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Justiz

Sensationelle Wende im Gerichtssaal

47-Jährige soll Ex-Chef fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt haben. Das Landgericht Regensburg sprach sie frei.
Von Marion von Boeselager

Die Angeklagte kam mit ihrem Verteidiger in den Gerichtssaal.Archivfoto: Marion von Boeselager
Die Angeklagte kam mit ihrem Verteidiger in den Gerichtssaal.Archivfoto: Marion von Boeselager

Regensburg.Mit einem Paukenschlag endete der Berufungsprozess gegen eine 47-jährige Rodingerin am Landgericht Regensburg. Laut Anklage hatte die Bürokauffrau ihren früheren Chef im Mai 2016 zu Unrecht wegen Vergewaltigung angezeigt.

Deshalb war sie im November 2018 wegen falscher Verdächtigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr mit Bewährung und einer Geldauflage von 2500 Euro an den Frauennotruf verurteilt worden.

Beweislage nicht eindeutig

Jetzt hatte die Berufung der Frau gegen das Urteil Erfolg. Die Landgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Johann Piendl sprach die Angeklagte nach dem Grundsatz „im Zweifel für die Angeklagte“ frei. Nach viertägiger, akribisch durchgeführter Beweisaufnahme mit einer Vielzahl von Zeugen kam das Gericht nicht zu dem Ergebnis, dass die Angestellte damals nachweislich gelogen hatte.

Wie berichtet, hatte die Angeklagte gegenüber der Regensburger Kriminalpolizei und auch vor Gericht erklärt, sie sei von dem 53-jährigen Vorgesetzten zunächst mit WhatsApp-Nachrichten geflutet und dann überraschend und gegen ihren Willen in der Teeküche auf den Mund geküsst worden. Später habe der Schichtleiter sie mehrfach im Intimbereich angefasst. Vor dem Landgericht sprach die Frau von rund 20 solchen Übergriffen. Ihr Chef habe aber nie Gewalt angewendet und sie nicht festgehalten, räumte sie ein. Sie habe die Handlungen dann jeweils sofort „abgebrochen“ und sei gegangen. Auch habe sie den Werksleiter damals um Versetzung gebeten, die Übergriffe jedoch nicht als Grund angegeben.

Ex-Chef: Es war eine Liebesbeziehung

Der Ex-Vorgesetzte beteuerte indes stets, es habe sich um „einvernehmliche“ Zärtlichkeiten, ja sogar um eine Liebesbeziehung gehandelt. Gegen ihn wurde jedoch ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das nach acht Monaten „wegen erwiesener Unschuld“ eingestellt wurde.

Justiz

Sex-Tat: Aussage gegen Aussage

Eine Angestellte soll ihren Ex-Chef zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigt haben. Zeugen stützten jetzt seine Version.

„Die Beweissituation ist alles andere als eindeutig“, befand der Vorsitzende Richter Piendl in seiner Urteilsbegründung. Die Zeugen aus der Belegschaft hätten doch sehr unterschiedlich ausgesagt. Während etwa Vertreter aus der Führungsetage berichteten, die 47-Jährige habe im angeblichen Tatzeitraum „händeringend um Versetzung gebeten“, hatten andere Mitarbeiter verliebte Blicke zwischen den beiden beobachtet, zärtliche Gesten wie Nackenmassagen und einen Kuss.

Die Berufungskammer kam am Ende jedoch nicht zu der Überzeugung, dass die Rodingerin ihren Chef bewusst wahrheitswidrig belastete. Zweifel daran, dass die Angeklagte den Nebenkläger wider besseren Wissens einer Straftat bezichtigte, hätten nicht vollends ausgeräumt werden können.

Der Vorwurf

  • Anklage:

    Die Staatsanwaltschaft warf der Angeklagten vor, bewusst wahrheitswidrig behauptet zu haben, ihr Ex-Chef habe gegen ihren Willen sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen.

  • Straferwartung:

    Bei einer Verurteilung wegen falscher Verdächtigung kann gegen den Angeklagten eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe verhängt werden.

Anscheinend habe die Angeklagte sich die Annäherungsversuche ihres Vorgesetzten zunächst nicht verbeten und ihnen damit einen Riegel vorgeschoben – aus Verlegenheit oder um des guten kollegialen Einvernehmens willen. Als es dann zu konkreten sexuellen Handlungen gekommen sei, habe die 47-Jährige aber wohl schon ihre Ablehnung und Abwehr dagegen zum Ausdruck gebracht, so die Sicht der Berufungskammer.

Gleichzeitig bedeute das Urteil aber nicht, dass die sexuellen Übergriffe tatsächlich stattgefunden hätten. Piendl betonte in seiner mündlichen Urteilsbegründung, dass es in dem Prozess „nicht um die Aufklärung eines Sexualdelikts ging.“ Ob die Übergriffe objektiv so stattfanden oder nicht, sei „nur begrenzt nachprüfbar.“ Was die Angeklagte persönlich wahrnahm, sei eine andere Frage.

Ehe nicht aufs Spiel setzen

Die heikle Beziehung kam damals durch eine spontane Aktion des Ex-Chefs ans Tageslicht. Er wollte das Verhältnis nach eigenen Angaben beenden, da seine Frau wegen der vielen Text-Nachrichten Verdacht schöpfte und er seine Ehe nicht aufs Spiel setzen wollte. Daher schickte er dem Ehemann der Angeklagten ein anonymes Schreiben. Der Inhalt: „Ihre Frau geht fremd“. Daraufhin reagierte die Angeklagte mit ihrer Anzeige bei der Kripo Regensburg. Mit katastrophalen Folgen für ihren Chef: Seine Ehe bekam einen tiefen Riss. Er verlor seinen Job und verdient nun 500 Euro weniger.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage-Vertreter Michael Haizmann hatte die Verwerfung der Berufung beantragt. Verteidiger Patrick Schmidt hatte auf Freispruch plädiert.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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