibt.

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