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Toter vom Dörnberg verrät sein Geheimnis

Archäologen schauten in Regensburg in 1500 Gräber. In einem fanden sie Goldfäden und ließen das Skelett im Erdblock röntgen.
Von Heinz Klein, MZ

Goldfäden im Grab lassen vermuten, dass der rätselhafte Tote einst ein hoher Würdenträger war. Er hatte sogar eine Begleiterin.
Goldfäden im Grab lassen vermuten, dass der rätselhafte Tote einst ein hoher Würdenträger war. Er hatte sogar eine Begleiterin.Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Regensburg.Die Gebeine gehörten einem Mann. Als er lebte, hatten vor etwa 1500 Jahren die Bajuwaren Baiern besiedelt. Als er starb, dürfte er zwischen 40 und 60 Jahre alt gewesen sein. Für das 5. Jahrhundert war dies ein stattliches Alter. Es ist die Zeit, in der der erste bajuwarische Herzog Garibald in Regensburg regierte.

Grabungstechniker arbeiteten zwei Jahre in dem riesigen Gräberfeld am Dörnberg, in dem tausende Tote liegen – zur Römerzeit in Urnen, ab dem 4. Jahrhundert in Körpergräbern. Eines verblüffte die Spezialisten: Als Karin Igl, Mitarbeiterin der auf archäologische Grabungen spezialisierten Firma Kant, am 6. Juli 2016 auf das Grab stieß, fielen ihr winzige Goldfädchen auf, die rund um den Totenschädel lagen.

Dr. Codreanu zeigt wichtige Details. Foto: Klein
Dr. Codreanu zeigt wichtige Details. Foto: Klein

Dr. Silvia Codreanu-Windauer, Referatsleiterin des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege in Regensburg, war schnell klar: Der Tote muss einst ein hoher Würdenträger im Umfeld des baierschen Herzogs gewesen sein. Und so beschloss man, das Skelett samt der Erde in zwei Blöcken aus dem Boden zu schneiden.

Tierklinik Haslbach sagte „Ja“

Der wieder ans Tageslicht gebrachte Bajuwaren-Promi soll uns mehr aus seiner Zeit erzählen, beschlossen die Archäologen. Und so sollte der Tote – geben wir ihm den in seiner Zeit gebräuchlichen Vornamen Theoald – geröntgt werden. Doch wo gibt es ein Röntgengerät, das Block 1 von Theoald – 85 mal 66 mal 22 Zentimeter groß – röntgen kann? Die Restauratorin Anna Weinzierl ging auf die Suche und wurde in Haslbach fündig. Die dort ansässige Tierklinik erklärte sich freundlicherweise bereit, Theoalds Erdblock zu erforschen.

Theoald bleibt im Block

  • Gräberzahl geht in die Tausende

    In dem großen Gräberfeld rund um das Dörnberg-Areal dürften über die Jahrhunderte 40 000 bis 50 000 Tote begraben worden sein. Bei Grabungen, die Pfarrer Joseph Dahlem in den 1870er Jahren durchführt, war von 5000 bis 8000 Urnen die Rede, die damals noch dagewesen seien.

  • Weitere Untersuchungen

    Bei den jüngsten Grabungen am Dörnberg wurden etwa 150 Blockbergungen vorgenommen. Theoald wird vorerst weiter in seinem Erdblock beiben. Mit einer Strontiumanalyse ließe sich sogar feststellen, wo er aufgewachsen ist und wo er einst gelebt hat.

Am Mittwoch rollte Theoalds Oberteil, in einer Holzkiste verpackt, nun in die Tierklinik Haslbach. Die Tierärztin Saskia Frauenstein empfing Teil 1 des Alten vom Dörnberg mit gebührendem Respekt und schob ihn vorsichtig unter den Röntgenschirm. Als sie nach einiger Zeit neun Röntgenbilder des edlen Bajuwaren präsentierte, war der Jubel groß. Nun weiß man, dass der Tote mit einer Tunika bestattet wurde, die um den Kragen und Saum mit einer vergoldeten Borte gefasst war.

Ein erster Blick auf das Rötgenfoto Foto: Klein
Ein erster Blick auf das Rötgenfoto Foto: Klein

Die Stofffäden waren in Feinarbeit mit hauchdünnem Blattgold ummantelt. Die feine Goldspur fand sich im Röntgenbild auch hinter dem Schädel als Kragen und reichte im Erdblock hinunter bis zu den Armen. Vom Stoff ist freilich in 1500 Jahren nichts mehr übriggeblieben. Es könnte Wolle, Leinen oder sogar Seide gewesen sein, erzählt die Archäologin. Im 5. oder 6. Jahrhundert dürfte die Upperclass schon Seidenstoffe getragen haben, die über Byzanz bis nach Regensburg kamen.

Ein Ur-Bayer in zwei Teilen

Doch auch Teil 2 von Theoald – ab dem Becken abwärts – birgt Interessantes. Auf seinen Beinen fanden die Grabungstechniker eine Bronzeschale. Was da wohl drin war?

Noch spannender wurde es, als bei den Grabungen gleich neben Theoalds Ruhestätte ein zweites Grab gefunden wurde. Das Team um Codreanu kam nun einem vor Jahrhunderten begangenen Kriminalfall auf die Spur. Grabräuber hatten es so weit geöffnet, dass der Leichnam von Kopf bis Hüfte freilag und Schmuck und andere Grabbeigaben gestohlen. Auch das Skelett war weitgehend verschwunden, nur die Unterschenkelknochen waren noch vorhanden. Und auf ihnen lag eine ebensolche Bronzeschale wie auf Theoalds Knochen.

Karin Igl birgt den Toten. Foto: Landeamt für Denkmalpflege
Karin Igl birgt den Toten. Foto: Landeamt für Denkmalpflege

Zudem hatte die Dame – ihr Geschlecht kennt man nun – ein Beutelchen bei sich, das sie an einer Schnur um die Hüfte befestigt wohl in Kniehöhe getragen hatte, was den Grabräubern entgangen war. In dem Täschchen fanden sich Schmuckperlen aus Glas, ein Ring und – Pfeilspitzen aus vorgeschichtlicher Zeit. Man sieht, dass es schon vor 1500 Jahren erstaunlich war, was Frauen immer so in ihren Handtaschen mit sich herumschleppen. Die Dame hatte wohl in altem Kulturschutt die damals schon mindestens eineinhalbtausend Jahre alten Pfeilspitzen gefunden und sie als Talisman oder Amulett, so vermutet Silvia Codreanu, bei sich getragen.

Bronzeschüsseln, das versichert die Archäologin, wurden damals nur Mitgliedern der höchsten Aristokratie ins Grab gelegt. So lagen am Dörnberg wohl zwei Mitglieder der High Society nebeneinander begraben. Theoald vielleicht mit Frau – oder Tochter?

Der Fund rollt in die Tierklinik. Foto: Klein
Der Fund rollt in die Tierklinik. Foto: Klein

Silvia Codreanu weiß noch mehr Faszinierendes zu erzählen. In Burgweinting war ein Grab mit den Überresten einer Toten gefunden worden, in dem die Grabungstechniker ebenfalls auf eine Goldspur stießen. Auch dieses Grab stammt in etwa aus Theoalds Lebenszeit.

Seelenhauch durch den Schleier

Es muss sich bei der Toten um eine frühe Christin gehandelt haben, denn auf dem Schädel fanden die Grabungstechniker ein hauchfeines Kreuz aus Blattgold. Es muss in einen Schleier eingewebt gewesen sein, den man der Toten aufs Gesicht gelegt hatte. Dr. Codreanu kann sich einen Reim darauf machen. Man war damals überzeugt, dass die Toten ihre Seele über den Mund aushauchen. Und so hätte die Seele ihren Weg durch den Schleier an den kleinen Kreuzen vorbei genommen: ein letzter Akt tiefer Religiosität.

Übrigens weiß man am Landesamt für Denkmalpflege, was in einem anderen Fall eine Bronzeschüssel in einem Burgweintinger Grab barg: Überreste von Schlafmohn, der zur Linderung von Schmerzen und zur Stärkung des Schlafes einer Dame für ihre Reise ins Jenseits ins Grab gelegt worden war.

Silvia Codreanu bedankte sich herzlich bei der Tierärztin Saskia Frauenstein und dem Team der Tierklinik Haslbach für die archäologische Detektivarbeit mittels Röntgenstrahlen.

+Tierärztin Saskia Frauenstein übergab die Fotos per Stick an Dr. Silvia Codreanu (links).
+Tierärztin Saskia Frauenstein übergab die Fotos per Stick an Dr. Silvia Codreanu (links). Foto: Klein

Natürlich würde sie gerne noch mehr über Theoald wissen. Der soll nun in die Röhre wandern. CT-Aufnahmen würden mehr über seinen Gesundheitszustand und auch seinen Lebensstil verraten. Dazu will sie bei Regensburger Krankenhäusern nachfragen, ob Theoald einen Termin in der Computertomographie bekommt. Krankenversichert war der feine Mann aus der Bajuwarenzeit freilich nicht.

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