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Forschung

Spiderman aus Regensburg

Prof. Thomas Scheibel hat „Biostahl“ aus künstlicher Spinnenseide erfunden, eine Superfaser. Adidas macht einen Schuh daraus.

Regensburg.An Ostern kommt Prof. Thomas Scheibel das nächste Mal nach Regensburg. Er bringt seinen Sohn Phillip zu den Kumpfmühler Großeltern. „Eine Woche Heimaturlaub“, scherzt Scheibel. Er liefert den Kleinen nicht ab, um mit seiner Frau zu verreisen. „Nein, wir wollen mal in Ruhe arbeiten“, sagt er. Das Paar forscht an der Universität Bayreuth. Scheibel, der bis zu seinem 29. Lebensjahr in Regensburg lebte, leitet in der Wagner-Stadt den Lehrstuhl für Biomaterialien.

Zum Interview kommt er zu spät, weil Fernsehteams bei ihm drehen. Zeit, um sich im Besprechungsraum der Naturwissenschaftlichen Fakultät umzusehen. An der Wand fällt ein Trikot des Eishockeyclubs Regensburg mit Spinnenlogo auf. Die EHC-Mannschaft nennt sich Spiders, was zu Scheibels Forschung passt. „Wir sind die einzigen weltweit, die einen Spinnenfaden ohne Spinne herstellen können“, wird er später sagen. Neben dem Trikot hängen Auszeichnungen, darunter der Karl-Heinz-Beckurts-Preis für herausragende Ergebnisse in der Biotechnologie und der Bayerische Innovationspreis.

Schon federt der Professor in Jeans, blauem Hemd und Turnschuhen herein, verrät, dass der Hessische Rundfunk, Health TV und SAT1 bei ihm filmen. Scheibel ist auf dem besten Weg, eine Art Starwissenschaftler zu werden, weil Adidas einen biologisch abbaubaren Sportschuh aus seiner künstlichen Spinnenseide herstellt. Der 48-Jährige erklärt komplizierte Sachverhalte einfach, spricht witzig und greift sich fürs Video einen mit echtem Spinnenfaden bespannten Tennisschläger, um damit einen Ball durch den Gang zu jagen.

Die Botschaft: Spinnenseide ist hoch belastbar – genau wie der naturidentische „Biosteel“, den Scheibel daraus destilliert. Die von ihm gegründete Firma AMSilk in Planegg vermarktet ihn.

Adidas feilt am eigenen Image

Die Vorgehensweise: „Wir haben uns die Erbinformation der Spinne geschnappt, sie analysiert und in die Sprache der Bakterien übersetzt. Dann haben wir die Bakterien dazu gekriegt, die Spinnenseidenproteine herzustellen. Die verarbeiten wir zum Faden.“ Der biologisch abbaubare „Steel“ ist laut Scheibel dehnbarer und tragfähiger als das stärkste Nylon und die Carbonfaser, die im Autobau verwendet wird. Perfekt also für den Sportartikelriesen Adidas, der umweltbewusst auftreten will.

Bereits im November 2016 brachte Adidas einen Laufschuh in die Läden, dessen Sohle aus recyceltem Meeresmüll im 3D-Drucker entstand. Nachhaltigkeit zieht bei den Kunden. Obwohl Adidas 200 Euro verlangte, waren die 7000 Paare im Nu ausverkauft. Und jetzt der Sneaker aus künstlicher Spinnenseide: Einen Prototypen in Naturbeige gibt es. Er heißt etwas pompös „Adidas Futurecraft Biofabric“ und wurde vor mehr als einem Jahr in New York präsentiert. Erfinder Thomas Scheibel, der stolz auf die Zusammenarbeit ist, hat ihn getestet, musste das Muster aber zurückgeben. Der Biosteel macht den Schuh um 15 Prozent leichter und auch robuster. „Man schwitzt nicht, er müffelt nicht, weil Bakterien nicht haften bleiben.“ Wann Adidas den Sportschuh für den Markt fertigt, weiß Scheibel nicht. „Die wollen eine Mega-Aktion, damit jeder darüber spricht.“ Auch Adidas-Sprecherin Mandy Nieber verrät auf MZ-Anfrage nicht mehr.

Der 48-jährige Scheibel, der bei der Wolfgangsschule aufgewachsen ist und im ersten Biochemiejahrgang an der Uni Regensburg studierte, sucht längst nach weiteren Anwendungsmöglichkeiten für den „Biostahl“. Die Spinnen hält er noch für Auftritte an Schulen, für Journalistenfotos – und als „Referenzmaterial“, also für den Vergleich mit dem bakterienerzeugten Spinnenseidenprotein. Er arbeitet unter anderem mit Schwarzen Witwen und Gartenkreuzspinnen. Das Prachtexemplar ist die Tarantel Saba. Für das MZ-Foto scheucht Doktorandin Tamara Aigner das behaarte Tier mit den beachtlichen Vorderzähnen vom Terrarium in einen Becher. Normalerweise verlässt sie den und stellt sich dem Fotografen. Diesmal bockt Saba – die Fernsehleute haben sie gestresst. Also porträtieren wir die Goldene Radnetzspinne, die bewegungslos an einem Zweig hängt.

Thomas Scheibel hätte in seine Firma AMSilk wechseln können, erforscht jedoch lieber die Nutzung des „Biosteel“. „Da kann ich einen Turnschuh entwickeln, Textilien für Sitzmöbel, einen Wasserstoffantrieb fürs Auto – und Herzgewebe im 3-D-Drucker herstellen.“ Das Wirtschaftliche habe ihn nie interessiert, Budgetrechnung sollten Ökonomen übernehmen. Mit dem fränkischen Textilhersteller Rohleder hat Thomas Scheibel Stoffe, etwa für Sitzmöbel, auf Spinnenseidenbasis entwickelt. Diesmal nicht in Faserform, sondern als Beschichtung. Die Idee: Wer ein hochwertiges Sofa ersteht, wünscht sich einen nachhaltigen Bezug aus Wolle. Die hält jedoch die Belastung nicht aus. Eine hauchdünne Beschichtung aus naturidentischer Spinnenseide schützt die Wolle. Rohleder beliefert bekannte Premiumhersteller.

Mit „Biotinte“ Organe drucken

Auf eine ganz neue Disziplin setzt „Spiderman“ Scheibel große Hoffnung. Das Forschungsteam plant, mit einem speziellen 3-D-Drucker und „Biotinte“ aus Spinnenseide Hautersatz, Herzmuskel und Nervenbahnen herzustellen. Der Unterschied zum gewöhnlichen 3-D-Druck: Die Bayreuther drucken mit Material, das Zellen enthält.

Während Tamara die Tarantel ins Terrarium setzt und ihr eine Heuschrecke serviert, kritisiert Scheibel, dass sich die Autoindustrie ausschließlich auf die E-Mobilität konzentriert und nicht auch andere Antriebssysteme im Blick hat. Für die Batterien werden Seltene Erden gebraucht. „Die sind nicht unendlich verfügbar und China hat die Hand drauf“, argumentiert er. Alles werde schwarz-weiß gezeichnet. „Technologisch ist es beispielsweise kein Problem, saubere Diesel zu machen. Man hat dem US-Autofahrer nicht zugetraut, selbst AdBlue nachzutanken.“ Der Lehrstuhl Biomaterialien arbeitet an einer neuen Wasserstoff-Technologie für entsprechende Brennstoffzellen. „Wir brauchen Wasser, Sonne und einen Katalysator, der auf Spinnenseide aufgebracht wird.“ Der Clou: Der Fahrer kann überall nachfüllen, wo es Wasser gibt. Die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft für das Projekt „Spider MAEN“ (Materials für Advanced Energy Technology) ist ausgelaufen. Nun suchen die Wissenschaftler einen Geldgeber für die Anwendungsforschung.

Scheibel hofft, dass er erneut Partner wie die milliardenschweren Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann gewinnen kann. Sie halten die Mehrheit an AMSilk. Eingestiegen sind dort auch einer der größten deutschen Venturekapitalfonds und die TU München, wo der Biochemiker habilitierte.

Dem Wissenschaftler wird schnell langweilig, auch deshalb brütet er unablässig über „Biosteel“-Nutzungen. Seine Kreativität führt er auf drei Dinge zurück: „Ich kenne viele Leute, höre gut zu und kann vielleicht auch kombinieren.“ Mit Phillip zusammen spielt er Jazz am Kontrabass. „Da sind wir wieder bei der Kreativität. Die Musik gibt mir geistigen Freiraum.“ Einen gewissen Freiraum schenken ihm auch die Tage in der Heimatstadt. Thomas Scheibel und seine Frau übernachten im Hotel Orphée und genießen es, durchs Welterbe zu schlendern.

Von der Spinnenseide zum Adidas-Schuh

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