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Premiere

Theater zeigt Szenen aus der Psychiatrie

Über sieben Jahre verbrachte Ilona Haslbauer aus Regensburg in der Forensik. Die Erinnerungen verarbeitet sie zu einem Stück.
Von Heike Haala, MZ

Loretta Lindl spielt Ilona Haslbauer im Stück „Friedhof der atmenden Toten“.
Loretta Lindl spielt Ilona Haslbauer im Stück „Friedhof der atmenden Toten“. Fotos: Haala

Regensburg.Ilona Haslbauer klagt an: Siebeneinhalb Jahre habe die Regensburgerin gegen ihren Willen in der psychiatrischen Forensik verbracht. Wie Gustl Mollath zu Unrecht, sagt sie. Ihre Erinnerungen an die Zeit hat sie nun in einem Theaterstück niedergeschrieben. Die freie Theatergruppe „ue-Theater“ bringt dies in dieser Woche am Theater an der Universität zur Uraufführung. Die MZ war bei einer Probe für das Stück „Friedhof der atmenden Toten“ dabei.

Ein Pfleger kitzelt die Haslbauer-Darstellerin Loretta Lindl mit dem Eck eines Briefkuverts an der Nase. Sie blinzelt mit den Wimpern. Als die Schauspielerin nach dem Brief greift, reißt der Pfleger ihn hoch in die Luft. Mehrmals ärgert er sie mit diesem Spiel. Als Haslbauer am Ende der Szene ihren Anwalt sprechen will, packen sie die Pfleger an den Armen und drücken sie in einen Stuhl. Nach dem Telefonat werde sie eingesperrt, kündigt der Stationsarzt an. Das ist eine der 33 „Szenen aus der Zwangspsychiatrie“.

Der Fall ging durch die Medien

Haslbauer war selbst einmal Darstellerin am „ue-Theater“ und engagierte sich bei dem Sozialmagazin „Donaustrudl“. Zu deutschlandweiter Bekanntheit brachte sie es aber anders: Im Jahr 2007 stand Haslbauer wegen vorsätzlicher Körperverletzung vor Gericht – sie hatte ihre Nachbarin zweimal mit einem Einkaufswagen angefahren. Haslbauer leugnete dies, woraufhin ihr ein Gutachter eine wahnhafte Störung attestierte, sie sei eine Gefahr für die Allgemeinheit. Der Richter verurteilte Haslbauer zu vier Monaten Haft und sie wurde in die Forensik eingewiesen. Ihr Fall rückte im Sommer 2013 ins Licht der Aufmerksamkeit, als bekannt wurde, dass Pfleger die Frau 25 Stunden lang fixiert hatten.

Im August 2014 wurde sie entlassen, nachdem sich ein Unterstützerkreis, darunter Nina Hagen, für ihre Freilassung eingesetzt hatte. Inzwischen strebt Haslbauer ein Wiederaufnahmeverfahren an. Der Fall hat Parallelen zu dem von Deutschlands berühmtestem Psychiatriepatienten, Gustl Mollath, mit dem sie in Kontakt steht. Ihn und Nina Hagen hat Haslbauer zu den Aufführungen an das Theater an der Universität eingeladen.

Haslbauers Erinnerungen an siebeneinhalb Jahre Forensik-Aufenthalt spielen in zwei Akten und 33 Szenen in den Räumen der geschlossenen psychiatrischen Abteilung des Isar-Amper-Klinikums in Taufkirchen: etwa im Isolationszimmer, im Wachzimmer, in einem Patientenzimmer, einem Stationszimmer, im Hof der Forensik oder in deren Küche und in einem Gang mit einem Fixierbett. Viele Szenen entspringen Haslbauers Erinnerung. Andere Szenen – etwa eine, in der es um Zwangsmedikation geht – hat sie für das Stück geschrieben. Zwischen den Szenen erwarten die Zuschauer Erläuterungstexte, die Haslbauer für das Stück eingesprochen hat.

Kurt Raster und die Schauspieler am „ue-Theater“ haben sich vorgenommen, das Stück als dokumentarisches Theater auf die Bühne zu bringen. Theater also, das sich zum Zweck der Aufklärung des Publikums eines authentischen Stoffes annimmt, um ihn möglichst unverändert auf die Bühne zu bringen. Deswegen assistiert Haslbauer Raster bei den Proben, um ihm und den Darstellern Anweisungen geben zu können. Falls diese die Szenen anders spielen, als sie sich in der Erinnerung Haslbauers zugetragen haben, schreitet sie ein.

Haslbauer in der Theaterprobe

Bei der Probe am Donnerstagabend geht es etwa darum, dass eine Patientin ihr Mahl auf ihrem Zimmer nicht von einem Tablett, sondern von einem Pappteller auf dem Boden einnehmen sollte. Auch die Pfleger-Darsteller geraten naturgemäß mehrfach in Haslbauers Kritik. Einer von ihnen soll beispielsweise extra langsam an seiner Leberkässemmel kauen, um den Moment der Unsicherheit für die Patientin zu verdeutlichen. Eine Schauspielerin, die eine Krankenschwester darstellt, soll aus dem gleichen Grund langsamer sprechen.

Damit Haslbauer die Szenen mit ihren Erinnerungen an die Forensik erträgt, stellt sie sich vor, dass sie ein Fernsehfilm sind, der vor ihren Augen abläuft. Sie erzählt von „inneren Dämmen“, die sie sich aufgebaut hat, um emotionale Distanz zu gewinnen. Sobald sie aber von ihrer Entlassung spricht, steigen Haslbauer die Tränen in die Augen. Dem muss sie sich aber stellen, schließlich ist die Entlassung die letzte Szene ihres Stücks. Loretta Lindl trägt dann exakt die Kleidungsstücke, die auch Haslbauer in diesem Moment trug. Eine schwarze Bluse, Ringelsocken und einen Blumenschal.

Ein Stoff in vielen Fassungen

Das Theaterstück ist nicht der erste Text, den Haslbauer über ihre Zeit in der Forensik geschrieben hat. Die Frau, die früher die Lyrik-Seite im „Donaustrudl“ gestaltete, liebt es, zu schreiben. Während ihres Forensik-Aufenthalts verfasste sie Gedichte über diese Zeit. Nachdem Nina Hagen im Sommer 2013 Kontakt mit Haslbauer aufgenommen hat, produzierte Hagen eine CD mit den Texten. Es gab Lesungen mit den Damen. Haslbauer kündigt an, mit einem Beitrag bei der Regensburger Kurzfilmwoche vertreten zu sein.

Friedhof der atmenden Toten

  • Das Theaterstück

    „Friedhof der atmenden Toten“ stammt von Ilona Hasl-bauer. Unter der Leitung von Kurt Raster inszeniert das „ue-Theater“ die „Szenen aus der Zwangspsychiatrie“.

  • Die Inszenierung

    begreift sich als Dokumentartheater und zeigt in zwei Akten insgesamt 33 Szenen aus der Forensik. Die Darstellung fußt auf den Erinnerungen und Empfindungen Haslbauers.

  • Die Aufführungen

    sind Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag am Theater an der Universität Regensburg, Albertus-Magnus-Str. 4. Sie beginnen jeweils um 19-30 Uhr.

  • Kartenreservierungen

    für die Aufführungen des Stücks sind möglich bei Kurt Raster unter der Telefonnummer (0941) 70 02 99 oder per E-Mail unter der Adresse karten@uetheater.de. (la)

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