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Strohballen-Mord

Verteidiger findet scharfe Worte

Auch am fünften Verhandlungstag in Regensburg verwickeln sich Zeugen in Widersprüche. Wann Karl H. zuletzt lebend gesehen wurde, bleibt weiter unklar.
Von Pascal Durain, MZ

Rechtsanwalt Michael Haizmann verteidigt Thomas L. bereits zum zweiten Mal: Schon 2008 saß sein Mandant im „Strohballen-Mord“ auf der Anklagebank – wurde aus Mangel an Beweisen aber freigesprochen. Foto: Lex

Regensburg.Der fünfte Verhandlungstag im Strohball-Mord-Prozess war eigentlich wie immer: Die Zeugen klagen über ihr lückenhaftes Gedächtnis , die Richter lesen ihnen daraufhin die eigenen Aussagen aus den Akten vor, dann werden diese bestätigt. Danach bohrt der Verteidiger des Angeklagten nach und offenbart so noch weitere Erinnerungslücken. Doch als eine Bekannte des Mordopfers sich am Montag innerhalb von zehn Minuten in mehrere Widersprüche verwickelte, fand Rechtsanwalt Michael Haizmann scharfe Worte: „Glauben Sie, dass wir hier bei Richterin Barbara Salesch sind?!“ – Die Zeugin: „Mir ist bewusst, dass das hier ernste Sache ist.“

Alles, was die Frau am Montag aussagte, wurde genauestens geprüft. Jedes Detail wird mit ihren vorherigen Aussagen verglichen – und da tauchten gleich mehrere Abweichungen auf. Zum Beispiel sagte sie zuerst aus, in der Faschingswoche des Jahres 2007 vom 19. bis zum 26. Februar zwei Männer vor dem Haus des Opfers gesehen zu haben, in späteren Aussagen war es dann nur noch einer; und am Montag wusste sie dann nicht mehr, was sie dazu noch sagen soll.

Je weiter ihre Angaben von ihrer ersten Befragung im Jahr 2007 zurückliegen, desto schwammiger werden sie. Dabei spielt gerade diese Dame eine wichtige Rolle im Prozess: „Ihre Aussage könnte entscheidend sein“, erklärte ihr der Vorsitzende Richter Carl Pfeiffer. Denn sie könnte den Automechaniker Karl H. zuletzt lebend gesehen habe. Doch die Zeugin erklärte am Montag, dass sie von den Kriminalbeamten zu ihrer Aussage gedrängt worden sei – aber wie die Beamten sie angeblich unter Druck gesetzt hätten, konnte sie nicht mehr sagen.

Bis heute ist nicht geklärt, an welchem Tag der Automechaniker Karl H. ermordet worden ist. Rechtsanwalt Patrick Schladt, der den Bruder des Opfers (Nebenkläger) vertritt, dazu: „Jede Aussage, die uns hilft, den Todeszeitpunkt des Opfers näher zu bestimmen, könnte entscheidend sein.“ Wenn es also neue Erkenntnisse darüber gebe, wann Karl H. in den Faschingstagen zuletzt gesehen wurde, könnte der Prozess einen komplett anderen Verlauf nehmen.

Auch die Angehörigen des Angeklagten Thomas L. brachten kein Licht ins Dunkel: Sie hätten zwar am Montag aussagen soll, wurden dann aber wieder abgeladen, weil alle von ihrem Recht gebraucht machten, gegen einen Verwandten nicht auszusagen.

Seit vergangenem Montag wird der sogenannte Strohballen vor dem Regensburger Landgericht neu verhandelt. Thomas L., Neffe des Opfers, wird zum zweiten Mal vorgeworfen, Karl H. erdrosselt und ausgeraubt zu haben. Er soll seinen Onkel aus Habgier ermordet haben, um ihm 2700 Euro aus einem Autoverkauf und die Bankkarte zu rauben. 2008 wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft ging in Revision und hatte damit Erfolg. Ein Jahr später hob der Bundesgerichtshof das Urteil und verwies den Fall an eine andere Kammer des Regensburger Landgerichts zurück.

Das Verbrechen wurde in der Region als „Strohballenmord“ bekannt, weil eine Erntehelferin die Leiche in der Nähe des Straubinger Zoos zwischen gelagertem Stroh an der B8 entdeckte. Die Familie hatte den Mann mehrere Tage lang vermisst. Trotz umfangreicher Ermittlungen war es der Polizei damals nicht gelungen, den Tatort und Tatzeitpunkt festzustellen. Der Neffe war ins Visier der Fahnder geraten, weil er in dem angenommenen Tatzeitraum plötzlich zu Geld gekommen war. So hatte der damals 28-Jährige Schulden zurückgezahlt, eine offene Hotelrechnung beglichen und eine größere Summe auf sein Sparbuch eingezahlt. Im Prozess schwieg der Mann zu den Vorwürfen. Am Dienstag wird dieser fortgesetzt.

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