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Regensburg
Freitag, 20. Juli 2018 31° 2

Geschichte

Streit über NS-Aufarbeitung

Experten schlagen der Stadt Regensburg vor, das Nazi-Regime im Museum zu thematisieren. Der Kulturreferent ist verärgert.
Von Julia Ried

Zu diesem „Schandmarsch“ zwangen die Nationalsozialisten Juden am 10. November 1938, dem Tag nach der Reichspogromnacht. Experten kritisieren: Die Darstellung der NS-Zeit kommt in städtischen Kulturinstitutionen zu kurz. Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg
Zu diesem „Schandmarsch“ zwangen die Nationalsozialisten Juden am 10. November 1938, dem Tag nach der Reichspogromnacht. Experten kritisieren: Die Darstellung der NS-Zeit kommt in städtischen Kulturinstitutionen zu kurz. Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg

Regensburg.Die Empfehlungen des von der Stadt beauftragten Expertentrios zum Umgang des Rathauses mit der NS-Zeit sind nun, mehr als acht Monate nach Eingang des Konzepts, öffentlich – und Kulturreferent Klemens Unger ist verärgert. Denn die Wissenschaftler kritisieren einen „eindimensionalen“ Umgang mit der Geschichte in den städtischen Kulturinstitutionen. Kulturreferent Klemens Unger weist die Kritik zurück. Auf die Bitte der Mittelbayerischen um Stellungnahme dazu schreibt er per E-Mail: „Wir tolerieren selbstverständlich diese Meinungsäußerung, brauchen sie aber nicht zu akzeptieren.“

Regensburg habe in der kommunalen Erinnerungsarbeit „definitiv Nachholbedarf“, sagt der Historiker Dr. Jörg Skriebeleit – konzeptionell, aber auch, was den Etat und die Außendarstellung betrifft. Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, hat das „Konzept für eine Gedenk- und Erinnerungskultur“ mit Dr. Mark Spoerer, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Regensburg, und Dr. Heike Wolter, Akademische Rätin an der Uni, verfasst. 18 000 Euro gab die Stadt dafür aus.

Schwerpunkt auf der Römerzeit

Als größtes Manko in der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur erweist sich den Experten zufolge, „dass in Regensburg bis dato keine öffentliche Präsentationsform für die neuere Stadtgeschichte insgesamt, also nicht nur die Zeit des Dritten Reichs, existiert“. Sie sehen hier besondere das Historische Museum und das Stadtarchiv als „wesentliche Akteure der wissenschaftlichen und populären Geschichtsaneignung“ in der Pflicht und erkennen den Bedarf „deutlicher Neu-Akzentuierungen und Neudefinitionen des Aufgabenspektrums sowie des eigenen Selbstverständnisses“. In der Zeit vor Dezember 2016, als das Stadtarchiv einen neuen Chef bekam, galt den Experten zufolge für das Haus: „Es agierte wenig nutzerfreundlich.“ Durch den neuen Leiter seien „mittlerweile erfreuliche neue Impulse sichtbar“. Als „unzureichend“ beschreiben die Wissenschaftler die Erschließungslage – insbesondere die digitale – aber trotzdem. Über das Museum schreiben sie: „Das Stadtmuseum vermittelt Wissensbestände nahezu ausschließlich zu Vor- und Frühgeschichte, Römerzeit, Mittelalter und Früher Neuzeit.“ Dringend müsse der Auftrag der beiden Einrichtungen um zeithistorische Themen ergänzt werden, mit einem starken Schwerpunkt auf der Geschichte des Nationalsozialismus samt Vor- und Nachgeschichte.

Vier Orte mit NS-Geschichte in Regensburg sehen Sie hier.

Orte mit NS-Geschichte

In die Vorlage der Verwaltung für die Stadträte, mit der sich diese ab Dienstag beschäftigen, hat diese Kritik jedoch nur insofern Eingang gefunden, als darin steht, dass die Expertenmeinung „nicht in allen Punkten mit der Sichtweise der Verwaltung übereinstimmt“. Auf Nachfrage der Mittelbayerischen an Kulturreferent Unger, ob und inwieweit er die Ratschläge beherzigen will, moniert er seinerseits: „Zu den Belangen, die Museum und Archiv betreffen, hat es keine Recherche, keine Expertengespräche mit den dafür zuständigen Stellen gegeben.“ Er sei der Meinung, „dass in Museum und Archiv der Gedenkkultur ein großer Stellenwert beigemessen wird“. Am Museumskonzept werde derzeit gearbeitet. „Natürlich wird hier auch Orientierung in anderen Museen eingeholt, wie dort das Thema, das bei einer historischen Präsentation des 20. Jahrhunderts natürlich niemals fehlen darf, behandelt wird.“

Fachkommission und Etat

Weitere Empfehlungen beziehen sich auf die Struktur der Erinnerungsarbeit. Ihnen will der dafür zuständige Bildungsreferent Dr. Hermann Hage folgen. Er will – sofern die Stadträte zustimmen – ein beratendes Expertengremium auf den Weg bringen. Er möchte auch einen Projektetat schaffen, dafür stellt er sich „eher kurz- und mittelfristig ein sechsstelliges Budget im Jahr“ vor. Die Stadtgesellschaft, vertreten am Runden Tisch Gedenkkultur, soll Hage zufolge „nach wie vor die zentrale Rolle spielen“, versichert er.

Einer der Mitglieder des Runden Tisches, Dr. Hans Simon-Pelanda von der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg, hatte zuvor im Gespräch mit der Mittelbayerischen kritisiert, dass er die im Konzept dargestellte Rolle des Gremiums als „mickrig“ empfinde. „Der Runde Tisch wird nachträglich in Kenntnis gesetzt und die Zivilgesellschaft wird zu den Feiern eingeladen“, befürchtet er. Auch im Konzept kommt ihm die Rolle der ehrenamtlichen Akteure – samt ihrer Auseinandersetzungen mit der Stadt – zu kurz. Prinzipiell begrüßt er, dass die Gedenkkultur nun „ein eigenständiges Aufgabenfeld einer aktiven Beteiligung der Stadt ist“. Vor 2014 habe gegolten: „Wenn sie sie betrieben hat, dann nur, weil sie getrieben wurde.“

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