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Schicksal

Sea-Eye stellt neue Kreuze auf

Das Projekt soll an Menschen erinnern, die im Mittelmeer ertrunken waren. Doch das erste Mahnmal war plötzlich verschwunden.
Von Katharina Eichinger, MZ

An Ostern wurden zehn Holzkreuze auf der Jahninsel errichtet. Sie standen für die Menschen, die im Mittelmeer ertrunken waren. Fotos: Wendl
An Ostern wurden zehn Holzkreuze auf der Jahninsel errichtet. Sie standen für die Menschen, die im Mittelmeer ertrunken waren. Fotos: Wendl

Regensburg.Ostern, 2017, dramatische Szenen an Bord der Sea-Eye: Das Boot, das für acht Personen ausgelegt ist, nimmt 202 Flüchtlinge auf, um sie vor dem Tod zu retten. Trotzdem wird nicht allen Migranten geholfen: Etwa zehn Menschen, darunter eine hochschwangere Frau, schaffen es nicht.

Die Sea-Eye-Crew will, dass sie nicht in Vergessenheit geraten und errichtete ein Mahnmal. Zehn Kreuze stellten sie am Ostermontag auf der Jahninsel auf. An einem hängt noch ein kleines Kreuz – es symbolisiert die schwangere Frau und ihr nie geborenes Kind. Wenige Wochen später sind die Holzkreuze verschwunden. Der Verein erstattete Anzeige.

Bilder einer der vergangenen Missionen der Sea-Eye sehen Sie in unserer Bilderstrecke:

Sea-Eye rettete Flüchtlinge im Mittelmeer

Michael Buschheuer, Gründer des Regensburger Sea-Eye e. V., ist nicht zuversichtlich, dass bei den Ermittlungen etwas herauskommt. Trotzdem wollen er und seine Crew nicht, dass die zehn Menschen, die vor der libyschen Küste ertrunken sind, in Vergessenheit geraten. An Pfingsten wollen sie erneut zehn Kreuze auf der Jahninsel aufstellen.

Ein Crewmitglied springt während einer Übung in die Donau. Foto: dpa
Ein Crewmitglied springt während einer Übung in die Donau. Foto: dpa

An Ostern zimmerte das Team selbst Kreuze zusammen und stellte sie auf der Jahninsel auf. Ein befreundeter Schreiner hat sich jetzt bereit erklärt, die neuen Kreuze anzufertigen. Buschheuer und sein Team stellen sie am Pfingstsonntag um 15 Uhr bei einer kleinen Zeremonie auf der Jahninsel wieder auf.

Herzlosigkeit schmerzt

Michael Buschheuer auf der Jahninsel. Hier werden neue Kreuze errichtet. Foto: Eichinger
Michael Buschheuer auf der Jahninsel. Hier werden neue Kreuze errichtet. Foto: Eichinger

Immer wieder wird die Sea-Eye-Crew mit dem „Schlepper“-Vorwurf konfrontiert. Buschheuer nimmt es ihnen nicht übel. „Man kann sich nicht auf jedem Gebiet auskennen“, sagt er. „Herzlosigkeit trifft mich mehr. Wenn ein gebildeter Mensch mich fragt, warum wir die Menschen überhaupt retten – da verzweifle ich an der Menschheit“, sagt der 40-Jährige. „Das schmerzt.“

Im vergangenen Jahr wurden Sea-Eye-Mitarbeiter entführt. Michael Buschheuer äußert sich im Video:

Michael Buschheuer zur Situation nach der Entführu

Doch wie kam Buschheuer eigentlich darauf, Menschen in Not zu helfen? Im Oktober 2013 organisierte Italien die Marineoperation Mare Nostrum zur Seenotrettung von Flüchtlingen. Nach gut einem Jahr wurde sie durch die Operation Triton ersetzt. Primäre Aufgabe der Nachfolgemission ist die Sicherung der EU-Außengrenze. Auch das Budget ist wesentlich geringer als das von Mare Nostrum. „Irgendwas muss passieren“, dachte Buschheuer. Doch es kam nichts. „Ich bin selbst Hobbysegler, irgendwas muss ich doch tun“ – und die Idee, selbst bei der Seenotrettung aktiv zu werden, war geboren. Doch den Geflüchteten im Mittelmeer zu helfen werde immer schwieriger, auch weil „große Schiffe, einschließlich dem Militär, sich der Situation entziehen“.

Auch heuer wird im Rahmen eines italienischen Abends Geld für den Verein gesammelt. Lesen Sie mehr.

Buschheuer fährt selbst „so wenig wie möglich“ bei den Einsätzen mit. Mit seiner Crew ist er trotzdem täglich in Kontakt, manchmal auch stündlich. Seit März dieses Jahres hat der Verein neben der Sea-Eye noch die Seefuchs, einen baugleichen Kutter. Ihre erste Mission war in diesem Monat.

Der Sea-Eye e. V.

  • Gründung

    Der Verein wurde im Herbst 2015 von einer kleinen Gruppe um den Unternehmer Michael Buschheuer gegründet. Im November 2015 kaufte der Verein das erste Schiff. Heute hat der Sea-Eye e. V. insgesamt 207 Mitglieder. Im April 2016 nahm die Sea-Eye ihre Mission im Mittelmeer auf.

  • Schiffe

    Seit März gibt es neben der Sea-Eye noch die baugleiche Seefuchs. Bei ihrem ersten Einsatz rettete sie 132 Menschen.

  • Unterstützung

    Am 16. Juli findet das Festa Bellissima statt. Der Erlös geht an Sea-Eye. Weitere Infos unter sea-eye.org

Erst am vergangenen Wochenende rückte der Verein wieder zu einem dramatischen Einsatz aus. „Wir haben als einziges Schiff den Einsatz angefahren“, sagt Buschheuer. Das Wetter sei schlecht gewesen. Der Kutter, der eigentlich für acht Personen ausgelegt ist, hat 168 Menschen aufgenommen. Etwa 38 Stunden war das Team mit den Geflüchteten nach Lampedusa unterwegs. „Das war hoch dramatisch für alle Beteiligten.“

Drei Wochen Freizeit für die Rettung

„Seefuchs“ heißt der neue Kutter der Regensburger Initiative. Foto: dpa
„Seefuchs“ heißt der neue Kutter der Regensburger Initiative. Foto: dpa

Vom Hobbykapitän über die Lehrerin zum Archäologen – die Sea-Eye-Crew ist bunt gemischt. Buschheuer braucht zuverlässige Leute. Vor ihren Einsätzen werden sie geschult. Die Anreise nach Malta, wo die Crew wechselt, zahlt jeder selbst. Drei Wochen Urlaub müssen Berufstätige nehmen, um mit auszurücken.

Bei der „Menschen, die bewegen“-Gala wurden 15 000 Euro für den Verein gespendet. Lesen Sie mehr.

Den Verein gibt es seit Herbst 2015, im November desselben Jahres kaufte der Sea-Eye e. V. das erste Boot, das Anfang 2016 überführt wurde. Im April vergangenen Jahres nahm die Sea-Eye ihre erste Beobachtungs- und Rettungsmission auf. Seitdem wurden laut der Homepage des Vereins 8532 Menschen gerettet.

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