MyMz
Anzeige

Retter auf dem Schulhof

Die Stimme ist zuerst energisch. Dann wird sie drängend. So, als dulde sie keinen Widerspruch: „Schock empfohlen“, sagt sie. Der zwölfjährige Jonas drückt auf den orangefarbenen Knopf des Defibrillators. Das Gerät löst einen Stromstoß aus – und wandelt so das Herzkammerflimmern in regelmäßige Impulse.

Florian ist Schüler bei den Domspatzen. Sein Patient ist die Wiederbelebungspuppe „Ernie“. Schon eine Weile hat Florian Ernie mit Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) behandelt. Vorgeschrieben ist ein Rhythmus von 100 Mal pro Minute. Das ist schwer umzusten, darum verlässt sich Florian auf die Faustformel 30 Mal pressen, dann zweimal beatmen.

Was Florian hier demonstriert, haben 26 Domspatzen in 16 Stunden Ausbildung von Nicole Kathmann vom Malteser Hilfsdienst gelernt. Schon vor einigen Jahren haben die Domspatzen Schulsanitäter ausgebildet. Da aber Nachwuchs fehlte, konnte die Idee nicht weitergeführt werden. Gemeinsam haben die Erzieherin Angela Kasztner, Chorpräfekt Benedikt Heggemann und Bernhard Gietl vom Gymnasium das Projekt wiederbelebt.

50 Schüler möchten teilnehmen

50 Schüler folgten dem Aufruf. 26 Jungen wurden ausgewählt. Die Übrigen können – zumindest teilweise – später nachrücken. Da nicht nur Schüler der Oberstufe dabei sind, sondern alle Jahrgangsstufen ab der sechsten Klasse vertreten sind, ist der Fortbestand des Projekts dauerhaft gesichert. Drei Samstagnachmittage waren für den Unterricht geplant. Wegen der Verpflichtungen im Chor mussten aber zwei weitere angehängt werden. Die Schüler erzählen nur Positives von der Ausbildung. Stefan S. gefiel vor allem die Arbeit mit dem Verbandszeug. Jakob Feuerer faszinierte die Behandlung mit dem Defibrillator. „Die Begeisterung der Schüler ist groß“, sagt Nicole Kathmann.

Mit einer kleinen Feier im „Chorsaal 800“ wurde die Ausbildung offiziell beendet. Jetzt startet der Dienstbetrieb. Vertreter aller Bereiche der Domspatzen besuchten die Feier: Domkapellmeister Roland Büchner, Oberstudiendirektor Berthold Wahl, Internatsdirektor Rainer Schinko, die SMV und der Internatsrat. Bernhard Mayer und seine Bläser spielten für die Gäate. Rainer Schinko sprach für alle drei Säulen der Domspatzen, Chor, Internat und Schule. Soziales Engagement sei schon immer typisch für die Domspatzen gewesen. Lateinlehrer Bernhard Gietl bedankte sich für das Interesse und die Förderung des Projekts. Natürlich waren auch die Vertreterinnen des MHDs anwesend. Während Nicole Kathmann mit Gietl die Zeugnisse überreichte, hatte Susanne Dachauer, die für die Schulsanitätsdienste auf Diözesanebene zuständig ist, ein wertvolles Geschenk dabei: einen komplett bestückten Rettungsrucksack. Sie bedankte sich bei den Schülern für die Bereitschaft, sich ausbilden zu lassen.

Hilfe von der Krankenschwester

Die „Kaffsanitäter“, wie sie sich gerne nennen lassen, sind natürlich nicht allein. Unterstützung erhalten sie von der Krankenschwester der Domspatzen. Bei den Sängern gibt es schon immer eine Krankenstation mit einer Mallersdorfer Schwester. Derzeit betreut Schwester Bettina, die fast 30 Jahre Erfahrung im Krankenhaus hat, die Jungen. Der Dienst der neuen Helfer erstreckt sich über den ganzen Schultag bis etwa 20 Uhr. Sie sind über ein Handy erreichbar, das am Ende einer Schicht weitergegeben wird. Die Verteilung auf den ganzen Tag gewährleistet, dass nicht nur Internats-, sondern auch Tages- und Stadtschüler eingesetzt werden können. Sie werden bei Verletzungen aller Art gerufen, unterstützen die Krankenschwester, können den Rettungsdienst alarmieren, einweisen und ihm mit ihrer Ortskenntnis helfen. Bei Wandertagen und Exkursionen tragen sie Verbandspäckchen mit sich. Bewähren konnten sie sich schon beim Skikurs. Die „Feuertaufe“, so berichtet Angela Kasztner, bestanden die Sanis bei einer Veranstaltung, bei der sogar der Rettungswagen geholt werden musste.

Die Ausbildung wird auch in Zukunft fortgeführt. Kleinere Fortbildungen und gemütliche Gruppentreffen gehören zum Programm. Zuletzt haben einige der Schüler am bayernweiten Praxistag der Schulsanitäter teilgenommen. Ausbilder vom MHD werden außerdem künftig noch häufiger die Reichsstraße besuchen: Sie werden in den fünften und sechsten Klassen das Projekt „Abenteuer helfen“ leiten. Während die Domspatzen in Zusammenarbeit mit den Maltesern das Projekt selbst organisiert haben, bietet jetzt auch das Kultusministerium Unterstützung an. Es lobt die Arbeit von Schulsanitätern und regt zur Nachahmung an. Ein Lehrgang zur Organisation eines solchen Dienstes an Schulen wird überall angeboten. Der Termin für die Oberpfalz ist im Sommer 2014.

Seinen persönlichen Höhepunkt als Ersthelfer hatte kürzlich Benjamin Reinecke aus der 8. Klasse. Als er mit seinen Eltern auf der Autobahn unterwegs war, beobachtete er einen Unfall mit einer bewusstlosen Person. Während sämtliche Erwachsenen ratlos herumstanden, fasste sich der 13-Jährige ein Herz und leistete Erste Hilfe. (mtl)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht