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Geschichte

Sein Vater schrieb Zeitungsgeschichte

Bevor die Schau „Leben im Wartesaal“ im Leeren Beutel beginnt, schaut sich ein Ehrengast um: Es ist der Sohn des jüdischen Schriftstellers Mendel Man.
Von Erika Neufeld, MZ

  • Josef Dendorfer bereitet die Aquarelle für die Ausstellung vor. Fotos: Neufeld
  • Die Regensburger Wochenzeitschrift „Der najer moment“ wurde in der hebräischen Schrift gedruckt. Foto: Neufeld

Regensburg.Mit 19 Aquarellen seines Vaters als Gastgeschenk im Gepäck, ist Zvi Man am Donnerstag in Regensburg angekommen. Seitdem seine polnisch-jüdische Familie 1948 von Sulzbach nach Israel immigrierte, ist er nicht mehr hier gewesen.

Doch sein Besuch hat einen wichtigen Grund: Es sind die Spuren, die sein Vater Mendel Man mit der jiddischen Wochenzeitung „Der najer moment“ in der Domstadt hinterlassen hat – und die nun im Blickpunkt der Ausstellung „Leben im Wartesaal“ in der Galerie Leerer Beutel stehen.

Ehrengast ist tief bewegt

Monatelang haben sich dafür Studierende und Lehrende des Elitestudiengangs Osteuropastudien mit dem Wirken des polnisch-jüdischen Schriftstellers Mendel Man, der jiddischen Wochenschrift und dem jüdischen Leben in Regensburg auseinandergesetzt. Ihre Arbeit hat sich gelohnt – und überzeugt gleich den ersten und ganz besonderen Gast: Zvi Man.

Staunend geht er durch den Ausstellungsraum, der wie eine begehbare Zeitung aufgebaut ist. „Das ist ja unglaublich“, sagt er immer wieder. Große weiße Tafeln, außen mit hebräischen Buchstaben gestaltet, erzählen auf der Innenseite davon, was die Zeitung in den Nachkriegsjahren 1946 bis 1947 druckte. Alles das, was jüdische Regensburger interessierte: Von der sensationellen Fußballpartie Landsberg gegen Regensburg über die jüdische Beteiligung an den deutschen Wiederaufbau bis hin zur Nazi-Säuberung. Nach den Schrecken des Holocausts und des Zweiten Weltkrieges warteten viele jüdischen Familien in Regensburg auf ihre Ausreisegenehmigungen für Palästina oder Amerika. Schriftsteller, Künstler und Journalisten bauten in dieser Zeit ein kulturelles Leben auf – darunter auch Mendel Man. Mit seinen Beiträgen in der jiddischen Wochenzeitung „Najer Moment“ prägte er das jüdische Leben in der Domstadt. „Mendel Man war der Katalysator der Zeitung“, erklärt Diane Schürmeier vom Institut für Slavistik. „Als er Regensburg verließ, verschwand auch kurz danach der „Najer moment“.“

„Der Najer moment“ war besonders

„Das Besondere an der Regensburger Wochenzeitung war, dass die jiddischen Artikel in hebräischer Schrift gedruckt werden konnten“, sagt Zvi Man. „Das hat es so in keiner anderen deutschen Stadt gegeben.“

Immer wieder bleibt er vor den Tafeln im Ausstellungsraum stehen und liest, was die meisten Regensburger Besucher nicht lesen können – die Originaltexte in hebräisch.

Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich dem Künstler und Poeten Mendel Man. Stille und Besinnlichkeit prägen den Raum. An den Wänden hängen eingerahmt einige seiner Gedichte. Auf einer großen Leinwand werden im Wechsel die Kunstwerke Mendel Mans projiziert – allesamt Naturaquarelle in zarten Erdfarben. Entstanden sind die meisten in der ersten Zeit in Israel. Als Kind hat Zvi Man seinen Vater oft bei der Arbeit beobachtet. „Wenn er gemalt hat, war er ruhig und geerdet“ erinnert er sich. Ganz anders dagegen, wenn er geschrieben hat. „Dann war er nervös, angespannt und völlig verschwitzt.“

Lange steht Zvi Man vor der Leinwand und betrachtet die Werke seines Vaters. „Ich weine zwar nicht“, sagt er leise. „Aber ich bin sehr bewegt.“

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