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Forschung

Unfallforscher tagen in Regensburg

Viele Vorträge, eine Crash-Rettung und DTM-Pilot Mike Rockenfeller zeigten neueste Erkenntnisse über Verkehrsunfälle.
Von Sandra Adler

Die Freiwillige Feuerwehr Pentling demonstrierte eine Bergung nach der Oslo-Methode. Fotos: Sandra Adler
Die Freiwillige Feuerwehr Pentling demonstrierte eine Bergung nach der Oslo-Methode. Fotos: Sandra Adler

Regensburg.Seit 20 Jahren arbeitet die Unfallchirurgie der Uniklinik Regensburg zusammen mit der Audi AG an der Analyse von Verkehrsunfällen. Zum Jubiläum veranstaltete die Audi Accident Research Unit (AARU) am Samstag ein Symposium an der Uniklinik.

Unfallchirurgen, Notärzte, Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei sowie Vertreter der Automobilindustrie informierten sich über neueste Erkenntnisse aus der Unfallforschung. Ein neuartiges Ultraschallverfahren, die Bergung aus E-Fahrzeugen oder Unfallvermeidung durch intelligente Autos waren einige der Vortragsthemen.

Sicherheit bei über 300 km/h

Wissenschaftler, Feuerwehr und ein Rennfahrer sprachen über Sicherheit.
Wissenschaftler, Feuerwehr und ein Rennfahrer sprachen über Sicherheit.

Als Gastdozent sprach Motorsportler Mike Rockenfeller über Sicherheitsmaßnahmen im Autorennsport. „Warum ich heute ausgewählt wurde? Weil ich doch den ein oder anderen Unfall hatte“, scherzte der 35-Jährige zu Beginn seines Vortrags.

Er zeigte ein Video von einem seiner Unfälle beim DTM-Rennen am Norisring in Nürnberg 2017. Konkurrent Gary Paffett war mit seinem Auto ins Schleudern geraten und in die Fahrerseite von Rockenfellers Audi geknallt. Der brach sich den linken Mittelfuß, beim Rennen drei Wochen später holte er sich dennoch den zweiten Platz.

Unfallanalyse

  • Kooperation:

    Im Rahmen der Audi Accident Research Unit arbeitet die Audi AG mit der Unfallchirurgie der Universitätsklinik Regensburg zusammen. Ziel ist die möglichst präzise Analyse von Unfällen. Audi finanziert das Projekt.

  • Ansätze:

    Die Analyse erfolgt aus Perspektive der Technik, Medizin sowie der Psychologie, die laut dem Direktor der Unfallchirurgie, Prof. Dr. Michael Nerlich, stärker einbezogen wird als in vergleichbaren Projekten.

Spitzengeschwindigkeiten von 340 km/h bei Le Mans und 270 km/h bei der DTM sind nicht selten – trotzdem fühle er sich in seinem Straßenauto weniger sicher als beim Rennsport. Technische Sicherheitsmaßnahmen erklärte Rockenfeller anhand einer Zeichnung seines Audi RS5 DTM-Modells. Sogenannte Crashboxen werden beispielsweise in das Fahrzeug eingebaut, um die Energie eines Aufpralls zu absorbieren.

„Das ist die beste Erfindung im Motorsport. Ohne wäre es gar nicht mehr denkbar“, lobte Rockenfeller den sogenannten Head and Neck Support. Anhand seines Helms inklusive Schulterkorsett demonstrierte er, wie diese zusammen Hals und Kopf des Piloten schützen. Feuerfeste Kleidung, von der Unterwäsche bis zu den Schuhen, gehörten ebenso zu den Sicherheitsmaßnahmen, wie Vorsorge in Form von körperlichem Training oder Unfallanalyse. Auch die Rettung aus dem Fahrzeug werde regelmäßig geübt, ergänzte er im Hinblick auf den nächsten Programmpunkt.

Regensburg ist Unfall-Haupstatdt: Lesen Sie unseren Bericht

Im Außenbereich vor dem Hörsaal hatten Männer der Freiwilligen Feuerwehr Pentling bereits ein Unfallauto mit Ketten vorne und hinten an zwei Einsatzfahrzeugen befestigt und unter Spannung gebracht. Sonst übe die Feuerwehr mit 20 Jahre alten Autos vom Schrottplatz, erklärte Jochen Suppelt, Ingenieur bei Audi. „Die Arbeit der Feuerwehr wird sehr anspruchsvoll werden“, sagte er angesichts der immer stabileren Karosserien voraus. Auch Hans Hopfensperger, Kommandant der Pentlinger Feuerwehr, bezeichnete es als Herausforderung, den neuen Fahrzeugtyp mit einer mechanischen Kettenrettung aufzubrechen.

Klicken Sie hier in den interaktiven Karambolage-Atlas und erfahren Sie mehr über die Unfallzahlen in Stadt und Landkreis Regensburg:

Die gute Nachricht: Die Fahrgastzelle des von Audi zur Verfügung gestellten Autos war beim Crashtest mit 65 km/h nicht deformiert worden. Im Ernstfall hätte die Feuerwehr zur Rettung der Insassen einfach die Türen öffnen können. Bei älteren Fahrzeuggenerationen kommt die in Norwegen entwickelte Oslo-Methode zur schnellen Bergung laut Hopfensperger aber wieder öfter zum Einsatz. Die Feuerwehr nutze sie auch als Plan B, wenn Spreizer und Hydraulikschere nicht ausreichten.

Diese Werkzeuge wurden auch bei der Demonstration verwendet, um die A-Säule des Wagens anzuschneiden. Auch die Frontscheibe wurde eingeschnitten. So destabilisiert gab das unter Spannung stehende Auto langsam nach und klappte auf wie ein Scharnier. Der Dummy auf dem Fahrersitz war nun frei zugänglich, das Experiment geglückt.

Aktive Sicherheit vor dem Unfall

Auch die Forschung des AARU zeigt, dass die passive Sicherheit der Autoinsassen, wenn es zum Unfall kommt, sehr hoch ist. „Der Optimalfall wäre, dass der Unfall gar nicht erst passiert“, sagte Dr. Stefanie Weber. In ihrem Fachgebiet der Psychologie untersucht sie in Gesprächen mit Unfallbeteiligten, was zu einem konkreten Unfall geführt hat. Ablenkung, Müdigkeit oder ein falscher Aufmerksamkeitsfokus machten 50 Prozent des Fehlerspektrums aus. Entgegen wirken können Assistenzsysteme zur Abstandsregelung, Notbremsung oder Müdigkeitswarnung.

Vermiedene Unfälle seien schwer zu erfassen, gab Prof. Dr. Michael Nerlich, der Direktor der Unfallchirurgie an der Uni Regensburg, zu bedenken. Die Zahl der Autos und der gefahrenen Kilometer steige. „Aber die Zahl der Unfälle nimmt deswegen nicht direkt proportional zu, ein indirektes Zeichen, dass die Systeme möglicherweise wirken.“

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