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Demonstration

Schweigemarsch gegen das Sterben im Meer

100 Menschen beteiligten sich an einer Aktion der Organisation Sea Eye in Regensburg. Zwei Politiker kamen zur Diskussion.
Von Angelika Lukesch

„Stoppt das Sterben im Mittelmeer!“ Unter diesem Motto beteiligten sich rund 100 Menschen in der Regensburger Altstadt an einem Schweigemarsch und einer Podiumsdiskussion der Organisationen Sea-Eye und Seebrücke. Foto: altrofoto.de
„Stoppt das Sterben im Mittelmeer!“ Unter diesem Motto beteiligten sich rund 100 Menschen in der Regensburger Altstadt an einem Schweigemarsch und einer Podiumsdiskussion der Organisationen Sea-Eye und Seebrücke. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Als sich am Samstagnachmittag der Schweigemarsch, zu dem die Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye aufgerufen hatte, auf den stillen Gang durch die belebte Regensburger Innenstadt aufmachte, zog das große Schlauchboot, dass die Sea Eye-Mitglieder, allen voran Gründer Michael Buschheuer, mitführten, die meisten Blicke auf sich. In der Mitte des Bootbodens klaffte ein großer Riss, das Heck wurde durch eine primitive Holzbarriere abgeschlossen. In einem solchen Boot sitzen laut Buschheuer, zwischen 130 und 160 Flüchtlinge, die aus verzweifelten Umständen fliehen müssten und nur mehr diesen Ausweg sähen.

Das Sterben beginnt schnell

Michel Buschheuer erklärte, dass der Boden unter der Plane normalerweise mit Holzplanken befestigt sei. Genau dies sei fatal, denn die Holzplanken scheuerten innerhalb von 12 Stunden die Planen durch und das Schiff sinke unweigerlich. „Keines dieser Schiffe, die von Afrika aus starten, hat je Europa erreicht“, sagte Buschheuer. Das Sterben auf diesen Flüchtlingsschiffen beginne schon nach wenigen Stunden. Die Flüchtlinge seien der prallen Sonne, die zudem noch von allen Seiten durch das Wasser reflektiert werde, völlig ungeschützt ausgesetzt und würden, je nach körperlicher Verfassung, mehr oder weniger schnell durch die Hitze, die Sonneneinstrahlung und die daraus resultierende Dehydrierung sterben. „Wer nicht schon vorher gestorben ist, der ertrinkt, wenn das Schiff sinkt“, schilderte Buschheuer die Umstände, unter denen afrikanische Flüchtlinge solche Schiffe in der Hoffnung besteigen, gerettet zu werden. Natürlich sei es so, dass die Schleuser die Rettungsschiffe damit quasi erpressten. Es gebe keinen Ausweg aus dem Dilemma, stellte Buschheuer fest, denn man könne nicht einfach Menschen ertrinken lassen, um den Machtkampf mit Schleusern auszufechten.

Die Seefuchs ist eines der Schiffe der Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye. Foto: Stefan Sauer/dpa
Die Seefuchs ist eines der Schiffe der Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye. Foto: Stefan Sauer/dpa

Im Moment jedoch liegen die beiden Rettungsschiffe der Sea Eye wie auch die Rettungsschiffe anderer Hilfsorganisationen in den Häfen fest. Die europäische Politik verhindere, sagte Buschheuer, dass Sea Eye und andere Nichtregierungsorganisationen (NGOs) die Menschen retten können, die derzeit täglich im Mittelmeer ertrinken.

Rund 100 Menschen begleiteten den Schweigemarsch durch die Innenstadt. Vor dem Domplatz wurde das Schlauchboot abgelegt. Anschließend wurde eine Podiumsdiskussion im Boot abgehalten, die Stühle mit den Namen der eingeladenen Politiker wurden in den Innenraum des Bootes gestellt. Die meisten Stühle blieben allerdings leer, nur der Bundestagsabgeordnete der SPD, Uli Grötsch aus Weiden, hatte seinen Terminkalender umgeworfen, um an der Veranstaltung, zu der relativ kurzfristig eingeladen worden war, teilnehmen zu können. Alle anderen Politiker aus der Region hatten aus terminlichen Gründen abgesagt.

Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer nahm spontan an der Podiumsdiskussion, die von Thomas Muggenthaler (BR) moderiert wurde, teil. MdB-Uli Grötsch stellte seine Argumentation auf zwei Beine. Zum einen konstatierte er, dass die Hilfsorganisationen mehr Druck auf die Politik und die Gesellschaft ausüben müssten, um dem Einfluss von Tendenzen, die sich gegen die Hilfe für Flüchtlinge aussprechen, mehr entgegenzusetzen. Immerhin gebe es weitaus mehr engagierte Flüchtlingshelfer, als Mitglieder der AfD. Jene jedoch seien besser vernetzt und schürten die Anti-Flüchtlings-Stimmung.

„Wer nicht schon vorher gestorben ist, der ertrinkt, wenn das Schiff sinkt.“

Michael Buschheuer

Die Landtagsabgeordnete Sylvia Stierstorfer (CSU) gab telefonisch ein Statement ab. „Ich möchte auf jeden Fall allen danken, die sich, wie die Sea Eye, ehrenamtlich engagieren, um Menschenleben zu retten“, sagte sie. Das Problem der Flüchtlinge im Mittelmeer sei vielschichtig und man müsse an verschiedenen Seiten ansetzen. Vor allem wichtig sei jedoch, die Fluchtursachen zu bekämpfen und „das ist eine Gemeinschaftsaufgabe der EU, ja der ganzen Welt. Wir alle tragen hierfür die Verantwortung“, sagte Stierstorfer. Es sei hierfür sehr wichtig, dass die Entwicklungshilfe nicht gekürzt werde.

Bessere Vernetzung ist nötig

Die Nichtregierungsorganisationen müssten sich daher unbedingt besser vernetzen, sagte Grötsch. Natürlich müsse parallel dazu daran gearbeitet werden, die Fluchtursachen abzustellen. Menschen würden ihre Heimat nur dann verlassen, wenn die Not so groß sei, dass der tödliche Weg über das Mittelmeer als einzige Rettung übrig bleibe und es sonst aus der Not kein Entrinnen mehr gebe.

Bürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer stellte fest, dass sie uneingeschränkt hinter den Zielen und der Arbeit von Sea Eye stehe. Auf die Frage einer Zuhörerin antwortete sie, dass Regensburg jederzeit bereit sei, Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufzunehmen. Allerdings müsse sich die Stadt an übergeordnete Abläufen orientieren und sich nach rechtlichen Vorgaben richten. Die Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen sei in Regensburg auf jeden Fall gegeben, sagte Maltz-Schwarzfischer.

Flüchtlinge auf dem Mittelmeer

  • Hilfsorganisation:

    Der Regensburger Verein Sea Eye wurde 2015 gegründet und rettet seit 2016 als eine der Nichtregierungsorganisationen (NGO) im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken. Seit ihrer ersten Mission hat Sea Eye laut eigenen Angaben 14 378 Menschen auf dem Mittelmeer gerettet.

  • Flüchtlingsroute:

    Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben seit Beginn dieses Jahres etwas mehr als 55 000 Flüchtlinge und Migranten Europa über das Mittelmeer erreicht. Im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres wurden über 111 700 Menschen auf dieser Route gezählt.

  • Dokumentation:

    Das Missing Migrants Project der IOM dokumentiert seit Beginn des Jahres den Tod von 1500 Migranten auf dem Mittelmeer, über 1100 davon auf der Route nach Italien und Malta. Im vergangenen Jahr kamen zu diesem Zeitpunkt laut IOM 2400 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ums Leben.

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