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Bauwerk

Velodrom-Besuche voller Wehmut

Die Regensburger Künstlerin Maria Maier ist von dem Gebäude fasziniert. Denn es beflügelt seit Jahren ihre Kreativität.
Von Heike Haala, MZ

Maria Maier in den frühen 1990er-Jahren vor einigen ihrer Werke im Velodrom. Hier hatte sie ihr Atelier, bis die Sanierung des Gebäudes begann. Foto: Meier
Maria Maier in den frühen 1990er-Jahren vor einigen ihrer Werke im Velodrom. Hier hatte sie ihr Atelier, bis die Sanierung des Gebäudes begann. Foto: Meier

Regensbutg.Maria Maier liebt den Charme des Morbiden. Sie steht in ihrem Atelier im Stadtwesten, deutet auf eine Collage, die ein Stück hellblau lackiertes Blech zeigt, in das der Rost schon Löcher gefressen hat. Bei dem Anblick fehlen ihr die Worte, in der Frau aber kribbelt und bebt es. Wenn sie Zeichen der Vergänglichkeit sieht, packt Maier die Kreativität und lässt sie nicht mehr los, bis sie diesen Schaffensrausch in ein neues Kunstwerk verwandelt hat.

Die Künstlerin Maria Maier Foto: Haala
Die Künstlerin Maria Maier Foto: Haala

Einige dieser Kunstwerke hängen prominent an Regensburger Bauten und sind vielen Menschen ein Begriff. Es sind die kleinen Tafeln, die 1995 in ganz Regensburg installiert wurden und die Umrisse Regensburger Plätze zeigen. Maier hat die Konturen der Plätze in klaren Farben und Mustern vom Bildhintergrund abgesetzt. So sehr Maier auf diese Weise mit Regensburg verbunden ist, die innigste Beziehung führt sie mit einem ganz bestimmten Gebäude in der Stadt: Es ist das Velodrom.

Auszug brach ihr das Herz

So sah der Saal vor seiner Sanierung aus. Foto: Ferstl
So sah der Saal vor seiner Sanierung aus. Foto: Ferstl

Denn vor der Sanierung des Gebäudes in den 1990er-Jahren hatte die Künstlerin in diesen Mauern die Quelle ihrer Kreativität aufgetan. Maier hatte damals ein Atelier von der Stadt im Velodrom gemietet, das ihre Schaffenskraft regelrecht befeuerte. Als das Gebäude saniert werden sollte, musste Maier dieses Atelier aber räumen. Das brach ihr das Herz. So ganz ist die Wunde noch nicht verheilt. Ein wenig ziept sie auch heute noch, wenn die Künstlerin das Haus als Theaterbesucherin betritt. So sehr sie die Vergänglichkeit auch inspiriert, mit dem Velodrom ist es anders. Ein Besuch weckt auch immer die Erinnerungen dieser Zeit voller Schaffensdrang. Mit dem Velodrom betritt Maier auch einen Ort, an dem sie sich einmal sehr wohl und daheim gefühlt hat, von dem sie aber weichen musste.

Die Zeit im Velodrom befeuerte Maiers unvergängliche Liebe zum Morbiden. Wenn sie früher in ihr Atelier an der Kreuzgasse kam, tauchte sie damit auch in die Überreste aus vergangenen Zeiten ein. Mit Leinwand bespannte und aufwendig bemalte Kulissenstücke stapelten sich damals vor den Wänden des Velodroms. Für die Künstlerin waren sie Rohmaterial. Denn sie konnte sowohl das Holz als auch die Leinwandbespannung wiederverwenden und nutzte sie für ihre eigenen Werke.

Was ihr aber viel wichtiger war: Wenn sie über das Gerümpel stieg und sich die alten Stücke ansah, kamen ihr auch immer Ideen für neue Werke. So entstand beispielsweise eine Serie, indem sie kleine Stück der alten Kulissenleinwand ausmalte und mit Lack zu einer Collage in ihrem Sinn ergänzte. Eine andere Reihe mit dem Titel „Mit Unterbrechung“ entstand ebenfalls auf den alten Leinwänden. Abstrakte Landschaften aus der Vogelperspektive, die eine Vorstufe zu Maiers Serie über die Regensburger Plätze waren. „In dieser Zeit bin ich jeden Tag ins Atelier gefahren und konnte nicht mehr aufhören zu malen“, erinnert sie sich an die Zeit zwischen alten Kulissenrahmen.

Zu dem Atelier, das sie damals für eine Miete von 150 DM von der Stadt anmietete, kam sie durch Zufall. Eines Tages sah sie die Mitarbeiter der Kulissenwerkstatt des Theaters vor der Türe in der Kreuzgasse stehen, die ihr erzählten, dass sie bald umziehen. Maier, die gerade auf der Suche nach neuen Atelierräumen war, fackelte nicht lange und machte den Vertrag mit der Stadt dingfest.

Kurze Zeit voller Glück

So schön diese Zeit für sie auch war, sie war kurz. Denn schon bald wurde das Velodrom auf das Engagement vieler Regensburger hin saniert. Maier kann sich noch genau an den Moment erinnern, als die Bagger anrückten und die schweren Schaufeln kurzen Prozess mit dem Quell ihrer Inspiration machten. Erbarmungslos griffen dieZähne in die Leinwände und brachen das Holz. Maier stand fassungslos daneben. „Ich hätte so gerne noch ein wenig aussortiert“, sagt sie.

Am Samstag war es wieder soweit und Maier besuchte eine Vorstellung im Velodrom. Sie hatte sich eine Premierenkarte für das Stück „Hoffnung Havanna“ gekauft. Ein Pflichtbesuch für sie – immerhin geht es in dem Stück um das Schicksal des Velodrom-Erbauers Simon Oberdorfer. Es ist das dritte Projekt des Regensburger Bürgertheaters, das die 48 Laien-Schauspieler nach „350 Jahre Immerwährender Reichstag“ und „Arm in einer reichen Stadt“ zeigen. Oberdorfer, der das Velodrom ab 1897 errichtete, starb 1943 im Konzentrationslager Sobibor, nachdem ein dramatischer Fluchtversuch über den Atlantik misslang.

Ein Stück, das Maier zweifelsohne gefiel: Der schwierige Text, das Leben Oberdorfers, die Bilder, die die Laienschauspieler nach der Regie von Joseph Berlinger auf der Bühne erstehen ließen, beeindruckten die Regensburgerin zutiefst. Aber als sie die schönen, sanierten Eisensäulen im Theaterraum beschreibt, muss sie sich an den Hals fassen – da war er wieder, dieser kurze Anflug von Wehmut.

Das Velodrom

  • Gebäude:

    Das Velodrom, 1897 bis 1898 von Simon Oberndorfer als Radsportstätte erbaut, wurde durch Bürgerengagement von 1990 bis 1996 vor dem Abbruch bewahrt.

  • Stück: „Hoffnung Havanna – Die Geschichte des Simon Oberdorfer“ ist eine Produktion des Bürgertheaters in Kooperation mit dem Theater. Zwei Vorstellungen gab es schon, es wird noch einmal im Herbst gezeigt, und zwar am Sonntag, 15. Oktober, im Velodrom. (la)

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