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Regensburg
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Arbeiten

Das Jahnstadion fällt in vier Stufen

Bagger aus dem Bayerwald: Die alte Spielstätte des SSV Jahn wird von Christoph Althammers Firma abgerissen.
von Mario Geisenhanslüke, MZ

Christoph Althammer leitet das Pemflinger Unternehmen, welches das Jahnstadion abreißt.
Christoph Althammer leitet das Pemflinger Unternehmen, welches das Jahnstadion abreißt. Foto: Geisenhanslüke

Regensburg.Am 17. Mai 2003 wird hier Geschichte geschrieben. Regensburger Fußballgeschichte. In Socken und Unterhosen stürmen die Spieler des SSV Jahn Regensburg über den Platz und auf ihre Fans am Turm zu. Denn nach diesem 1:0 gegen Augsburg ist klar: Der Aufstieg in Liga zwei ist dem Jahn nicht mehr zu nehmen. Mit ihren treusten Fans, die ja – anders als in vielen Stadien – im Jahnstadion nicht in einer Kurve standen, feiern sie an der Seitenlinie auf Höhe des Mittelkreises.

Am 22. Februar 2017 ist dort keine Seitenlinie mehr zu sehen. Grünen Rasen sucht man auch vergeblich. Auch feiern keine treuen Fans. Und keine Mannschaft zelebriert leicht bekleidet den Aufstieg. Im Nieselregen steht dort einsam ein gelber Bagger und reißt die ersten Stücke aus der Tribüne vor dem Turm.

Auch Holz muss entsorgt werden. Foto: Geisenhanslüke
Auch Holz muss entsorgt werden. Foto: Geisenhanslüke

Der Abriss des Jahnstadions an der Prüfeninger Straße läuft seit Anfang der Woche. In rund drei Monaten will Christoph Althammer, der Chef der verantwortlichen Firma, hier eine saubere und leere Fläche hinterlassen. Bekleidet mit einer leuchtend orangen Warnweste stapft Althammer quer über das ehemalige Spielfeld und bleibt an dem Hydraulikbagger stehen. Die röhrende, 16 Tonnen schwere Maschine nennt er „relativ klein, flexibel und schnell“. Das hier sei ein „Arbeiter“. Die großen kämen erst noch.

Wann genau die schweren Abbruchbagger mit ihrem 19 Meter langen Ausleger kommen, steht noch nicht fest. Mit der Stadt sei nach einer ersten Begehung ein grober Ablaufplan ausgemacht worden, sagt Althammer. Der Detailplan, in welchem auch festgelegt wird, wann die Bagger an der historischen Haupttribüne zu nagen beginnen, folgt kommende Woche.

Noch mehr Bilder von den ersten Tages des Abrisses finden Sie hier:

Abriss des Alten Jahnstadions: Tag 1

Aber wie läuft dieser Abriss – im Fachjargon übrigens „professioneller Gebäuderückbau und Schadstoffentfrachtung“ genannt – generell ab? Althammer teilt die Arbeiten der kommenden Monate in vier Schritte ein: Zunächst wird die Baustelle abgesichert. „Das ist in diesem Fall relativ gut, weil ja rundherum der Zaun steht. Da brauchten wir nicht viele Bauzäune aufstellen bis dato“, sagt er.

Schritt zwei, der aktuell schon begonnen hat, ist die sogenannte Schadstoffentfrachtung – besser bekannt als Entkernung. Denn wer glaubt, das Stadion werde einfach mit einer Abrissbirne zertrümmert oder gar gesprengt, liegt falsch. In mühevoller Handarbeit muss zunächst raus, was nicht als „Bauersatzstoff“ erneut benutzt werden kann: Müll, Metall, Holz – und Schadstoffe. Im Fall des Jahnstadions ist laut Althammer schon jetzt klar, dass die Arbeiter die gefährliche Mineralwolle KMF und Asbest erwarten wird. Erste Säcke, bedruckt mit einem Warnhinweise, stehen bereits prall gefüllt in den Katakomben.

Der Turm bleibt erhalten. Foto: Geisenhanslüke
Der Turm bleibt erhalten. Foto: Geisenhanslüke

Der Bagger röhrt wieder, die Schaufel greift ein Metallgitter. Die Maschine dreht sich auf der Stelle, das Gitter schwebt durch die Luft, bis es über dem Container zum Stehen kommt. Die Schaufel öffnet sich, die Schwerkraft erledigt den Rest. Doch das Gitter kracht auf die Ecke des Containers und fällt auf der falschen Seite hinunter. Aufheben, rein in den Container – und dann ist das nächste Stück des Jahnstadions verschwunden.

Die Pemflinger Firma Althammer Bau hat der Vater von Christoph Althammer 1978 gegründet. Althammer junior führt den Familienbetrieb und die 25 Mitarbeitern zusammen mit seinem Bruder, seiner Schwester, und auch die Eltern sind noch aktiv. Ein echtes Familienunternehmen in zweiter Generation.

„Die Zeiten eines ,Einfach so alles runterhauen‘ sind vorbei.“

Christoph Althammer, „Althammer Bau Gmbh“

Viele Worte braucht Althammer nicht, wenn er mit seinen Mitarbeitern spricht. Und auch nicht, um den dritten Schritt zu erklären. Nach der Entkernung folge der Gebäudeabbruch, sagt er. „Da kommen dann die großen Bagger und machen das Gebäude sozusagen klein.“ Doch Althammer betont: „Die Zeiten eines ,Einfach so alles runterhauen‘ sind vorbei“. Die Abbruchbagger sind mit verschiedenen Zangen und hydraulischen Schnellwechselsystemen ausgestattet. Damit wird dann beispielsweise die Tribüne gezielt und Stück für Stück auseinandergenommen.

Zehn Mitarbeiter werden in Spitzenzeiten gleichzeitig auf der Baustelle aktiv sein. Außerdem werden die Anwohner zwei bis drei kleine Bagger, bis zu drei der großen Abbruchbagger, Radlader und diverse Containerfahrzeuge zu Gesicht bekommen. Und die größte Maschine ist dann gleichzeitig die letzte, die an der Prüfeninger Straße anrücken wird: die 47 Tonnen schwere Brecheranlage. Hier wird von Beton über Mauerwerk bis zu Ziegeln alles zerquetscht und auf eine Halde gekippt, was die Stadt nach einer letzten Probe – auch vorher muss das Material immer wieder untersucht werden – als Ersatzbaustoff erneut verwenden möchte.

Für Christoph Althammer ist der Abriss dieses Areals in Regensburg lange eine der größeren Unternehmungen der Firmengeschichte. Auch in Regensburg war er schon öfter aktiv – beispielsweise auf dem Gebiet der ehemaligen Nibelungenkaserne.

Der Anspruch bleibt aber der gleiche: Am Ende soll eine „leere und saubere“ Fläche bleiben. Damit die nächsten Bagger kommen können.

Das Alte Jahnstadion in 360 Grad

So sieht es zu Beginn des Abrisses aus: In den folgenden vier 360-Grad-Bildern können Sie sich noch einmal an vier Stellen im Alten Jahnstadion umsehen. Klicken Sie einfach in das Bild, um zu starten, und nutzen Sie dann ihre Maus (oder ihren Finger, wenn Sie ein mobiles Endgerät nutzen), um sich im Bild zu bewegen.

Vor der Tribüne

Mehr Grün ist nicht mehr übrig im alten Jahnstadion. - Spherical Image - RICOH THETA

Am ehemaligen Anstoßkreis

Der Anstoßkreis ist auch nicht mehr das, was es einmal was. - Spherical Image - RICOH THETA

Vor dem Turm

Wo früher Fußball gespielt wurde, rollen bald die Bagger an. - Spherical Image - RICOH THETA

Auf der Haupttribüne

Ein letztes Mal auf der Tribüne im alten Jahnstadion stehen. - Spherical Image - RICOH THETA

Lesen Sie mehr

Vor dem Abbruch des Stadions blicken vier ehemalige Spieler der Regensburger Jahnelf für uns zurück. Bevor die Abrissbirne zuschlägt, wurde außerdem die Jahntribüne noch einmal gewürdigt: OTH-Studenten erforschten die Baugeschichte.

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Eine Geschichte geht zu Ende

  • Aus Wiesen wurde der Jahn-Platz

    Am 19. September 1926 pachtete der Sportbund Jahn das Grundstück an der Prüfeninger Straße, das damals noch am Stadtrand lag. Aus ein paar Wiesen wurden ein Hauptspielfeld und mehrere Trainingsplätze, der Jahn-Platz wurde die neue Heimspielstätte der Regensburger. Als immer mehr Zuschauer den Jahn besuchten, wurde 1931 die Jahn-Tribüne gebaut – zu der Zeit eine der modernsten Fußballtribünen Deutschlands.

  • Am 20. Februar beginnt der Abriss

    Am 23. Mai 2015 war die Tribüne des Jahnstadions letztmals bei einem größeren sportlichen Ereignis besetzt. Es war der Tag der Abschiedsfeier, an dem die Hausherren die Gegner von Fortuna Köln mit 4:0 vom Platz fegten. Danach gab es nur noch ein Testspiel gegen Offenbach, zu dem nur 250 Fans kamen. Ende des Monats wird die Tribüne endgültig Geschichte sein. Am 20. Februar beginnt der Abriss. Das Stadion macht einer neuen Schule Platz.

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