MyMz
Anzeige

Historie

Spurensuche im Fall Maldaque


Von Flora Jädicke, mz

„Sie fuchtelt mit den Armen in der Luft herum. Sie blickt den Arzt starr an, reicht aber die Hand. Sie „grimmmassiert“. Nachts nässt sie ein und am Tag bei der Visite gibt sie auf Fragen nur halbe Antworten.“ So steht es in der Krankenakte der Regensburger Volksschullehrerin Elly Maldaque. Es ist der 10. Juli 1930. Am Vorabend wird die junge Frau gegen 18.00 Uhr auf Antrag des Vaters in Karthaus-Prüll eingeliefert, in die „Irrenanstalt“ . Diagnose: „Psychogener Ausnahmezustand“. Was war geschehen? Die engagierte Pädagogin wurde fristlos aus dem Staatsdienst entlassen.

Ihr Vergehen: Interesse an den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ihrer Zeit. „Sie sprach verwirrt von Kommunisten und Bolschewisten“, heißt es in der Krankenakte dazu. Elf Tage später ist Elly Maldaque tot. Todesursache: Herzinsuffizienz. Seither ist der 20. Juli 1930 für manche ein Anlass des Anstoßes und für andere ein Gedenktag, an dem zu wenige Gedenken wollen. Der Ansicht sind vier Regensburger Autoren. Gemeinsam haben sie eine Dokumentation vorgelegt, die weit über das Geschehen in der Nervenklinik hinaus geht. Sie beschreibt die Lehrerin als übersensible Sucherin, als engagierte und aufgeschlossene Frau. Sie geht ein auf die teilweise mangelnde und auf der anderen Seite instrumentalisierte Berichterstattung zu Maldaques Tod. Und sie zeichnet das Bild jener verhängnisvollen Allianz zwischen Polizei, Bürgern und Staat, die auch dem Radikalenerlass seine Nahrung gab.

Verehrt, geliebt und verleumdet

17 Jahre hatte Elly Maldaque an der protestantischen Von-der-Tann-Schule in Regensburg unterrichtet. Kollegen, Eltern und Schülern verehren sie gleichermaßen. Ihre pädagogischen Methoden folgen modernen Ansätzen. Aber der Alltag sieht für die junge Frau oft trüb aus. „Seit Monaten lebe ich ohne jegliche Empfindung. Die letzten Dinge dieses irdischen Lebens lass ich über mich ergehen wie irgendeinen grauen Tag“, schreibt sie am 5. Juni 1928 in ihr Tagebuch. Die geliebte Mutter ist tot. Der Vater ist ein fanatischer Gottessucher. Den religiösen Zwang im Elternhaus erlebt sie als Kerker.

In ihrem Tagebuch liest sich das so: „Wo das Gemütsleben als Amboss benützt wird, da muss der Mensch zur Karikatur werden“, zitiert sie einen Zeitgenossen. „Und ich war dazu geworden – weil dich das Überlieferte und Anerzogenen zu ernst nahm und mich darin verstrickte und nicht die nötige Leichtigkeit besaß wie all die anderen...“. Sie ist eine übersensible Sinnsucherin, doch den jungen Kommunisten, den sie gelegentlich zum Austausch trifft, betrachtet sie mit einer gewissen Herablassung.

Und doch freundet sie sich mit kommunistischen Theorien an und vertraut am 14. Juli 1929 schwärmerisch dem Tagebuch an: „Nun glaube ich endlich meine 5 Sinne beieinanderzuhaben. Endlich, endlich kann ich Mensch sein. Die geknebelte, seit Kinderjahren systematisch abgetötet Natur hat wieder Gestalt angenommen. Aber nun bin ich auf Tod und Leben dem Kommunismus verschworen“.

Weggesperrt ohne Beweise

Elly Maldaque wird ihre neue „Glückseligkeit“ mit dem Leben bezahlen. Am Vorabend des Nationalsozialismus, im Herbst 1929 wird die junge Frau polizeilich bespitzelt. Sie betätige sich in einer Ortsgruppe der Kommunistischen Partei, hieß es und habe bei einer deren Revolutionsfeiern Klavier gespielt. Der Polizeibericht geht an die Kreisregierung, das Innenministerium und die Münchner Polizeidirektion. Vier Monate später wird die Wohnung durchsucht, ohne ihr eine Straftat nachweisen zu können. Tagebücher und „kommunistische Schriften“ werden beschlagnahmt. Das Ergebnis: „Zum 1. Juli 1930 wird das Dienstverhältnis als Volksschullehrerin aufgelöst, heißt es im Entlassungsschreiben vom 27.06.1930.

Die Regierung hat die Überzeugung gewonnen, dass Sie Ihrer geistigen Einstellung nach der Bewegung des Kommunismus und dem Freidenkertum angehören und wirkendes Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands sind.“ Letzteres war Elly Maldaque nie. Das bestätigt auch der Vater in einem Brief an das bayerische Kultusministerium. Nach 17 Jahren tadellosen Schuldienstes wird Maldaque entlassen. Sie versteht erst spät, dass sie längst in der Falle sitzt. Eltern und Schüler schreiben ihr. Sie glauben, das Blatt wenden zu können. Doch der Leiter des Referats für politische Angelegenheiten bei der Regierung der Oberpfalz Julius Hahn, der Vater und der stellvertretende Direktor Obermedizinalrat Dr. Wilhelm Korte haben die Schlinge längst zugezogen. Elly Maldaque muss gehen. „Der Staat kann nicht diejenigen bezahlen, die gegen ihn kämpfen.“

Die Geschichte der jungen Lehrerin hat damit noch lange nicht ihr trauriges Ende erreicht. Am 5. Juli richtet sich Maldaque an die Regierung der Oberpfalz. Die Bitte lautet: Das „Belastungsmaterial meiner fristlosen Dienstentlassung vom 27. Juni 1930 entgegennehmen zu wollen, bis ich meine mir zustehende Beschwerde an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus eingereicht habe, die ich bisher nicht fertigzustellen in der Lage war, da ich vor einem Nervenzusammenbruch stehe.“ Diesen Zustand bescheinigt der Amtsarzt Dr. Korte „nach Augenschein“ und auf Mitteilungen des Vaters und der Polizei beruhend, als „ selbst- und gemeingefährliche Geisteskrankheit“.

Die große öffentliche Empörung

Bis heute wird der Fall Elly Maldaque als purer Willkürakt der Bürokratie verstanden. Mehr als 100 Artikel beschäftigen sich mit dem Schicksal der jungen Frau. Aber die große öffentliche Empörung kommt zu spät. Die Autoren zeichnen die gesamte Berichterstattung ausführlich nach und legen kritisch den Finger in die Wunde. Künstler und Literaten wie der Chronist Ödön von Horváth befassen sich mit der Regensburger Lehrerin. Bis heute sorgt für Unruhe in Politik und Verwaltung wer in Regensburg sein Theater, eine Straße oder gar die Schule, an der Elly Maldaque fast zwei Jahrzehnte lehrte, nach ihr benennen will. „Zu unbedeutend“, so das Argument.

Mehr Bedeutung erlangte allerdings die staatlich legitimierte Gesinnungsschnüffelei der einstigen Bayerischen Volkspartei und heutigen CSU. Sie findet ihre Fortsetzung zunächst im sogenannten „Adenauer Erlass“ und später im Extremistenbeschluss. Am 28. Januar 1972 beschließen die Regierungschefs und SPD Kanzler Willy Brandt auf Vorschlag der Innenministerkonferenz, mit staatlicher Autorität für Verfassungstreue zu sorgen.

Der sogenannte Radikalenerlass wacht fortan über die „aktive Verfassungstreue“ von Bediensteten im öffentlichen Dienst. Der Erlass zielt vor allem auf die damalige Nachfolgerin der KPD, die Deutsche Kommunistische Partei (DKP). Keine vier Jahre später hat die staatliche Gesinnungsprüfung wieder ein Ende. SPD und FDP kündigen den Erlass einseitig auf. Politisch nicht zu rechtfertigen, und auch juristisch zweifelhaft, wird die Prüfung der Verfassungstreue auch unter dem Druck der internationalen Kritik zur Ländersache deklariert.

Der Berufsverbotsfall Fred Karl

In Regensburgs wird Fred Karl erstes Opfer des „Berufsverbots“. Daraufhin verlässt er Bayern. Heute ist er stellvertretender Direktor des Instituts für Sozialpädagogik und Soziologie der Lebensalter (ISSL) in Kassel. Was Willy Brandt als Fehler seiner Politik, und Parteigenosse Helmut Schmidt später als „Mit Kanonen auf Spatzen schießen“ bezeichnet hat, beschreibt der Holocaust-Überlebende Alfred Grosser als Ungleichbehandlung von willigen Helfern des Hitler-Regimes, die nach dessen Ende in Westdeutschland steile Karrieren gemacht hätten.

Für Autorin und Mitherausgeberin Waltraud Bierwirth ist Elly Maldaque keineswegs das erste Opfer der Nationalsozialisten. „Nein“, sagt sie bei einer Lesung, sie ist das erste Opfer der Bayerischen Volkspartei und heutigen CSU“. Deren willkürliches Gesinnungsdiktat setze sich fort bis in die jüngere Geschichte. Elly Maldaque stirbt mit 41 Grad Fieber, gefesselt in einer Zwangsjacke. Die Autoren blicken nüchtern und kritisch auf den Fall Maldaque. Die Akte ist noch nicht geschlossen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht