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Trauer

Verlust tut an Weihnachten besonders weh

Zwei Regensburger teilen das gleiche Schicksal: Ihre Frauen sind unerwartet gestorben. Miteinander zu reden, hilft ihnen.
Von Martina Groh-Schad

Hubert Malterer und Gerd Vogel (v.l.) trauern gemeinsam um ihre Frauen. Foto: Martina Groh-Schad
Hubert Malterer und Gerd Vogel (v.l.) trauern gemeinsam um ihre Frauen. Foto: Martina Groh-Schad

Regensburg.Der Weihnachtsbaum von Herbert Malterer steht schon seit dem 9. Dezember im Wohnzimmer. „Ich wollte es hinter mir haben“, sagt er. Wie immer steckt oben die Spitze, bunte Kugeln schmücken die Zweige und rundum sind Lichter. „Das Schmücken verlief ganz routiniert“, erzählt der 54-Jährige, überlegt kurz und fährt fort: „Ich habe länger gebraucht, mehr Pausen gemacht, zwischendurch auf dem Sofa gesessen und nachgedacht.“ Vor einem Jahr gab seine Frau Corinna dem Baum noch den letzten Schliff. Im Mai starb Corinna überraschend mit 51 Jahren. Plötzlicher Herztod. Durch die Adventszeit hilft ihm jetzt der Kontakt zu Gerd Vogel, der ebenfalls seine Frau verloren hat. Die beiden Witwer wollen eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen.

Als Malterer von Weihnachten im vergangenen Jahr berichtet, lächelt er kurz und das Blitzen in seinen Augen verrät den lebensfrohen Menschen, der in ihm steckt. Wenn er sagt, dass er traurig ist, will das nicht richtig zu ihm passen. Aber natürlich ist es so. Fast 35 gemeinsame Jahre waren mit einem Schlag vorbei. Das Paar hat drei Kinder von 30, 28 und 18 Jahren. „Nach dem ersten Schock blieb mir nichts anderes übrig als zu funktionieren“, erinnert er sich an die ersten Monate. Der Tod eines Menschen löst eine Papierflut aus. Bankkonten, Versicherungen und Mitgliedschaften sind zu kündigen. „Die Briefe stapelten sich“, sagt er, und mit Grauen erinnert er sich daran, wie er das Google-Konto seiner Frau löschte und sie online aus Gruppen entfernte. „Da steht dann, dass sie die Gruppe verlassen hat“, sagt er. Ein Satz, der innerlich viel auslöst. „Nach drei Monaten fiel ich in ein Loch.“

Alleine mit neun- und elfjährigen Töchtern

Trauerbegleiter Martin Gugel sagt: „Weihnachten ist für Trauernde eine schlimme Zeit.“ Foto: Martina Groh-Schad
Trauerbegleiter Martin Gugel sagt: „Weihnachten ist für Trauernde eine schlimme Zeit.“ Foto: Martina Groh-Schad

Ähnlich erlebte es Gerd Vogel. „Die ersten fünf Monate nach dem Tod meiner Frau ging es nur ums Funktionieren“, erinnert sich der Vater von zwei Töchtern. Seine Frau Ingrid starb vor fünfeinhalb Jahren nach einer langen Krebserkrankung. Seine Kinder waren damals neun und elf Jahre alt. „Ich hatte riesige Angst“, gibt er zu. „Zwei Mädchen in der Pubertät und ich musste plötzlich den Haushalt allein stemmen“, sagt der 50-Jährige und ist dankbar, dass seine Mutter ihm zur Seite stand. „Ich habe mich in Arbeit gestürzt, um nicht zur Ruhe zu kommen.“ Beim ersten Weihnachtsfest ohne seine Frau wollte er keinen Baum haben, besorgte dann aber doch einen. Der Kinder wegen.

Aus Sorge um sie suchte er den Kontakt zum Verein Kindertrauerbegleitung. Hier lernte er andere kennen, die auch ihren Partner verloren haben. „Das hat gut getan, mit Menschen zu reden, die verstehen können, was man erlebt, weil sie es selber fühlen“, sagt er. Malterer nickt dazu. Er suchte den Kontakt zu einer Gruppe von verwitweten Menschen. „Es ist schön, zu erleben, dass man nicht allein ist“, sagt er. „Es tut gut, zu reden.“ Als schwierig empfand er, dass er zu den jüngsten Mitgliedern der Gruppe gehörte. Mit 54 Jahren steht er voll im Berufsleben und seine 18-jährige Tochter wohnt noch bei ihm. „Ich fühlte mich zwar allein, aber nicht einsam, und das unterscheidet mich von vielen Senioren, die im Alter ihren Partner verlieren.“

„ Trauer um den verlorenen Menschen hört nicht auf“

Vogel lernte in seiner Gruppe eine neue Lebenspartnerin kennen. „Doch damit hört die Trauer um den verlorenen Menschen nicht auf“, erklärt er. Weil Gefühle wieder hochkamen, meldete er sich bei Lisbeth Wagner von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS). Die Beratungsstelle unterstützt Menschen bei der Suche nach Gleichgesinnten, die eine Gruppe gründen wollen, um sich regelmäßig auszutauschen. Auch Herbert Malterer suchte im Internet nach Hilfe und stieß fast zeitgleich auf das Angebot.

Wagner brachte die beiden Männer zusammen. „Es gab schon mal eine Selbsthilfe-Gruppe für verwitwete Eltern“, sagt sie. „Aber die Gruppe war nicht mehr aktiv.“ Bei den beiden Männern hatte Wagner das Gefühl, dass es gut passt und Malterer bestätigt: „Wir können stundenlang miteinander reden.“

Trauerbegleiter: Selbsthilfegruppe wichtiges Signal für Männer

Für Trauerbegleiter Martin Gugler ist es bemerkenswert, dass gerade zwei Männer eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen. „Das ist ein wichtiges Signal für Männer in ähnlicher Situation“, sagt er. „Männer leiden anders und sind oft in ihrer Trauer verschlossener als Frauen.“ Weihnachten sei für Trauernde eine schlimme Zeit. „Man sieht überall Lichter und es herrscht heile Welt Stimmung“, sagt er. „Die eigene kleine Welt ist zerbrochen.“ Nun sei es wichtig, dass man Kontakte zu Menschen habe, die die Trauer verstehen können.

Hier bekommen Betroffene Hilfe

  • KISS:

    Die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS) ist darauf spezialisiert, Menschen zusammen zu bringen, die ähnliche Anliegen haben und den Austausch mit Gleichgesinnten suchen. Mehr über KISS erfährt man unter www.kiss-regensburg.de.

  • Kontakt: Die Selbsthilfegruppe „Verwitwet mit Kindern“ erreicht man per Mail unter vmk-rgb@t-online.de oder ab 7. Januar 2020 über das KISS-Telefon unter der Nummer (09 41) 5 99 38 86 10.

Ein Argument, dass auch Malterer und Vogel antreibt. In den nächsten Wochen wollen sie verwitwete Frauen und Männer mit Kindern finden, die sich zum Austausch treffen wollen. Wenn die Trauer nicht mehr frisch sei, sei es wichtig, Menschen um sich zu haben, die Ähnliches durchleben. „Nach ein paar Monaten erwartet die Gesellschaft, dass man nach vorne schaut und Vergangenes loslässt“, erklärt Malterer. „Aber das ist schwer.“

Als er davon berichtet, fallen ihm Jacke und Schlüssel seines verstorbenen Schwiegervaters ein, die noch lange nach dessen Tod im Flur hingen. „Damals verstand ich nicht, warum meine Schwiegermutter es nicht wegräumt“, sagt er. Heute hängt noch immer die Kleidung seiner Frau im Schrank.

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