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Verteidiger schluckt vor Gericht Gift

Ein Regensburger Anwalt kämpfte vor den Richtern für die Unschuld seines Mandanten – mit ungewöhnlichen Mitteln.

  • Achtung, hochgefährlich! Ein Regensburger Anwalt ließ sich von dieser Warnung nicht abschecken und griff beherzt zu Strychnin.Foto: dpa
  • So titelte die WOCHE im Juli 1980.

Regensburg.Das gab es in der Geschichte der Strafprozesse wohl nur einmal in der Bundesrepublik: Um die Unschuld seines Mandanten zu beweisen, schluckte der bekannte Regensburger Rechtsanwalt Ernst B. unter Zeugen Strychnin – ein sehr giftiges Alkaloid, das früher auch als Rattengift eingesetzt wurde. Klar, dass die WOCHE dem todesmutigen Kämpfer für Gerechtigkeit ein Denkmal in Form einer großen Titelgeschichte setzte.

Tödliches Gift in Quark und Bier?

Die Staatsanwaltschaft warf dem damaligen Chef der Saaler BayWa vor, dem Ehemann seiner Freundin das tödliche Gift in Quark und Bier gemischt zu haben, um ihn zu beseitigen. Sie berief sich dabei auf das Opfer, das den Anschlag bei der Polizei angezeigt und die vergifteten Lebensmittelreste praktischerweise gleich mitgebracht hatte. Der gehörnte Mann klagte dabei über Lähmungserscheinungen, deren Ursprung er in einer Giftattacke sah.

Zugegeben: Die sichergestellten Proben waren nicht die einzigen Indizien, die gegen den Angeklagten sprachen. Die Kripo hatte das Gift auch in dessen Schreibtisch gefunden, zusammen mit zwei Nachschlüsseln zur Wohnung seiner Geliebten und deren Ehemann. Trotzdem war Rechtsanwalt B. von der Unschuld seines Mandanten überzeugt.

Achtung, hochgefährlich! Ein Regensburger Anwalt ließ sich von dieser Warnung nicht abschecken und griff beherzt zu Strychnin.
Achtung, hochgefährlich! Ein Regensburger Anwalt ließ sich von dieser Warnung nicht abschecken und griff beherzt zu Strychnin.Foto: dpa

Er holte genaue Auskünfte über das heimtückische Gift ein und erfuhr zweierlei: Zum einen ist das Gift in geringen Mengen relativ ungefährlich und zum anderen entwickelt es einen penetrant bitteren Geschmack. Der Anwalt war überzeugt, dass niemand Quark oder Bier ahnungslos zu sich nehmen könne, wenn Strychnin untergemischt ist. Abgeschreckt durch den bitteren Geschmack würde man den Genuss des Lebensmittel sofort einstellen, so die Meinung des Anwalts.

Verteidiger wagte Selbstversuch

Um dies zu beweisen, schritt er zum Selbstversuch. Im Beisein von zwei namhaften Zeugen, darunter einem Apotheker, träufelte sich der Verteidiger Ernst B. mit einer Pipette Strychnin in den Mund. Und siehe da: Seine theoretischen Kenntnisse bestanden den Praxistest.

Der Rechtsanwalt blieb kerngesund und kannte nun auch den furchtbaren Geschmack des Rattengifts. Der als Zeuge des Versuchs fungierende Apotheker bestätigte zudem, dass ein Anschlag mit Strychnin wohl kaum Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Umso verwunderlicher erschienen dem Verteidiger die Argumente des angeblichen Opfers.

Am Ende half aber dem Angeklagten auch der todesmutige Einsatz seines Anwalts nicht. Die Beweislage sprach gegen den Liebhaber und für den Ehemann. Das Gericht verurteilte den ehemaligen Baywa-Chef wegen versuchten Mordes.

Dies ist umso tragischer, da der Verurteilte im Gefängnis Selbstmord beging. In seinem Abschiedsbrief, den er an die Hinterbliebenen richtete, beteuerte er seine Unschuld …

Alle Serienteile sowie Infos rund um das Thema Schlagzeilen aus der Boulevardzeitung die WOCHE finden Sie hier.

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