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Gesundheit

Verein kämpft für psychisch Kranke

Seelische Leiden sind immer noch ein Tabu. Der Regensburger Verein „Irren ist menschlich“ will Vorurteile abbauen.
Von Angelika Lukesch

Ein Regensburger Verein setzt sich für psychisch Kranke ein.  Foto: Free-Photos/Pixabay
Ein Regensburger Verein setzt sich für psychisch Kranke ein. Foto: Free-Photos/Pixabay

Regensburg.Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der Selbstoptimierung selbstverständlich ist und Höchstleistungen erwartet werden. Wer nicht mitkommt, fällt durch das Raster. Dies gilt besonders für psychisch Kranke Menschen, die oft ausgegrenzt werden. Der Verein „Irren ist menschlich“ Regensburg kämpft dagegen an.

Inge-Anna Bergmann (62) ist eine der Gründerinnen. Seit 1982 leidet sie an affektiven Psychosen und war oft im Krankenhaus. Die Wende für sie kam, als sie im Krankenhaus eine Kunsttherapie machte. Sie erinnert sich, dass sie das erste Mal, als sie eines ihrer Werke in einer Vitrine aufstellen sollte, dies ablehnte. „Ich dachte, nein, das will ich nicht, dann sehen sie (die Menschen, Anm. d. Verf.) mich ja!“ Psychisch kranke Menschen haben in unserer Gesellschaft Angst davor, sichtbar zu werden und sich mit den Reaktionen auseinandersetzen zu müssen.

Verschiedene Projekte sollen Aufklärung bringen

„Wir im Verein wollen Vorurteile abbauen, das Thema Menschen mit Psychiatrieerfahrung in die Gesellschaft bringen und aufzeigen, dass auch mit einer psychischen Erkrankung ein sinnvolles und erfülltes Leben möglich ist“, sagt Vorstandsmitglied Klaus Nuissl. Der Verein ist ein Zusammenschluss von Menschen mit Psychiatrieerfahrung, professionellen Therapeuten und Angehörigen von psychisch Kranken. Teil des Vereins ist eine Selbsthilfegruppe, in der sich Psychiatrie-Erfahrene austauschen können. „Irren ist menschlich“ arbeitet in verschiedensten Projekten (Schule, Kunst, Film) dafür, die Gesellschaft über das Leben psychisch Kranker aufzuklären und aufzuzeigen, dass diese Menschen in ihren stabilen Phasen mit beiden Beinen fest im Leben stehen.

Termine

  • Verein:

    „Irren ist menschlich“ hilft psychisch Kranken. Die Selbsthilfegruppe trifft sich vierzehntägig am Mittwoch um 16 und 18 Uhr in der Maierhoferstraße 1. Kontakt unter Tel. (09 41) 50 47 97 77

  • Seminar:

    Das Psychoseseminar ist am 26. 11. um 16 Uhr im EBW.

  • Film:

    Am Mittwoch, 19.30 Uhr, zeigt der Verein im Leeren Beutel den Film „La maladie du démon“.

Inge-Anna Bergmann wagte damals den Schritt in die Öffentlichkeit und profitierte davon. „Es war für mich wie eine Befreiung“, sagt sie. Bald darauf wurde sie gebeten, auf einer Laienhelfertagung über ihre Krankheit zu sprechen. Auch diesen Schritt machte sie. „Auf einmal hat das Ganze Platz gehabt. Ich konnte schildern, was mir fehlt und was ich brauche. Und auf diese Weise konnte ich anderen helfen“, erzählt Bergmann. Neben der befreienden Kunsttherapie lernte sie damals auch den Verein „Münchener Psychiatrie Erfahrene“ kennen und beschloss 1997 mit sechs anderen Mitstreitern, in Regensburg einen ähnlichen Verein mit dem Namen „Irren ist menschlich“ zu gründen.

Krisenplan soll im Fall der Fälle helfen

Klaus Nuissl ist Vorstandsmitglied von „Irren ist menschlich“. Foto: Hannes Pfeiffer
Klaus Nuissl ist Vorstandsmitglied von „Irren ist menschlich“. Foto: Hannes Pfeiffer

Außerdem moderiert sie seit 20 Jahren Psychoseseminare mit trialogischem Erfahrungsaustausch. Das bedeutet, dass Betroffene, Angehörige und professionell tätige Menschen miteinander reden und sich gegenseitig helfen. „Der Trialog hat mich von Anfang an begeistert. Denn die professionell Tätigen erfahren so über ihr Bücherwissen hinaus, was ich erfahren habe, und das ist für sie sehr hilfreich.“ Seit drei Jahren lebt Bergmann ohne Krankenhausaufenthalte. Sie hat ihre Krankheit im Griff und hat einen Krisenplan erstellt. In diesem Plan stehe alles über sie und ihre psychische Krankheit, welche Trigger es gibt, welche Tätigkeiten helfen, wer helfen kann, die Medikation, an wen man sich wenden kann. Jeder in ihrem Netzwerk besitzt diesen Krisenplan und alle ziehen an einem Strang, wenn es Bergmann nicht gut geht.

Klaus Nuissl war mit 19 Jahren 1999 zum ersten Mal in der Psychiatrie. Er hatte eine psychotische Episode aus dem schizophrenen Formenkreis. „Ich dachte damals, mein Leben wäre vorbei“, erzählt er. Ein Pfleger und eine Ärztin halfen ihm, zu verstehen, was mit ihm passiert war und wie er mit der Krankheit gut leben könne. Nuissl konnte symptomfrei sein Psychologiestudium abschließen. Doch er litt an der Stigmatisierung psychisch Kranker.

Verein half Nuissl, gesund zu werden

Dorothea Buck (1917-2019), die Begründerin des Trialogs, half ihm. Sie ermutigte ihn, offen mit seiner Erfahrung umzugehen. Nuissl folgte ihrem Rat. Seit 2011 hält er Vorträge und erzählt in Schulen seine Geschichte. Seit 2013 ist erwerbstätig. Der Verein half ihm entscheidend bei seiner Genesung. Er sagt: „Unsere Gesellschaft hat so ein starkes Bild von Erfolg und erfolgreichen Menschen, dass Menschen, die da nicht reinpassen, die Krankheiten und Brüche in ihrem Leben haben, schnell an den Rand gedrängt werden. Bei einer Bewerbung auf eine Arbeitsstelle, bei der Wohnungssuche ist es immer noch fast unmöglich, offen von einer Erkrankung zu sprechen, zu groß sind die Ängste vor vermuteten langen Ausfallzeiten und vermeintlich auffälligen Mietern, die Unruhe stiften. Ich würde mir mehr Information, Interesse, Offenheit und Menschlichkeit im Umgang mit psychisch Kranken wünschen.“

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