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Ökologie

Umwelt: Ein Leben ohne Müll

180 Gramm Müll pro Jahr produziert Familie Johnson pro Jahr. Auch in Ostbayern folgen immer mehr Menschen ihrem Beispiel.
Ronja Bischof, MZ

Der komplette Müll der Familie Johnson im Jahr 2014.
Der komplette Müll der Familie Johnson im Jahr 2014. Foto: Bea Johnson

Regensburg.Ein Einmachglas, 0,5 Liter groß. Darin liegen eine alte Handyhülle, braune Heftpflaster, Schleifpapier, Kaugummi, ein Dutzend Aufkleber, ein Rucksack-Reißverschluss. Das ist der Müll, den die vierköpfige Familie Johnson im Jahr 2015 verbraucht hat. 183 Gramm Müll in einem Jahr. Vier Tonnen verbraucht eine durchschnittliche US-amerikanische Familie, zwei Tonnen eine deutsche. Ein Grund für diese riesigen Mengen: Plastik begegnet den Menschen in der Wohlstandsgesellschaft immer und überall. Selbst wer im Supermarkt nur Obst und Gemüse für ein paar Tage kauft, hat schon die ganze Küchenanrichte voll mit Plastikmüll. Ganz zu schweigen von Haarshampoo, Zahnpasta, Spülschwamm oder Putzmittel: Kunststoff ist überall. Die Johnsons produzieren trotzdem fast keinen Müll. Sie sind Vorreiter einer weltweiten Bewegung geworden. Eine Bewegung, die auch in Ostbayern angekommen ist.

Leben ohne Müll in Regensburg

Die 25-jährige Lena Stoiber.
Die 25-jährige Lena Stoiber. Foto: Bischof

Wie man leben kann, ohne Müll zu erzeugen, zeigt die Regensburgerin Lena Stoiber. Wenn die 25-jährige Psychologin neue Klamotten braucht, fragt sie zuerst ihre Freunde, ob die irgendetwas nicht mehr brauchen. Entweder bekommt sie dann Kleidung von ihnen geschenkt oder sie geht in die Wechselwelt. In dem Umsonst-Laden in der Innenstadt kann jeder seine eigene gebrauchte Kleidung mitbringen und andere Textilien mitnehmen. Wenn Stoiber mal nichts findet, kauft sie in Second-Hand-Läden ein. Außerdem verzichtet sie komplett auf Wegwerfprodukte: Küchenrollen, Papiertaschentücher und sogar Tampons. Für alles gibt es einen Ersatz: Stofftaschentücher etwa und Baumwoll-Binden für die weibliche Periode, die nach jeder Benutzung gewaschen werden.

So sehen die Spender in den verpackungsfreien Supermärkten aus.
So sehen die Spender in den verpackungsfreien Supermärkten aus. Foto: dpa

Auch beim Lebensmittel-Einkauf wird es einfacher, Müll zu reduzieren – auch in der Region: In Deutschland gibt es elf verpackungsfreie Supermärkte, einer davon steht in München, einer in Passau. Verpackungsfrei bedeutet: Statt Plastikbeutel zu verwenden, bringen die Kunden Behälter wie Einmachgläser, Stoffbeutel und Metalldosen von Zuhause mit. Nudeln schöpfen sie mit einer Schaufel aus einem riesigen Bottich in Einmachgläser, die sie auch im Laden ausleihen können. Danach wiegen sie das Glas und bezahlen an der Kasse. Ähnlich funktioniert es mit Fleisch und Käse: Verkäufer hinter einer Theke wiegen alles ab und geben es in die mitgebrachten Metalldosen der Kunden. Obst und Gemüse stopfen die Kunden in Stoffbeutel. Plastiktüten wie im Supermarkt gibt es in verpackungsfreien Läden nicht. In Regensburg gibt es noch keine Pläne für ein solches Lebensmittelgeschäft ohne Verpackungen. Lena Stoiber hat aber eine andere Idee.

Stoiber entwickelt in einem Vierer-Team eine App, über die jedermann unverpacktes Essen kaufen können soll. Die Idee: Wer etwa Butter braucht, gibt das in der App ein. Ein Bauer aus der Region – höchstens 150 Kilometer entfernt – sieht die Bestellung und stellt die bestellte Butter her. Der Kunde holt sie anschließend beim Bauernhof selbst ab – oder in einem Raum, zu dem nur Hersteller und Kunde per Chip Zutritt haben. Das Projekt sollen Kunden und Produzenten über Mitgliedschaftsbeiträge finanzieren. Wann die Idee Wirklichkeit wird, steht noch in den Sternen. Die Gründer sind berufstätig oder studieren, an dem Projekt tüfteln sie in ihrer Freizeit.

Die Müllvermeidungs-Pionierin Bea Johnson aus den USA mit ihrem Müll aus dem Jahr 2015.
Die Müllvermeidungs-Pionierin Bea Johnson aus den USA mit ihrem Müll aus dem Jahr 2015. Foto: privat

Lena Stoibers großes Vorbild ist Bea Johnson, die Müllvermeidungs-Pionierin aus den USA. Johnson sagt, ohne Müll zu leben sei nicht nur gut für die Umwelt und das Gewissen, sondern auch für den Geldbeutel. Ihre Familie gebe monatlich 40 Prozent weniger Geld aus. Ihre Rechnung geht so: 15 Prozent spart die Familie Johnson, weil sie nicht mehr die Verpackung von Produkten mitbezahlt, die restlichen 25 Prozent sparen sie, indem sie sich nur neue Gegenstände kaufen, wenn sie alte oder kaputte Sachen ersetzen müssen.

Die Johnsons sind internationale Stars. 2013 erschien Beas erstes Buch „Zero Waste Home“ auf Englisch, mittlerweile ist es auch auf Französisch und Japanisch erhältlich, bald wird es ins Deutsche übersetzt. Aber auch jetzt schon tragen Menschen wie Lena Stoiber die Philosophie der Müllvermeidung in die Region.

Müllfrei ohne Verzicht

Lenas Kosmetik: Ein selbstgemachtes Deo, ein Rasierpinsel, um es aufzutragen, ein Holzkamm, selbstgemachte Zahnpasta, eine Zahnbürste aus Holz, ein Zungenschaber und eine Seife für Haare und Körper.
Lenas Kosmetik: Ein selbstgemachtes Deo, ein Rasierpinsel, um es aufzutragen, ein Holzkamm, selbstgemachte Zahnpasta, eine Zahnbürste aus Holz, ein Zungenschaber und eine Seife für Haare und Körper. Foto: Bischof

Lena will allen beweisen, dass man ohne Verzicht müllfrei leben kann. Für fast alle täglichen Gebrauchsgegenstände gibt es Ersatz: Zahnbürsten aus Bambusholz; Seife statt Shampoo, Duschgel und Rasierschaum; ein langlebiger Rasierer aus Metall statt einer aus Plastik; Brotdosen aus Metall, um das Essen mitzunehmen. Waschmittel stellt Lena Stoiber aus Waschsoda, Kernseife und Wasser selbst her. Mit Putzmitteln und Geschirrspülmittel macht sie es ähnlich.

Lena weiß: Nicht jeder will Müll so radikal verbannen wie sie. Doch sie ist überzeugt, dass sich viel Müll vermeiden lässt. Anstatt Brot im Discounter-Backshop zu kaufen, kann jeder in die nächste Bäckerei gehen und das dort gekaufte Brot in einen Stoffbeutel stecken. Für Käse und Fleisch gilt das Gleiche: Sowohl auf dem Wochenmarkt als auch in einer Metzgerei vermeidet Verpackungsmüll, wer eine Metalldose mitnimmt. Obst und Gemüse lässt sich überall plastikfrei mitnehmen, wenn man es einzeln einpackt oder Stoffbeutel dabei hat. Der Regensburger Feinkostladen Sarik etwa bietet unverpackte Oliven an, im Laden Bürstenernst gibt es Bürsten, Seifen und Kochutensilien aus umweltfreundlichen Materialien ebenfalls ohne Verpackung. „Es ist alles reine Einstellungssache“, sagt Lena.

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