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Diskussion

Übertritt „Der Druck ist definitiv da“

Die vierte Klasse ist ein erster Prüfstein auf dem Bildungsweg für viele Kinder, sagen Neumarkter Eltern im MZ-Gespräch.
von Wolfgang Endlein

Manche ersehnen es, andere fürchten den Zeitpunkt, wenn es ausgehändigt wird: das Übertrittszeugnis einer Grundschule.
Manche ersehnen es, andere fürchten den Zeitpunkt, wenn es ausgehändigt wird: das Übertrittszeugnis einer Grundschule. Foto: Stephan Jansen

Neumarkt.„Wir versuchen es locker zu sehen“, sagt Katrin Ehrnsberger. Christian und Christa Laberer meinen: „Es ist ein großes Thema“. Und Alexandra Bohlmann sagt: „Es ist sehr präsent“. Schule, das ist mitunter nicht nur Stress für Schüler und Lehrer – auch Eltern bibbern regelmäßig mit. Nicht zuletzt, wenn in der vierten Grundschulklasse die Entscheidung naht, wie es mit dem eigenen Kind schulisch weitergeht. Gymnasium? Realschule? Oder Mittelschule? Es ist eine Zeit, die viele als mit großem Druck verbunden empfinden.

Entsprechend viele Geschichten sind zu lesen und zu hören von Eltern und deren Umgang mit dem Druck, den Fragen und Zweifeln, welche Schulgattung ihr Kind am besten für den weiteren Lebensweg aufstellt. In den Geschichten ist meist klar: Die Eltern wollen ihr Kind unbedingt auf dem Gymnasium sehen, weil sie sich davon die besten Aussichten versprechen. Entsprechend groß ist der Druck auf die Kinder, die dann schon bei einem Zweier oder Dreier in der Schulaufgabe weinen. Aber das sind eben Geschichten.

Die Tochter ist ein Wackelkandidat

Ob der Druck in der vierten Klasse nun tatsächlich zu derartigen Auswüchsen führt oder nicht, entscheidend ist: Es gibt ihn. Davon wissen auch die Neumarkter Eltern von Viertklässlern zu berichten, mit denen sich unsere Zeitung unterhalten hat.

„Der Druck ist definitiv da“, sagt Alexandra Bohlmann, die aber auch gleich anfügt: „Es wird sich zu sehr verrückt gemacht“. Sie selbst sagt, dass sie davon Abstand genommen hat – auch wenn ihre Tochter ein Wackelkandidat für den Übertritt auf das Gymnasium sei und sich die Eltern wünschten, dass Johanna einmal studiert wie sie beide. Nichtsdestotrotz sei sie entspannt, sagt die Mutter.

Dazu beigetragen haben die Informationsveranstaltungen der Schulen. Bohlmann ist auch wegen diesen überzeugt, dass die in der vierten Klasse anstehende Entscheidung nicht derart endgültig sei, wie es manchmal erscheine. Auch danach sei der Wechsel zwischen den Schularten möglich und auf lange Sicht ein Studium, wenn auch auf etwas komplizierten Weg. „Das Bildungssystem ist inzwischen sehr durchlässig“, sagt die Neumarkterin.

Insofern geht es Bohlmann mehr darum, welche Schulart besser zum Wesen ihrer Tochter passt, wie sie sagt. Das Gymnasium präferiere sie weniger, weil sie glaube, dass damit bessere Berufsaussichten einhergingen. Vielmehr, weil sie glaube, dass die Art des Lernens am Gymnasium zu ihrer Tochter besser passe. „Am Gymnasium lernt man freies Denken, an der Realschule geht es mehr um Reproduktion von Wissen“, sagt Bohlmann.

Bayerns Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU) ist wie seine Partei von der Übertrittsregelung im Freistaat überzeugt – auch wenn es Kritik gibt. Foto: Sven Hoppe
Bayerns Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU) ist wie seine Partei von der Übertrittsregelung im Freistaat überzeugt – auch wenn es Kritik gibt. Foto: Sven Hoppe

Über die Schulart haben die Laberers noch keine Entscheidung gefällt. „Das Gymnasium ist für mich kein Muss“, sagt Christian Laberer. Seine Tochter Antonia macht es ihm aber auch leicht – denn sie schafft wohl den dafür nötigen Notenschnitt und hat damit die freie Wahl. „Antonia ist leicht zu handeln“, ist Mutter Christa froh darüber. Ob es damit zwangsläufig auf das Gymnasium hinausläuft? „Wir wollen keinen Druck auf unser Kind ausüben“, sagt Christian Laberer. Letztlich bleibe es Antonia überlassen, wofür sie sich entscheide, sagt Christa Laberer.

Ein Gymnasium haben sich die Laberers gemeinsam mit ihrer Tochter in des schon von innen angeschaut. „So eine große Schule ist schon einschüchternd für ein kleines Mädchen, das die Überschaubarkeit einer Grundschule kennt“, sagt der Vater, der natürlich auch weiß, dass seine Tochter wie viele Kinder gerne mit ihren Freunden zusammenbleiben würde. „Aber das kann kein Maßstab sein“, sagt Alexandra Bohlmann. Katrin Ehrnsberger hingegen weißt bedauert, dass die Kinder mit der vierten Klasse aus dem sozialen Umfeld gerissen werden, wie sie sagt.

Überhaupt macht sich Katrin Ehrnsberger viele Gedanken – und es sind durchaus kritische mit Blick auf das bestehende System. Ihr Sohn ist kein Wackelkandidat. „Wir können es uns nicht groß aussuchen.“ Gymnasium und Realschule werden für ihn wohl keine Optionen sein. Der Mutter macht das Sorgen. Es sei leicht dahin gesprochen, wenn man sage, dass das Bildungssystem viele Optionen biete. Etwas, was sie auch bei den Informationsveranstaltungen der Schulen gehört habe.

Mittelschule als Stigmata?

Katrin Ehrnsberger macht sich dennoch Sorgen, sollte ihr Sohn auf die Mittelschule gehen. Diese trage einen Stempel, der einem die Zukunft erschweren, wenn nicht sogar verbauen könne. „Vielleicht geht der Knoten bei ihm später auf“, sagt Katrin Ehrnsberger über ihren Sohn, der zudem ein August-Kind sei und damit einer der Jüngsten in der Klasse. Doch dann sei möglicherweise schon viel verbaut, sieht die Mutter die anstehende Entscheidung in der vierten Klasse kritisch.

Als zu früh empfindet Ehrnsberger den Zeitpunkt für eine solche Entscheidung. Den Kindern fehle in diesem Alter das Verständnis für die Tragweite der Entscheidung, ist sie überzeugt. Alexandra Bohlmann ist hingegen überzeugt: „Es ist das richtige Alter, um Weichen zu stellen“. Man spüre, wie die Kinder in der 4. Klasse einen Reifeprozess durchmachten. Dazu trage auch das in der vierten Klasse steigende Niveau der schulischen Anforderungen bei. „Was die lernen müssen… Das Niveau ist auf jeden Fall höher als zu meiner Zeit“, sagt Bohlmann. „Es geht zur Sache“, hat auch Christian Laberer beobachtet. Jedoch betont er gleich: „Wir wollen uns nicht versteifen“. So dramatisch sieht er die Entscheidung, die zu fällen ist, auch nicht an. Denn das Schulsystem biete viele Bildungsmöglichkeiten.

Auch wenn Katrin Ehrnsberger diesen Punkt kritischer sieht, ist sie sich doch in einem anderen Punkt einig mit den anderen befragten Eltern: „Ich will ein glückliches Kind und keines, das unter dem Schuldruck leidet“.

Das bayerische Schulsystem im Überblick

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Dieser Text ist Teil unserer Themenwoche „Abenteuer Grundschule“. Hier geht es zu unserem Spezial.

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