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Lesekompetenz

Übungstext: Biologe schaut Dschungelcamp

Mit Artikeln unserer Zeitung können Schüler ihre Lesekompetenz testen. Dieses Mal geht es um ein populäres Fernsehthema.

Museumsleiter Dr. Hansjörg Wunderer sah das erste Mal in seinem Leben das „Dschungelcamp“
Museumsleiter Dr. Hansjörg Wunderer sah das erste Mal in seinem Leben das „Dschungelcamp“ Foto: Klein

Regensburg.Lehrkräfte stellen fest, dass junge Leute zunehmend Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Texten haben. Doch über das Lesen werden in Texten gespeicherte Informationen in Wissen umgewandelt. Lesekompetenz ist somit eine wichtige Voraussetzung für das Lernen, den Erfolg im Beruf und die persönliche, gesellschaftliche Teilhabe. Lesekompetenz stellt sich aber nicht von selbst ein, sie muss Schritt für Schritt angebahnt, geübt und gesichert werden. Wer lesekompetent sein will, muss nicht nur fähig sein, Texten selbstständig Informationen zu entnehmen und diese miteinander zu verknüpfen. Er muss zudem über ein Grundlagenwissen zu Texten, deren Inhalten, Strukturen und sozialhistorischer Dimension verfügen und basierend darauf über Texte reflektieren und begründete Schlussfolgerungen ziehen können. Um diese Ziele erreichen zu können, bedarf es gezielter Lesestrategien und Arbeitstechniken, die an Texten schrittweise geübt und dauerhaft gesichert werden sollen. Deshalb bietet unsere Zeitung Woche für Woche verschiedene Texte an, an denen die Schüler all das üben können.

Diese Woche geht es um das Dschungelcamp. Hier gibt es den aktuellen Übungstext zum Herunterladen.Und das sind die aktuellen Aufgaben.Hier gibt es die Lösungen.

Dschungelcamp: Die Schabe fand’s schäbig

Ein Biologe taucht erstmals ins Grauen des Camps ein – fachlich begleitet von einer Riesenschabe. Sein Urteil: grottenblöd.

Von Heinz Klein, MZ

Gibt es viele Menschen, die die letzten zwölf Jahre gänzlich ohne Dschungelcamp überlebt haben? Dr. Hansjörg Wunderer ist einer der vermutlich wenigen Vertreter dieser Spezies. Auf Bitten der MZ holte sich der Biologe und Leiter des Naturkundemuseums aus der laufenden 10. Staffel eine Kostprobe Dschungelcamp, assistiert von dem zweiten Debütanten, MZ-Redakteur Heinz Klein. „Hilfe, ich bin ein Biologe – wer schaltet das hier aus?“, stöhnt Wunderer nach dem Sendegenuss in leichter Abwandlung des Dschungelcamp-Slogans „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“

Der Museums-Chef ist die Gefahren der Natur gewöhnt. Muss er doch jeden Tag auf dem Weg in sein Büro an einem Braunbären vorbei, der sich Gott sei Dank seit vielen Jahren nicht mehr bewegt hat. Und was nun die Ekel- und Kreischfaktoren des Dschungelcamps betrifft, da kann das Naturkundemuseum locker mithalten. Dort wohnen in einer netten Schaben-Wohngemeinschaft mehr als ein Dutzend große Fauchschaben.

Die Fauchschabe muss oft fauchen

Die Schabe fand es schäbig.
Die Schabe fand es schäbig. Foto: Klein

Die Stattlichste der Schaben (die umgangssprachlich auch Kakerlaken genannt werden) aus Madagaskar ist zehn Zenitmeter groß, 14 Gramm schwer und stößt ein deutliches Fauchen aus, wenn sie genervt ist. Natürlich durfte sich die Schabe die Dschungelcamp-Sequenz von der Horrorlotterie anschauen, bei der zwei Menschen und mehrere zigtausend Kakerlaken, Mehlwürmer, grüne Ameisen und Grillen in einer Lostrommel durcheinandergewirbelt werden.

Die Fauchschabe musste ziemlich viel fauchen und fand das ganze Spektakel offenbar ziemlich schäbig. Denn ebenso wie Kakerlaken wollen auch Schaben nicht kunterbunt durcheinandergewirbelt werden, weil sie das genauso stresst wie die beiden menschlichen Kandidaten, die in ihrer misslichen Lage die Frage beantworten sollten, wie viele Vokale in dem Spruch mit „Fischers Fritz“ stecken. Natürlich wussten die beiden C-Promis nicht, was ein Vokal ist. Aber braucht es denn 80 000 Krabbeltiere, damit die zwei lernen, dass a, e, i, o und u Vokale sind? Diese Lernumgebung scheint pädagogisch nicht wertvoll zu sein, urteilte der Museumsmann.

Ansonsten wundert sich Wunderer, warum man so viel Gedöns um die Ekeltierchen macht. „Das ist doch die Nahrung der Zukunft“, sagt der Biologe: „Die Menschheit wächst weiterhin, ein Großteil hungert, die Meere sind bald leer gefischt – wir werden die Wirbellosen und speziell die Insekten zur Ernährung der vielen Menschen brauchen.“ Wanderheuschrecken beispielsweise lassen sich prima vermehren und schmecken gut gewürzt und gegrillt bestens. Man muss nur die Haxn und die Flügel wegmachen. Alexander Stromski züchtete sie einst in seinem Burgweintinger Reptilienzoo. Und die Biologiestudenten der Regensburger Uni holten sich jedes Jahr eine Ladung Wanderheuschrecken für ihr traditionelles Sommerfest.

Diese Kandidaten zogen in diesem Jahr in das Dschungelcamp ein:

Die zwölf Teilnehmer im Jubiläums-Dschungelcamp

„Auch Mehlwürmer sollen sehr gut schmecken“, hat sich Hansjörg Wunderer erzählen lassen. All das Getier ist übrigens reich an Proteinen und Vitaminen, also ein hochwertiges Lebensmittel. Und haben wir uns nicht auch auf andere, zunächst ungewohnte Formen von Lebensmitteln eingelassen? Es ist noch nicht lange her, dass Garnelen auf dem Teller dem deutschen Restaurantbesucher nacktes Entsetzen einjagten. Petros Mavris, der 1973 das erste griechische Lokal in Regensburg eröffnete, servierte einem seiner allerersten Gäste solches Meeresgetier. Das ließ den Mann damals erbleichen. „Ich esse keine Würmer“, hat er gestammelt und so musste Petros dem Entsetzten ein völlig ungriechisches Jägerschnitzel servieren. Inzwischen ist der Ekel längst dem Appetit auf mediterranes Meeresgekrabbel gewichen. Oder nehmen wir als Beispiel eine Auster? „Rotz und Salzgeschmack“, urteilt Wunderer. Das einzig wertvolle seien aufgrund der Mineralien die Schalen, aber die isst ja wieder keiner.

Die Kommunikation mit unserer Fauchschabe bringt inhaltlich etwa die gleiche Wertigkeit wie die Unterhaltung der Teilnehmer im Dschungelcamp, stellen wir übereinstimmend fest, wobei keiner von uns beiden der Fauchschabe zu nahe treten will. Den Fauchton produziert das Tierchen übrigens, indem es über die Atemöffnungen in ihrem Hinterleib Luft entweichen lässt wie ein Luftballon.

Wieder eine Parallele. Auch bei den C-Promis im Camp schien die Luft ziemlich draußen zu sein. Allerdings sind die Menschen im Camp wohl wesentlich giftiger als all das angeblich so gefährliche Getier, das sich im Lager herumtreiben soll, wie etwa die berüchtigte Trichternetzspinne. Wirklich tödlich ist zum Beispiel der Biss der winzigen Schwarzen Witwe. Die war übrigens auch schon Stargast im Naturkundemuseum – sicher aufbewahrt in einer doppelwandigen Vitrine.

Macht die ins Gigantische übertriebene Vergrößerung bestimmter Körperteile in der Natur fürs Überleben Sinn? Die Frage stellt sich natürlich angesichts der Camp-Bewohnerin Sophia Wollersheim, deren Riesenbusen der Körbchengröße J oder K (so wird kolportiert) wohl genauso künstlich angelegt ist wie der Badesee im Camp, aus dem Teichfolie herauslugen soll. Selbst ein Pfau wäre nicht so behindert, weil er seinen Gefiederfächer im Nu zusammenklappen kann und die ganze Angeberei nur wenige Gramm wiegt, was man bei der Reizkulisse von Frau Wollersheim wohl nicht vermuten kann.

„Im Dschungelcamp wird das Nichtumgehenkönnen mit Wildnis kultiviert, der Ekel vor Natur gezüchtet.“

Museumsleiter Dr. Hansjörg Wunderer

In der Trommel der „Lotterie des Grauens“ landeten auch mehrere Nester mit grünen Ameisen. Ob die noch über Ameisensäure in ihren Drüsen verfügen oder bereits vorher in Stresssituationen ihr Gift verspritzt haben? Wirkliche Mutproben müssen junge Männer bei den Naturvölkern Amazoniens bestehen, fällt dem Biologen ein. Dafür werden speziell für diesen Zweck angefertigte Handschuhe mit den großen und sehr schmerzhaften Feuerameisen bestückt. Dann schlüpfen die Aspiranten bis zum Ellbogen in die Ameisenhandschuhe und müssen diese mehrere Stunden lang tragen.

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„Kreischen statt verstehen“

Wie würde der Museumsleiter als Biologe und Berater von RTL ein Dschungelcamp gestalten? Da muss Dr. Wunderer keine Sekunde überlegen. „Ich würde eine Art Forschungsstation im Dschungel einrichten, die lehrreich und interessant sein müsste.“ Gerade der Dschungel ist ein Lebensraum von höchster Komplexität und maximaler Vernetzung, ein Entwicklungslabor der Evolution, in dem keine klimatischen Einschränkungen herrschen, sagt Wunderer. Wie faszinierend muss es sein, dort staunend die Natur und ihre Gesetze zu begreifen. Im Dschungelcamp aber ist genau das Gegenteil der Fall. „Dort wird das Nichtumgehenkönnen mit Wildnis kultiviert, der Ekel vor Natur gezüchtet.“ Das Ergebnis sei kreischen statt verstehen, eine perverse Annäherung an Natur. Und deshalb ist das Urteil des Fachmanns ziemlich vernichtend: „Grottenblöd“, sagt er.

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