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Wirtschaft

Vater und Sohn gingen Kaffee kaufen

Joachim und Heiko Rehorik aus Regensburg machten den Preis nicht an der Börse, sondern am Abendbrottisch bei den Bauern von Marcala in Honduras.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Hier trocknen die Kirschen von „La Victoria“: Joachim Rehorik überzeugt sich im Hochland von Honduras vom neuen Projekt-Kaffee. Fotos: Rehorik
  • Die Kaffeebauern der Kooperative Comsa bereiten den Bio-Dünger für ihre Pflanzungen vor.
  • Joachim und Heiko Rehorik bei einer Tasse „Café La Victoria“ Foto: Wanner
  • In Marcala, Honduras, versteht man sich auch auf einen perfekten „Latte“.

Regensburg.Seit der 31-Jährige im August als Generalsekretär der Deutschen Röstergilde zurückgetreten ist, gilt Heiko als „100 Prozent Rehorik“. Das wird man dem Unternehmen auch anmerken. Die Kaffeerösterei mit Wein- und Spirituosenhandlung sowie angeschlossenem Delikatessengeschäft will das Hauptgeschäft Am Brixener Hof zu einer gläsernen Rösterei umbauen – mit Café-Betrieb und 30 Sitzplätzen.

Der in vierter Generation geführte Familienbetrieb will sich bewusst dem „slow retail“ verschreiben. Das hat Rehorik schon gemacht, als es das Marketing-Wort noch nicht gab. Hugo Rehorik, der Karlsbader Gründer und Heinz, sein musikalischer Sohn („Kurt Edelhagen-Band“), sorgten dafür.

„Joaquin“ und „Hector“

Das erste Zentralamerika-Abenteuer, das Vater und Sohn, Joachim („Joaquin“) und Heiko („Hector“), jetzt gemeinsam bestanden, passt genau ins Profil des werthaltigen, spannenden und persönlichen, entschleunigten Einzelhandels. Heiko Rehorik, der mit dem längeren Kaffeenäschen und sein Vater, frisch gebackener Rotary-Präsident („Millennium“), setzten sich in den Flieger, um in Honduras den neuen Projekt-Kaffee zu suchen. Besser: zu besuchen. Denn sie verkaufen den „100 Prozent Arabica-Kaffee“ aus Marcala ja bereits seit einem Jahr.

Der Amsterdamer Importeur hatte ihnen den Hochland-Kaffee „La Victoria“ aus Honduras empfohlen. Seit diesem Flug aber wissen sie wirklich, was sie verkaufen: „Wir haben bei den Kaffeebauern der Kooperative Comsa gelebt und gesehen, mit welcher Wertschätzung dort Natur und Mensch behandelt werden.“

Weltweit wird eine große Menge Kaffee angebaut. Mit etwa 30 Millionen Sack pro Jahr ist Brasilien das größte Produktionsland. Kaffee ist weltweit einer der wichtigsten Getränke. In Deutschland steht Kaffee an der Spitze mit einem Jahreskonsum pro Kopf von etwa 150 Litern. Heiko Rehorik weiß: Die meisten Kaffeetrinker machen sich keine Gedanken, wo ihr schwarzer Wachmacher überhaupt herkommt. „Die meisten freuen sich, wenn sie wieder ein Schnäppchen gemacht haben: Heute im Angebot: 100 Prozent Arabica, vollgepackt mit allen Siegeln und Zertifizierungen, die es gibt, für nur 4,99 € pro Pfund.“

„Qualität kann man für solche Preise nicht erwarten und auch nicht, dass die Kaffeebauern, die den Kaffee anpflanzen, davon leben können“, sagt Heiko Rehorik. „Da muss die ganze Familie ran, damit es für das Essen reicht. Die Schule kann nur sporadisch besucht werden. Hier macht nur einer Geschäft: die Industrie. Es geht um Massenproduktion. Da wird nicht an die Menschen und die Natur gedacht.“

Joachim und Heiko Rehorik dagegen haben den Kaffee-Preis nicht an der Börse, sondern bei den Bauern der Kooperative Comsa am Tisch ausgemacht – nach Hühnchen, Bohnenpaste und Reis. Der Name Comsa steht für „Café Organico Marcala S.A.“.

Der Flughafen von Tegucigalpa gilt als einer der „world‘s most thrilling Airports“. Man fliegt in einer 180-Grad-Kurve ein, geht dann sofort in einem 45-Grad-Winkel nach unten. Die Rehoriks wunderten sich also nicht, dass der Airbus aus Houston/Texas nur zur Hälfte besetzt war. Tegucigalpa ist aber auch eine der gefährlichsten Städte der Welt. So startete das Vater-Sohn-Unternehmen mit einem Schock, als sie am Airport keine Schilder „Joaquin“ und „Hector“ erwarteten. Der Fahrer schlief im Toyota-Pickup vor der Flughafenhalle. „Die muss man sich vorstellen wie den Regensburger Hauptbahnhof.“

Marcala liegt im Hochland von Honduras. Nach drei Stunden Fahrt roch die empfindsame Nase Heiko Rehoriks bereits den Duft. Kaffeekirschen. Das erinnert ihn an fermentierte Olivenpaste. In Marcala hatten sich, so schien es, alle Kaffeebauern zum Empfang aufgestellt. Vier intensive Tage bei den Hochlandbauern begannen.

Die Kooperative Comsa besteht seit 2004. Mittlerweile haben sich 840 Kaffeebauern angeschlossen. Die Köpfe der Kooperative sind Marcos und Rodolfo. Rodolfo hält weltweit Vorträge über nachhaltigen Kaffeeanbau.

Düngen nach Maya-Rezepten

Die Rehoriks könnten das nun auch. Die Bauern von Marcala haben sie begeistert, dass sie vor Enthusiasmus geradezu übersprudeln: Nach alten Maya-Rezepten werden Düngemittel rein biologisch selbst hergestellt. Die Bauern kochen Mineralien aus Steinen, fügen kompostierte Erde hinzu und recyceln alles, was nach der Kaffeeproduktion übrig geblieben ist.

Die Kaffeefarmen der Kooperative sind Vorzeigebetriebe. Die Bauern leben mit der Natur und respektieren sie. Der Umgang mit ihren Mitmenschen ist einzigartig. Sie tauschen ihr Wissen aus und entwickeln sich dadurch in kurzer Zeit weiter. Hier wird zusammen gearbeitet und gegenseitig unterstützt.

Sie bauen hochwertige Qualitäten an und erzielen damit wesentlich bessere Preise als mit konventionellem Kaffee. Die Bauern verstehen, dass sie nur mit Qualität ihren Kindern eine gute Ausbildung bezahlen können und bilden damit die Wurzeln für ein ganzes Land. Sie stecken mit ihrer positiven Energie Nachbarn und andere Farmen an. Somit kommen immer mehr Mitgliedsbetriebe dazu und können an dem Erfolg teilhaben.

Bei konventionellem Anbau ist die Erde nach kurzer Zeit so vergiftet, dass auf der Plantage nach 10 Jahren kein Kaffeeanbau mehr möglich ist. Eine Plantage, die nachhaltig betrieben wird, kann bis zu 60 Jahren bewirtschaftet werden. Das hilft der Erde, den Menschen in Marcala und den Kaffeetrinkern in Regensburg.

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