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Vom Überleben in der Barbarei

Jörg Skriebeleit stellt einen neuen Zeitzeugen-Band vor. Fridolín Machácek schildert das Elend im Lager – und kleine Freuden.
Von Michael Scheiner, MZ

Jörg Skriebeleit, Christa Schikorra und Jan Svimbersky stellten bei Bücher Pustet den neuen Band der Zeitzeugen-Reihe zu Flossenbürg vor. Foto: Scheiner
Jörg Skriebeleit, Christa Schikorra und Jan Svimbersky stellten bei Bücher Pustet den neuen Band der Zeitzeugen-Reihe zu Flossenbürg vor. Foto: Scheiner

Regensburg.Am Schluss, als die Buchvorstellung und ein kurzer Austausch mit dem Publikum bereits vorbei waren, meldete sich noch eine jüngere Frau. Mit deutlich tschechischem Akzent verwies sie auf Unterlagen und Briefe ihrer Großmutter, die „in Flossenbürg im Konzentrationslager“ gewesen“ sei. Während die übrigen Zuhörer bei Bücher Pustet schon ihre Taschen und Jacken zusammenpackten, wirkte Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, wie elektrisiert.

Gerade hatten er, Christa Schikorra, die Leiterin der Bildungsabteilung der Gedenkstätte, und der junge Wissenschaftler Jan Svimbersky das Buch „Pilsen – Theresienstadt – Flossenbürg“ des tschechischen Museumsmannes Fridolín Machácek vorgestellt. Über 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung in Prag, liegt dieses Zeitzeugen-Dokument damit erstmals in deutscher Sprache – der Sprache der Täter – vor.

Der Autor, vor und nach Ende des Krieges erneut Direktor des Pilsener Stadtmuseums, Archivar und Heimatforscher, war 1944 von der Gestapo verhaftet worden. Vom Pilsener Gestapo-Gefängnis kam er nach Theresienstadt und anschließend nach Flossenbürg, wo er mit Hilfe ebenfalls internierter Landsleute bis zur Befreiung im Frühjahr 1945 überleben konnte. Bereits während der Zeit im KZ überlegte er, die Erlebnisse, Vorgänge und Ereignisse aus Haft und Lagerleben aufzuschreiben. Er wollte Zeugnis abzulegen über die Barbarei, Willkür und erfahrene Gewalt durch die Nazis und deutschen Besatzer.

Der Anstoß kam von Dünninger

Kein halbes Jahr nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner, im November 1945, kehrte Fridolín Machácek mit einem jungen Pilsener Fotografen nach Flossenbürg zurück. Seine Reisenotizen, Erinnerungen und die Aufnahmen von Mirko Kren dienten als Grundlagen für das Buch, das neun Monate später in der Tschechoslowakei veröffentlicht wurde. Wenig später verschwand es auch dort wieder in der Versenkung. Die an die Macht gekommenen Kommunisten sahen durch Macháceks Erinnerungsbuch ihre Wahrheit von der heldenhaften Befreiung durch die Rote Armee in Frage gestellt. Zudem warfen sie dem patriotisch gesinnten Intellektuellen eine fehlerhafte Darstellung der Lagerhaftbedingungen vor, weil er die Klassenfrage ignoriert habe. Ein Exemplar des Buches überwinterte im Keller der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Jahrzehnte später stolperte der unvergessene Eberhard Dünninger darüber, damals Leiter der staatlichen Bibliotheksverwaltung. Da er selbst kein Tschechisch konnte, drückte er den verstaubten Band Jörg Skriebeleit in die Hand, und meinte, er solle es mal übersetzen lassen. Das dauerte dann noch eine ganze Weile. So lange, bis bei Skriebeleit und seinem Team die Idee Gestalt angenommen hatte, eine Reihe von Zeitzeugenberichten herauszubringen.

Mehr zum Buch

  • Das Buch:

    „Fridolín Machácek, Pilsen – Theresienstadt – Flossenbürg / Die Überlebensgeschichte eines tschechischen Intellektuellen“ ist im Wallstein Verlag erschienen. Das Buch hat 304 Seiten und kostet 19,90 Euro, Übersetzung: Kathrin Janka.

  • Die Herausgeber:

    Jörg Skriebeleit, Christa Schikorra und Jan Svimbersky.

  • Die Reihe:

    Das Buch erscheint als Band 2 der Reihe „Flossenbürger Forum“, im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten.

Nach Veröffentlichung der ersten Bände erinnerte sich Skriebeleit wieder an das „Dünninger-Buch“. Und weil just ein perfekt zweisprachiger Jungwissenschaftler ein Praktikum an der Gedenkstätte absolvierte, passten alle Faktoren perfekt zusammen. Nach akribischen Recherchen und Vorbereitungen ging man das Projekt an und jetzt endlich liegt die deutsche Ausgabe mit den Fotos von Kren und eindrucksvollen Grafiken eines Mithäftlings in der Reihe „Flossenbürger Forum“ im Wallstein Verlag vor. 1946 war es die erste nach dem Krieg veröffentlichte Haftdokumentation und der erste Erinnerungsbericht eines tschechischen Häftlings aus dem KZ Flossenbürg. Gleichzeitig hatte Machácek damit eine erste Historiographie des KZ geschrieben, was Skriebeleit und Co. bei der Arbeit am Buch heute zu neuen Erkenntnissen und tiefergehenden Einsichten verholfen hat.

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Als ausgebildeter Historiker nahm Machácek eine distanzierte Beobachterrolle für sich in Anspruch, wie Jan Svimbersky und Christa Schikorra bei der Vorstellung aufzeigten. Im letzten Kapitel über den Todesmarsch allerdings, aus dem Schikorra einige Ausschnitte etwas planlos vorlas, bröckelte diese nüchterne Distanz bei dem geschundenen, über 60 Jahre alten Autor zusammen. „Die Deutschen sind keine Menschen“, brach sich bei ihm die kalte Wut über die Erniedrigungen und das Erlebte Bahn.

„Manna“ von einem Panzer

Kaum vorstellbar, wie sich Fridolín Machácek dann über etwas ausgelassen freuen kann, was für jeden heute das Selbstverständlichste der Welt ist: Selbst zu entscheiden, ob er rechts oder links geht, ob er stehenbleibt oder sich hinlegt – oder ob er sich einen Keks aus einer Dose nimmt, die „wie himmlisches Manna“ aus den vorrückenden Panzer „über uns herab geschwebt ist“.

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