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Themenwoche

Vereine im Wandel: Sechs Meinungen

Wie steht es um das Ehrenamt und die Vereine? Wir haben sechs Meinungen aus der Region dazu eingeholt.

Das Ehrenamt steht in unserer Themenwoche im Fokus. Foto: Fotolia
Das Ehrenamt steht in unserer Themenwoche im Fokus. Foto: Fotolia

Das sagt die Landrätin Tanja Schweiger:

Landrätin Tanja Schweiger Foto: MZ-Archiv
Landrätin Tanja Schweiger Foto: MZ-Archiv

„Nicht nur die Vereinsstrukturen haben in den letzten Jahren einen großen Wandel vollzogen. Auch das Ehrenamt und die damit verbundenen Anforderungen ändern sich ständig. Grund genug, um nachzudenken, mit welchen Lösungsansätzen unsere Gesellschaft oder auch unser Landkreis unterstützen kann.

Finanzielle Hilfe ist die eine Möglichkeit. Eine weitere – mir wichtige – besteht darin, sich mit den Bedürfnissen der Vereine auseinanderzusetzen und echte Hilfestellungen in Form von neuen Angeboten zu geben, damit sie die Herausforderungen bewältigen können, die auch in der Ehrenamtsarbeit immer komplexer werden. Zu diesen Angeboten zählt unsere im letzten Jahr begonnene und sehr erfolgreiche „Vereinsschule des Landkreises Regensburg“. Hier gaben Fachleute in fünf Abendveranstaltungen den Ehrenamtlichen Informationen, die für diese in ihrer täglichen Ehrenamtsarbeit – besonders auch in den Vereinen – einen echten Mehrwert haben.

Diesen Weg werden wir weitergehen und innerhalb unserer rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten auch weiter unterstützen. Denn die Arbeit in den Vereinen ist ein zentraler Grundpfeiler unseres gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhalts. Davon bin ich überzeugt.“

Das sagt der Jurist Prof. Dr. iur. Thomas Beyer:

Prof. Dr. iur. Thomas Beyer Foto: Hans Buttermilch
Prof. Dr. iur. Thomas Beyer Foto: Hans Buttermilch

„Der neue Freiwilligensurvey des Bundesfamilienministeriums, der große regelmäßige Bericht über das Engagement in Deutschland, sagt es schwarz auf weiß: „Geldzahlungen spielen im freiwilligen Engagement eine untergeordnete Rolle.“ Trotzdem kann es durchaus Gründe geben, auch im Verein über einen finanziellen Ausgleich des Aufwandes von Vorständen, aber auch anderer engagierter Mitglieder nachzudenken.

Wichtig ist, solche Überlegungen offen zu diskutieren. Das ist nicht nur der beste Weg, die Begründetheit finanzieller Leistungen gerade im Umgang mit denkbaren Einwänden zu klären. Transparenz sichert auch, dass die zu beachtenden rechtlichen Rahmenbedingungen genau so nüchtern in den Blick genommen werden, wie bei allen anderen Vereinsangelegenheiten. Problematisch ist meist nicht die Entscheidung für eine Entschädigungszahlung, sondern ob dabei die vielfältigen Vorgaben des Vereins-, Steuer- und gegebenenfalls Arbeits- und Sozialrechts bedacht und eingehalten werden. Die Praxis zeigt hier einen enormen Beratungsbedarf. Der Gesetzgeber tritt Zahlungen im Verein nicht entgegen, schafft aber durch unzusammenhängende Einzelbestimmungen viel Unklarheit. Diese Fallstricke gilt es ernst zu nehmen.“

Das sagt der Vorsitzende Jörg Gabes von Lari-Fari Diesenbach

Lari-Fari Präsident Jörg Gabes Foto: msr
Lari-Fari Präsident Jörg Gabes Foto: msr

„Es ist eigentlich total einfach, als Vorstand einen Verein erfolgreich und gesetzeskonform zu führen. Man braucht lediglich folgende Zusatzqualifikationen: Steuerberater, Jurist, Verwaltungsfachkraft, Handwerker, Pädagoge, Mediator, Ausbilder, Versicherungsexperte, Fundraiser, Verkäufer, Marketingfachmann, Veranstaltungsmanager, Motivationstrainer, Diplomat, Recruiter und Netzwerker. Wenn man dann noch ein Vorbild ist und die Bereitschaft zeigt, viele andere Dinge des Lebens dem Verein hinten anzustellen, dann klappt das auch mit der zukunftsorientierten Vereinsführung. Ist man selbst gut organisiert, dann kann man – neben der Vorstandstätigkeit – auch noch die schönen Dinge im Verein ausüben, wie zum Beispiel Sport oder den Besuch eines geselligen Abends.

Zugegeben: Das ist sehr überspitzt dargestellt. Aber dieser Erwartungshaltung sehe ich mich hin und wieder ausgesetzt. Etwa, wenn ich mit Verwaltungen über die Auslegung von Gesetzestexten diskutiere, mit dem Steuerberater debattiere, ob eine Einnahme dem Zweckbetrieb oder dem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb zugeordnet wird, oder wenn ich Eltern erklären muss, dass Vereine keine Dienstleister sind sondern Gemeinschaftsprojekte.“

Das sagt der Oberbürgermeister Joachim Wolbergs:

Der Regensburger OB Joachim Wolbergs Foto: Stadt Regensburg
Der Regensburger OB Joachim Wolbergs Foto: Stadt Regensburg

„Bei zahlreichen Terminen und Begegnungen in der Stadt treffe ich immer wieder Menschen, die sich in Vereinen und Non-Profit-Organisationen engagieren. Die allermeisten von ihnen, sogar die Vorstände, machen das ehrenamtlich neben ihrem eigentlichen Beruf.

Da gibt es Menschen, die neben einem Vollzeitjob noch eine riesige Organisation am Laufen halten – davor habe ich höchsten Respekt! Was ich dann fast in jedem Gespräch höre, ist, dass die Vereine Nachwuchssorgen haben. Das Ehrenamt hat sich gewandelt, viele wollen sich nur noch stundenweise oder projektbezogen engagieren.

Um dem entgegenzukommen, haben wir bei der Stadt Regensburg eine eigene Stelle geschaffen, die für bürgerschaftliches Engagement zuständig ist, und hier vermittelt, berät und vernetzt sowie Öffentlichkeitsarbeit für das Ehrenamt macht. Zudem soll so die Anerkennungskultur weiter ausgebaut werden.

Und wir haben in der Stadt einen eigenen Vereinsmanager für Sportvereine sowie eine Beratungsstelle für Kulturvereine geschaffen. Zudem fördern wir zu fast 50 Prozent die Freiwilligenagentur, die unter anderem für die Vermittlung zwischen Vereinen und Personen, die sich engagieren möchten, zuständig ist.“

Das sagt die Leiterin der Freiwilligenagentur Dr. Gaby von Rhein:

Dr. Gaby von Rhein (links) neben Tanja Schweiger Foto: lse
Dr. Gaby von Rhein (links) neben Tanja Schweiger Foto: lse

„Die Zeiten sind hart für Vereine. Natürlich, es lässt sich nicht vom Tisch reden: Bürokratie, wo immer man hinschaut, Nachwuchssorgen und Mitgliederschwund bei den einen, offene Vorstandsposten und zu wenig Engagierte bei den anderen. Das alles beschäftigt Vereine, zermürbt die, die vorne dran stehen und sich verantwortlich fühlen, dass es weiter geht mit dem Vereinsleben. Ihnen muss man helfen – gemeinschaftlich, wenn man der Überzeugung ist, dass es der Verein oder die Vereine insgesamt wert sind. Herausforderungen anzugehen, Wandel zu gestalten, ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Vereine müssen bereit sein, sich Fragen zu stellen: Was wollen wir, wofür stehen wir, was macht uns aus, warum sind wir wichtig? Diese Fragen müssen sie beantworten können, positiv, versteht sich. Und sie müssen offen sein für Veränderungen – nicht nur nach der Jugend rufen beispielsweise, sondern sie dann auch selbstständig machen lassen, wenn sie da ist. Ämter und Behörden müssen sich als Dienstleister verstehen, da sein, helfen, so wie wir es beispielsweise mit unserer Vereinsschule versuchen. Und die Politik? Sie muss die Rahmenbedingungen für Vereine verbessern und dort wo es geht und sinnvoll ist, Bürokratie abbauen, keine Frage.“

Das sagt der Verbandsfunktionär, OGV-Kreisvorsitzender Karl Pröbstl:

Karl Pröbstl Foto: lbb
Karl Pröbstl Foto: lbb

„Das gesellschaftliche Leben in unseren Ortschaften wird nach wie vor zum größten Teil durch die Vereine geprägt, sie sind also ein außerordentlich wichtiger Bestandteil der Dorfkultur. Ihre Wichtigkeit und Bedeutung steht eigentlich außer Frage und sie waren, sie sind und bleiben hoffentlich ein Erfolgsmodell. Ein Auf und Ab wird es immer wieder geben und deshalb dürfen wir die Krise nicht herbeireden.

In der heutigen Zeit haben Vereine immer wieder mit den unterschiedlichsten Problemen zu kämpfen, die von Verein zu Verein verschieden sind. Das Hauptproblem scheint bei vielen Vereinen die Besetzung der Ämter in den Vereinsleitungen zu sein. Die Gründe hierfür sind sehr vielschichtig und Lösungen zu finden, ist außerordentlich schwierig.

Die Arbeit und die Verantwortung in der Vereinsführung müssen unbedingt auf möglichst viele Schultern verteilt werden und in den Vorstandschaften muss ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis um nicht zu sagen ein Freundschaftsverhältnis herrschen. Der Besuch der Veranstaltungen durch die Mitglieder ist wohl die beste Anerkennung.

Die Bürokratie darf nicht überhandnehmen. Hier sind die Politik bzw. der Staat gefordert.“

„Vereine im Wandel – Erfolgsmodell oder Krisenfall“: Alle Berichte zu unserer Themenwoche finden Sie in unserem Spezial.

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