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Entdeckung

Sensationsfund: Das erste Foto der Stadt

In seinem Buch über die Donau-Schleppschifffahrt veröffentlicht Klaus Heilmeier das erste Lichtbild von Regensburg.
Von Helmut Wanner

  • Blick vom Unteren Wöhrd auf die Stadt: 1859 entstand diese Aufnahme eines französischen Fotografen. Fotos: Klaus Heilmeier/Peter Ferstl
  • „Ich lebe seit Jahrzehnten an der Donau und sehe: Still und leise verschwinden die Dinge. Ich will die verlorene Zeit festhalten.“ Klaus Heilmeier, Autor und Verleger

Regensburg.Der Vorhang wird gelüftet und es erscheint ein Stück einer anderen Welt: Vom Unteren Wöhrd aus geht der Blick des Fotografen hinüber zur Altstadt. Am Südufer sind niedere Steinhaufen zu sehen, das sind die Reste der Stadtmauer der Freien Reichsstadt.

Die Monarchie steht noch. In Regensburg hat Erbprinz Maximilian Anton von Thurn und Taxis gerade das erste Hochzeitsjahr mit Sisi-Schwester Helene hinter sich. Und Märchenkönig Ludwig II. darf noch träumen. Die Regentschaft in Bayern muss er erst 1864 antreten. Der strenge Herr Bischof Ignatius von Senestrey (1871 Strippenzieher im Vatikan) sitzt noch keine zwölf Monate auf der Kathedrale von St. Peter. Die Domtürme sind ohne Helme, sie werden ein Jahr später aufgesetzt.

Die Dinos der Donau

Vermutlich ist es das älteste Foto von Regensburg, das der Verleger und Autor Klaus Heilmeier da ausgegraben hat. Ein französisches Atelier hat die sogenannte Stereoaufnahme geschaffen. „Das Foto kennt noch niemand. Es ist 1859 aufgenommen“, sagt der ehemalige Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde. Es zeigt eine Stadt an der Schwelle zum Industriezeitalter. Das südliche Donauufer präsentiert sich erstmals nach Niederlegung der Stadtmauer 1858 mit seinen hohen Stadeln, von denen heute nur noch einer steht.

Regensburg in bahnloser Zeit

Für Heilmeier ist dieser fantastische Blick in die Vergangenheit der Welterbestadt die wertvollste seiner Preziosen, die seinen Erstling als Jung-Verleger schmücken. Es heißt „Raddampfer, Motorschiffe und Schleppzüge – die Schleppschifffahrt auf der Donau im 19. und 20. Jahrhundert in historischen Bilddokumenten“. Erschienen ist es im Danubius-Verlag. Letzte Woche wurde es ausgeliefert.

„Ich lebe seit Jahrzehnten an der Donau und sehe: Still und leise verschwinden die Dinge. Ich will die verlorene Zeit festhalten.“

Klaus Heilmeier, Autor und Verleger

Im Namen Danubius-Verlag steckt der Anspruch, die Donau von der Quelle bis zur Mündung als Kultur- und Wirtschaftsraum darzustellen. Dieser völkerverbindende Strom sei als Lebensraum in der Wahrnehmung der Menschen nach wie vor unterbelichtet, meint Heilmeier. Jetzt hat er ein Hammer-Werk hingelegt, das Experten in eine Reihe stellen mit C. V. Šuppans 1902 in Wien erschienenen Grundlagenbuch „Die Donau und ihre Schifffahrt“. Es ist zugleich ein Abgesang auf die Schaufelraddampfer, die er die Dinos auf der Donau nennt: „Die Schleppschiffahrt ist definitiv beendet“, sagt Heilmeier. Die Wende läutete ihr das Totenglöcklein.

Raddampfer im Einsatz
Raddampfer im Einsatz

Das alte Regensburg-Foto markiert dagegen den Anfang dieser untergegangenen Epoche: Deswegen war Heilmeier an diesem Sensations-Fund zunächst das alte Zugpferd so wichtig, dieser bayerische Raddampfer. Heilmeier: „Seine Identität ist nicht gesichert. Es könnte einer der bei Maffei gebauten Zugdampfer Donau oder Neptun sein.“ Davor liegt ein uraltes Treidel-Schiff aus Franken, das über den damals noch gut im Betrieb stehenden Ludwig-Donau-Main-Kanal nach Regensburg gekommen ist. Bis zur Hengstenberg-Brücke, der heutigen Eisernen Brücke, stehen die Donauschiffe in Dreier-Reihen. Die Eisenbahn gab’s noch nicht in der Stadt. Sie wurde erst im Dezember dieses Jahres 1859 eröffnet.

Der Duft von Doanalettn

Klaus Heilmeier ist an der Donau aufgewachsen. Der Duft von Doanalettn begleitet ihn von Jugend auf. Unter seinem Hochsitz in Stadtamhof fließt die Donau vorbei. Dahinter erhebt sich auf der Donauinsel die „Alte Linde“. Vom dritten Stock seines Hauses am Franziskanerplatz hat er die Eckpunkte seines ganzen Lebens als Donaukind im Blick: Sein Geburtshaus in der Wöhrdstraße 1, das mit seiner Schauseite zur Steinernen Brücke blickt. Die ersten 23 Jahre seines Lebens hat er hier verbracht. Dann der 55 Meter hohe Rathausturm gegenüber. „Der hat 800 Jahre überstanden und wird dieses Jahr auch überstehen. Er hat 2017 nicht gewackelt.“ Für die Stadt hat Heilmeier als Planer und Denkmalschützer gearbeitet.

Der Prinzregent tauft sein Schiff
Der Prinzregent tauft sein Schiff

„Ich hatte das Glück, einen alten Raddampfer noch persönlich fahren zu sehen“, sagt Jung-Pensionist Heilmeier. „Die waren ganz leise.“ Zwischen Flussbildern hängt ein blaues Straßenschild „Wienerstraße 13“, das ist das, was vom alten Lagergebäude im ehemaligen Luitpoldhafen noch blieb. Das Fachwerkgebäude aus dem Jahr 1810 wich einem Container-Terminal. „Ich lebe halt seit Jahrzehnten an der Donau und sehe die Entwicklung: Still und leise verschwinden die Dinge.“

Die Donau ist schon über fünf Jahrzehnte sein Thema. Mit seinem Bruder Heribert und dem Brüderpaar Friedrich und Peter Schiller hat er das Projekt Ruthof ins Leben gerufen. 12 Jahre war er im Vorstand des Schifffahrtsmuseums. Die Ruthof ist ein stählernes Relikt. Mit der Schleppschifffahrt gingen auch die Menschen und Berufe. „Heute könnte keiner mehr so einen Verbund fahren“, ist Heilmeier überzeugt.

Die Menschen mit ins Boot geholt

Nach seiner Pensionierung als Denkmalpfleger war es ihm eine Herzensangelegenheit, die untergegangene Ära zu besingen. „Blech und Dampf und Bruttoregister haben zwar ihren Platz. Aber mir war es auch wichtig, die Menschen mit ins Boot zu nehmen, wie sie gelebt haben. Die Stimmungen, die Menschen und ihre Lebensumstände. Die Waschweiber von Vilshofen, die Welt der Zöllner in Passau, das Leben der Kapitäne. Sie standen ohne Schutz vor Wind und Wetter auf der Brücke.“

Die Waschweiber von Vilshofen
Die Waschweiber von Vilshofen

Deswegen hat er literarische Raritäten ausgegraben. So beschreibt Benno Hurt als 25-Jähriger für den Merian-Verlag eine Stunde auf einer grünen Bank am Nordufer gegenüber der Königlichen Villa. Das, was er da sah, so meint Heilmeier, könne man heute nicht mehr beschreiben: „Flach, winterrostig und schwarz ruhen die Schleppkähne noch am andern Ufer, ein Junge in Jeans schlenkert einen von weißer Farbe tropfenden Pinsel gegen die Holzwand der Kajüte, eine leere Tonne rollt über das Deck, die Frau klammert ein letztes Mal nasse lange Männerunterhosen an eine Leine, während der Mann den Blechkübel, an ein Seil gebunden, in einem Halbbogen hineinwirft, Wasser zu schöpfen…“ Der Schriftsteller schrieb dies zu einer Zeit, als Regensburg im Bayerischen Rundfunk nur in den Wasserstandsmeldungen vorkam, als „Pegel Schwabelweis“.

Leichtern mit Muskelkraft
Leichtern mit Muskelkraft

Heilmeier beschreibt sein 360 Seiten-Werk demütig als Bilderbuch mit Texten, für Leute, die die verlorene Zeit suchen. „Es ist ein Nischenprodukt“, sagt Heilmeier. Konrad Fuß hätte es gekauft. Der KPD-Stadtrat stand winkend in seiner Wohnung in Schwabelweis, als der Eiserne Vorhang sich ein wenig lüftete und er 1956 den ersten sowjetischen Schlepper von Tegernheim her bergauf dampfen sah. Die Rote Fahne flatterte am Bug. Er sah es mit Tränen in den Augen.

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Über das Buch

  • Rund 170 Jahre

    lang prägten Raddampfer und Schleppkähne das Bild der Schifffahrt auf der Donau. Der große europäische Strom, der über eine Länge von 2850 Kilometern Zentraleuropa mit den Kultur- und Siedlungsräumen Südosteuropas verbindet, schien gerade geschaffen für eine moderne Flussschifffahrt.

  • Mit 335

    historischen Schwarz-Weiß- und Farbfotos sowie Plänen wird die Blütezeit der Dampfschifffahrt zur Jahrhundertwende ebenso dokumentiert wie die Expansion und der Zusammenbruch der Donauschiffahrt in den Jahren 1938 bis 1945 und die zögernde Normalisierung des Donauhandels in den 1950er-Jahren. Zeitgenössische Texte und Berichte vermitteln ein lebendiges Bild dieser Epoche.

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