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„Stadt hat beim Wohnbau Fehler gemacht“

Der Regensburger Fabrikchef Nicolas Maier-Scheubeck kritisiert unbezahlbare Mieten. Tim und Struppi begleiten ihn im Alltag.
Von Marion Koller, MZ

Mit Tim und Struppi in die Zukunft: Dr. Nicolas Maier-Scheubeck mag die Comic-Helden. Foto: altrofoto.de
Mit Tim und Struppi in die Zukunft: Dr. Nicolas Maier-Scheubeck mag die Comic-Helden. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Das Büro hat sich Dr. Nicolas Maier-Scheubeck von seiner Frau einrichten lassen. Er ist stolz auf den minimalistisch geprägten Raum mit dem vier Meter langen Holztisch, der Silberwand und den Comic-Bildern des Regensburger Malers Günther Kempf. Die allerdings hat er selbst ausgewählt. Auf den ersten Blick wirkt der Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen etwas unnahbar. Sein Esprit und sein Wissen leuchten im Gespräch.

Herr Maier-Scheubeck, warum haben Sie Comic-Helden wie Tim und Struppi für Ihre Wand ausgesucht?

Ich bin ein alter Comic-Fan. Man muss die Tiefen des Alltags aushalten. Mit den Comics kann ich das Ganze gegen den Strich bürsten und die Leute wunderbar überraschen.

Fangen Sie stets um 8 Uhr an wie heute?

Normalerweise komme ich nicht so früh. Wenn es möglich ist, gehe ich morgens eine Stunde im Stadtpark laufen, da wohne ich gleich. Aber bei dem Regen kannst ja nichts machen.

Wie profitieren Sie vom Laufen?

Ich kann mich abreagieren, habe eine gute Kondition, kann abschalten, nehme ab und komme auf gute Ideen.

Es wird kolportiert, dass Sie nachts im Akkord E-Mails an die Mitarbeiter senden.

Am Sonntagabend setze ich mich nach dem Tatort hin und schaufle mich frei für Montagmorgen. Ich beantworte das, was ich beantworten kann, und gehe Montagfrüh erst um 10 Uhr mit ruhigem Gewissen ins Büro. Ich kann länger schlafen oder laufen. Das sind so die kleinen Freiheiten, die ich mir nehme.

Ihr Büro ist auffallend sparsam und geschmackvoll möbliert.

Meine Frau ist sehr stilsicher, sie kommt aus der Innenarchitektur. Sie kennt mich lange und gut genug. Ich habe lediglich gesagt, dass ich eine total reduzierte Möblierung will. Es sollte in Richtung Brechung des Büroalltags gehen. Der Laptop wird noch durch einen Tablet-Computer ersetzt. Mein schwarzer Bürostuhl war dagegen gesetzt, der begleitet mich seit über 30 Jahren.

War es selbstverständlich für Sie, nach Regensburg zurückzukehren?

Nein. Regensburg hat sich ja erst in den letzten 25 Jahren so entwickelt. Als ich die hiesige Universität verlassen hatte, war es noch ein bisschen provinziell, eine Verwaltungsstadt halt. Mit dem BMW-Werk hat sich vieles verändert, meiner Meinung nach sogar mehr als durch die Hochschulen.

Sie werden häufig im Orphée gesehen.

Das ist unser zweites Wohnzimmer. 1977, im Eröffnungsjahr, habe ich auch meine Frau kennengelernt. Wir haben uns jeden Freitag dort getroffen. Das Orphée bietet einen schönen Übergang zwischen dem studentischen Leben und dem Leben als Arrivierter. Das ist so eine Art Melting Pot der Stadtgesellschaft. Es ist leger, ein französisches Lokal und eine alte bayerische Wirtschaft zugleich. Ich mag auch die Bodega sehr. Den 50. Geburtstag meiner Frau haben wird dort gefeiert. Der Neli Färber versteht es, mit wenig Aufwand Atmosphäre zu schaffen, auf dieser Bühne ist er ein Impresario.

Sie trinken das umstrittene Grander-Wasser und haben für die Mitarbeiter einen Trinkbrunnen installieren lassen. Es soll das Wohlbefinden steigern.

Unser Kater hatte das normale Leitungswasser verweigert, das Grander-Wasser jedoch getrunken. Ich trinke jeden Tag eineinhalb Liter. Nur weil wir etwas nicht erklären können, heißt es nicht, dass es das nicht gibt. Selbst wenn es Mumpitz wäre, schadet es auch nicht. Der Mensch will betrogen werden.

2015 haben Sie 24 Millionen in ein neues Logistikzentrum investiert und jetzt angekündigt, mehr als 100 Millionen in die Erweiterung in Haslbach zu stecken. Dem Unternehmen scheint es sehr gut zu gehen – und Sie halten an Regensburg fest.

Die Erweiterung in Haslbach erfolgt in Schritten, die nun angekündigte Investition ist die vorerst letzte Ausbaustufe. Das alles geht auf die Verdoppelung des Umsatzes zwischen 2005 und 2008 zurück, seither haben wir uns sehr grundsätzlich mit der künftigen Infrastruktur beschäftigt. In Haslbach werden alle Industrieaktivitäten gebündelt, in Reinhausen entsteht dafür ein Campus für Forschung, Software und neue Geschäftsmodelle – das passt, schließlich wurzeln wir hier, wie schon der Firmenname belegt. Natürlich ist in Regensburg der Wohnraum teuer und alle schlagen sich um die Software-Spezialisten. Aber wir schaffen es durchaus, Fachkräfte von CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf, oder aus Berlin nach Regensburg zu locken. Die Stadt hat Flair. Hier gibt es mit BMW, Conti, Krones, Infineon, AVL, den Hochschulen und uns genügend Kräfte, die auf den Standort einwirken, so dass dieser sich gut entwickelt. Leider hinkt die Infrastruktur hinterher.

Sprechen Sie von den staugeplagten Stadtautobahnen?

Die Staus am Regensburger Autobahnkreuz sind ein Irrsinn. Wir haben ein alltägliches Verkehrschaos. Auch einen Ringschluss von der Osttangente zur Autobahn bei Regenstauf vermisse ich. Gewerbeflächen fehlen. Der Wohnungsmarkt ist überhitzt. Die Stadt hat da auch Fehler gemacht, den Bauträgern zu viel Raum gelassen. Es kann nicht sein, dass sich unsere gut bezahlten Mitarbeiter mit Familie in der Stadt keine Wohnung mehr leisten können und aufs Land ausweichen müssen. Wie sehen wohl die vielen Wohnblocks mit Eigentümergemeinschaften in zehn Jahren aus? Werden diese innerstädtisch schnell und profitorientiert hingestellten Neubauviertel nicht die Ghettos der Zukunft sein?

Sie machen sich für eine schienengebundene Stadtbahn stark.

Ja, die Stadt müsste diese sternförmig anlegen, mit einer zentralen Drehscheibe und Linien nicht nur zur Universität, sondern auch nach Burgweinting und ins Industriegebiet Haslbach. Aber ohne Haltestellen dazwischen, damit man schnell ans Ziel kommt.

Schadet die politische Hängepartie nach der Korruptionsaffäre der Wirtschaft?

Ich finde, die Verwaltung macht einen tollen Job. Das gilt auch für Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, die aktuell für Drei arbeitet. Die Korruptionsaffäre ist kein Problem für die Unternehmen, liegt aber stimmungsmäßig ein bisschen wie Nebel über der Stadt. Ich glaube nicht, dass Regensburg dadurch an Dynamik verliert. Wolbergs hatte einen guten Start und wollte das von Schaidinger vorgegebene Tempo halten, dabei jedoch eigene Akzente setzen. Ich bin weit davon entfernt, ihn zu verdammen, auch wenn man wohl von einer Verurteilung ausgehen muss. Das Maß der öffentlichen Vernichtung sehe ich sehr kritisch.

Lesen Sie mehr: In der Serie „Reden über Gott und die Welt“ spricht MZ-Autorin Marion Koller mit Menschen aus allen Gesellschaftsbereichen über aktuelle und persönliche Themen.

Was hoffen Sie für die Bundestagswahl?

Ich bin kein Merkel-Freund, aber sie bietet der Gesellschaft wahrscheinlich am meisten Sicherheit. In der aktuellen Situation, wo so viel Unruhe in der Welt herrscht, wird sie es wohl schaffen. Ich erwarte eine Koalition von CDU, CSU und FDP. Ich teile Merkels Politik in vielen Aspekten nicht, weil ich keine große Linie erkenne, sondern eher ein professionelles Durchwursteln mit Hakenschlagen, wie etwa bei der missglückten Energiewende.

50 Prozent der elektrischen Energie weltweit fließen durch Produkte der MR. Wird das so bleiben?

Wir tun alles, damit es so bleibt. Allerdings gewinnt China auch in unserer Branche enorm an Bedeutung. Zudem neigen wir Deutschen bei scharfem Nachdenken immer zu einer perfekten Lösung, aber die braucht man nicht immer.

Von Steinweg nach Reinhausen

  • Dr. Nicolas Maier-Scheubeck

    (55) ist in Steinweg geboren. Ironisch stellt er fest: „Ich hab’s im Leben nicht allzuweit gebracht, von Steinweg über den Regen nach Reinhausen.“ An den Universitäten Regensburg und Köln studierte er Betriebswirtschaftslehre. Er war als Lehrstuhlassistent tätig, wechselte in die Logistik der Paul Hartmann AG nach Heidenheim. „Ich wollte als Betriebswirt möglichst nah an die Produktion rankommen.“

  • Erfahrungen

    sammelte Maier-Scheubeck bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. 1996 zog er in die Heimatstadt zurück, wo seine Frau Susanne das Möbelhaus Fuhrmann führte. Fünf Jahre pendelte er. Als die Maschinenfabrik Reinhausen, aus deren Gründerfamilie seine Gattin kommt, einen Kaufmann suchte, heuerte er an. „Da gab es den Wunsch, dass ich das mache“, sagt er. Das Ehepaar hat eine Tochter (19).

  • Die 1868 gegründete

    Maschinenfabrik Reinhausen beschäftigt weltweit 3350 Mitarbeiter, in Regensburg sind es knapp 2000. Die MR ist Weltmarktführer im Schalten von Transformatoren und in anderen Nischen der elektrischen Energietechnik. Der Konzernumsatz beträgt 750 Millionen Euro. Die Firma befindet sich mehrheitlich in Familienbesitz. Maier-Scheubeck ist kaufmännischer Geschäftsführer.

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