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Porträt

„S 21“ machte Pirk zum Piraten

Als die Wasserwerfer auf die Demonstranten zielten, beschloss er, sich politisch zu engagieren. Jetzt will er für Regensburg in den Landtag.
Von Claudia Böken, MZ

Benedikt Pirk will für die Piratenpartei in den Landtag. Foto: Steffen

Regensburg. Benedikt Pirk mag eigentlich nicht gerne im Vordergrund stehen. Organisieren ist eher seine Sache. Aber in den nächsten Wochen hilft ihm da gar nichts. Schließlich ist er in Regensburg der Direktkandidat der Piratenpartei für den Landtag. Und da muss man zwangsläufig auf Plakaten, bei Infoständen und bei Kandidatensprechstunden – immer mittwochs von 17 bis 19 Uhr im Piratenbüro in der Regensburger Steckgasse – Gesicht zeigen.

Der in Stuttgart-Bad Cannstatt geborene Techniker kommt aus einem sehr grünen Haushalt, wie er erzählt. Doch mit dieser politischen Richtung konnte er sich nicht identifizieren. Die Zustimmung der Grünen zu verschiedenen Kriegseinsätzen der Bundeswehr sei für ihn inakzeptabel gewesen. Die Piraten habe er zunächst belächelt. Irgendwann ging er dann doch einmal zu einem ihrer Stammtische und merkte schnell: „Das ist eine ganz andere Atmosphäre als bei anderen politischen Parteien.“ Selbst auf Parteitagen habe jedes Mitglied eine Stimme und könne sich zu Wort melden. Das gefiel ihm.

Mehr Information für Bürger

Stuttgart 21 gab dann den Ausschlag, der „Schwarze Donnerstag“: „Als ich gesehen habe, wie die Wasserwerfer aus kürzester Entfernung auf friedlich demonstrierende Menschen zielten, war mir klar: Hier will man ein Prestigeobjekt durchdrücken ohne Rücksicht auf die Bevölkerung.“ Pirk ist überzeugt, dass der Widerstand gegen den Bau des Stuttgarter Bahnhofs schon viel früher eingesetzt hätte, wenn die Leute früher und besser informiert gewesen wären. „Es muss leichter werden an Informationen zu kommen, über Projekte, die im weitesten Sinn von uns bezahlt werden“, fordert er. Er wird Mitglied der Piraten und beginnt, sich für die junge Partei zu engagieren.

Nachdem er seinen „Techniker“ gemacht hatte, verschlug es den Schwaben Ende 2010 nach Regensburg und da blühte ihm parteimäßig ein trauriges Erwachen: Aus Stuttgart war er von den Piraten-Stammtischen wenigstens 20 Teilnehmer gewöhnt. In Regensburg kamen gerade mal zwei bis drei Personen. Aktionen hatte die Partei in der Oberpfalz auch noch nicht zu bieten.

Aufschwung durch Berlin

Zusammen mit dem damaligen Vorsitzenden Jan Kastner hat er „fast bei null“ angefangen und zunächst eine Oberpfalz weite Struktur aufgebaut, erzählt er. Die beiden überlegten, was man Leuten bieten könne, die Interesse an den Piraten haben. „Rom“ wurde geboren – die Initiative „Regensburg orange machen“ – Infostände wurden initiiert. Die Berliner Wahl verschaffte auch den Regensburger Piraten erheblichen Zulauf. „Plötzlich kamen 20 bis 30 Interessenten zu den Stammtischen“, erinnert sich Pirk. Inzwischen habe sich der Besuch bei zehn bis 15 Personen eingependelt.

Pirk ist seit fast zwei Jahren im Bezirksvorstand der Piraten, seit 2012 stellvertretender Bezirksvorsitzender. Seine Spezialität ist Organisation. Besonders gern erinnert er sich an die erfolgreiche Anti-Acta-Demo, bei der nach Polizeiangaben 1400 Menschen auf die Straße gingen, nach Ansicht der Veranstalter aber wohl eher etwa 2000: „Und das bei 14 Grad minus“. Mit dieser Demo verbindet sich ein weiterer Erfolg Pirks und der Piraten vor dem Verwaltungsgericht. Sie gewannen gegen die Stadt und durften Guy-Fawkes-Masken tragen. Die „Vermummung“ durch die Maske war letztlich erlaubt, weil das Gericht die Veranstaltung als „Kunstaktion“ wertete. Die Stadt musste die Verfahrenskosten tragen, die Pirk vorher aus seiner eigenen Tasche vorgestreckt hatte.

Bei diesem Engagement wundert es nicht, dass Pirk auf die Frage nach Hobbys antwortet: „Die Piraten sind derzeit mein einziges Hobby, aber es macht verdammt Spaß.“ Von 6 bis 15 Uhr sei er in seinem Job in Neutraubling tätig, danach sei er Pirat – oft bis spät in die Nacht.

Alle Sitzungen übertragen

Bei der Frage nach dem Bundesparteitag im Mai in Neumarkt, der wegen Übermüdung von Teilnehmern abgebrochen werden musste, lacht Pirk. „Meinungsbildung ist ein langwieriger Prozess, schließlich dürfen bei uns auch Außenstehende ans Mikrofon.“ Über Anträge von Mitgliedern könne zwar vorab elektronisch abgestimmt werden, dieses „Liquid Feedback“ sei aber nicht bindend. Trotz des Zeitaufwands finde er das Prozedere gut. Allerdings wollte Pirk nicht ausschließen, dass einige der rund 2000 anwesenden Mitglieder am Abend vorher einfach zu spät oder gar nicht ins Bett gekommen seien. Schließlich gehöre feiern („Socializing“ nennt es die Partei) bei den Piraten unbedingt dazu.

In den Landtag möchte Benedikt Pirk, weil seiner Meinung nach vieles geändert werden müsste. Auf lange Sicht müsse man so weit kommen, dass die Bürger nicht nur alle paar Jahre bei einer Partei ein Kreuz machen und sich dann um nichts mehr kümmerten oder überhaupt nicht zur Wahl gingen. „Die Menschen müssen mehr in das Politikgeschehen einbezogen werden“, findet er. Bei den Piraten heißt das „Liquid Democracy“. Dazu wäre es wichtig, dass alle Sitzungen übertragen, alle Protokolle öffentlich gemacht werden, damit sich jeder ein umfassendes eigenes Urteil bilden kann. „Wir wollen den gläsernen Staat, nicht den gläsernen Bürger“, bringt Pirk das Programm seiner Partei auf den kürzesten Nenner.

Bürgerbegehren, auch Volksbegehren findet er nicht ausreichend. Erstrebenswert wäre für Pirk vielmehr, dass Bürger selbst Anträge im Landtag einreichen können, ohne – wie bisher üblich – einen Abgeordneten dazwischen schalten zu müssen. „Die Menschen, die hier leben und ihr Geld verdienen, sollten an allen Entscheidungen beteiligt werden“, fordert er. Da sind das von der Piratenpartei angestrebte Wahlrecht mit 16 und das Wahlrecht für EU-Bürger nur die logische Schlussfolgerung.

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