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Konflikt

Von Regensburg in den Dschihad

Menschen aus der Region um Regensburg haben sich laut Polizei in den Irak und nach Syrien aufgemacht, um dort zu kämpfen.
Von Josef Pöllmann und Heike Haala, MZ

Der Salafismus gilt als eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islam.
Der Salafismus gilt als eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islam.Foto: Marijan Murat/dpa

Regensburg.Der Besuch eines Gastpredigers sorgte in der Al-Rahman-Moschee in der Alten-Straubinger-Straße kürzlich für Aufsehen. Der Salafist Abul Baara hatte bei seinem Vortrag für eine radikalkonservative Auslegung des Islam geworben und deutsche Medien attackiert. Baara wird aufgrund seiner radikalen Äußerungen vom Verfassungsschutz beobachtet. Nach dem Auftritt stellen sich viele diese Fragen: Fällt dschihadistisches Gedankengut in Regensburg auf fruchtbaren Boden? Gibt es hier Menschen, die mit diesen Thesen symphatisieren?

Wie die Polizei jetzt bei einem MZ-Gespräch zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2014 erklärte, seien auch Menschen aus der Region Regensburg in die Kriegsgebiete im Nordirak und Syrien gegangen, um sich beispielsweise von Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat (IS) für den Dschihad ausbilden zu lassen. Eine konkrete Zahl nannten die Ermittler aus taktischen Gründen nicht. Im Kampf für den IS sähen sie die Erfüllung ihres Lebens, sagte Achim Bauer, der Leiter des Kommissariats Operativer Staatsschutz.

Polizei hat die Szene im Blick

Den Vertetern der Islamischen Gemeinden in Regensburg ist das neu: Weder Aykan Inan, der stellvertretende Vorsitzende im DiTiB-Landesverband Südbayern, noch Mohamed Ali Sassi, Sprecher der Islamischen Stiftung Regensburg, kennen solche Menschen. „Davon höre ich jetzt zum ersten Mal“, sagt Inan im MZ-Gespräch. Auch gebe es unter den Gläubigen, die in ihren Moscheen beten, niemanden, der mit derlei Gedankengut sympathisieren würde.

Bauers Kommissariat, das laut Aufgabenbeschreibung für islamistischen Terrorismus und Rechtsextremismus zuständig ist, hat aktuell besonders Leute, die dem salafistischen und dschihadistischen Umfeld zuzuordnen sind, im Blick. „Das sind Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, ebenfalls ins Krisengebiet zu reisen und dem IS beizutreten.“ Was die Nationalität anbelangt, so handle es sich vorwiegend um Deutsche, Deutsch-Türken und Türken.

Liegl: „Wir sind auf der Hut“

Die Anschläge in Paris und Kopenhagen aber hätten die Sicherheitsbehörden nochmals sensibilisiert, berichtete Polizeivizepräsident Michael Liegl. „Wir sind auf der Hut. Denn es gibt auch bei uns Personen, die sich im Dunstkreis des islamistischen Terrorismus bewegen, die aber noch keine Gefährder sind.“ Diese Gruppe beobachte die Polizei „mit den Möglichkeiten des Rechtsstaats“. Und auch die Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz sei noch einmal intensiviert worden. Denn der könne Rechtsinstrumente in Anspruch nehmen, die der Polizei nicht zur Verfügung stünden.

In der Region gibt es nach Bauers Worten keine sogenannte „graue Eminenz“, die Leute anwirbt und dafür sorgt, dass diese in Krisengebiete gehen. Vieles passiere aus einer Art Eigendynamik, denn die Karrieren von Sympathisanten des islamistischen Terrorismus seien oft deckungsgleich. Die Hauptursachen sieht Achim Bauer vor allem im familiären Bereich. „Die Mehrzahl der Dschihadisten hatte von Kindheit an keine Bindung zur Familie.“ Die Betroffenen hätten Probleme in der Schule oder im Arbeitsverhältnis und seien zum Teil ohne Ausbildung. „Irgendwann kommen sie an ein Grüppchen, das seinen Glauben sehr intensiv auslebt, bei dem sie Halt finden und akzeptiert werden. Wenn sie dann noch entsprechende Videos schauen oder bei Islam-Seminaren bearbeitet werden, reift bei vielen der Gedanke, diesen Weg weiterzugehen.“

Einen Partner bei ihren Recherchen sehen die Experten der Regensburger Kriminalpolizei in den islamischen Gemeinden in der Region. Seit Jahren gibt es intensive Kontakte. Kooperationsgespräche heißen die regelmäßigen Termine, zu denen sich Vertreter der Polizei mit den Moschee- oder Vereinsvorständen treffen. Kommissariatsleiter Bauer formuliert das Ziel dieser Gesprächsrunden: „Es wird ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Und wir können möglicherweise Tendenzen erkennen, bei denen wir nachfassen müssen.“

Konkret heißt das: Die Ermittler gleichen die Einlassung des Moscheevorstands etwa mit Einträgen in Sozialen Netzwerken ab. Oder sie schauen, wie die Aussagen zur Klientel in der Moschee oder zu Rednern, die in der Moschee auftreten, passen. „In der Regel geht das Bild von innen und außen zusammen. Die Zusammenarbeit läuft wirklich sehr gut.“ Bauer und seine Beamten versuchen den Moscheevorständen auch zu erklären, welche Probleme es für die Gemeinde geben könnte, wenn dort jemand auffällig wird. „Wir versuchen das Bewusstsein zu wecken, den Glauben im normalen Rahmen zu leben, so dass keine Straftaten vorkommen.“

Polizei und Gläubige als Partner

Polizeivizepräsident Liegl weiß, dass auf die Moscheevorstände in der Regel Verlass ist. „Der Islam hat ja auch nichts mit Islamistischen Terrorismus zu tun.“ Der Problembereich beginne erst dort, wo Menschen die offizielle Umgebung der Gemeinde verlassen, nicht mehr offen auftreten und sich absondern.

Polizeivizepräsident zu islamistischem Terror

Stiftungssprecher Sassi sieht im Auftritt des Imam Abul Baaras in der Regensburger Al-Rahman-Moschee kein Problem. Vor dem Auftritt hatte die Gemeinde erklärt, man wisse, dass der Prediger als radikal gilt, habe aber keine Aufrufe zur Gewalt oder andere umstrittene Ansichten in seinen Reden gefunden. Sassi verteidigt den Gast der Gemeinde im MZ-Gespräch: „Er ist ein Mann, der Wissen besitzt und vor allem wird er polizeilich nicht verfolgt.“ Wenn ein Prediger in die Moschee eingeladen wird, würden sich die Mitglieder zuvor über ihn informieren. Zudem würden sie die Themen, die er vortragen möchte, besprechen. „Wir sahen und sehen auch bei ,Cheikh Abu al baraa’ kein Problem. Er ist ein Prediger, der Arabisch und Deutsch beherrscht. Er ist höflich und predigt keinen Hass“, sagte Sassi. Baara hätte auch Ansichten präsentiert, in denen er sich gegen den so genannten IS ausgesprochen hätte.

Ditib-Mitglied Aykan Inan hingegen distanziert sich im MZ-Gespräch von Imam Abul Baara. Bei der Ditib-Gemeinde hätte dieser Prediger keine Chance auf einen Gastvortrag. Ditib würde die Gastredner der Moschee auf Herz und Nieren überprüfen. Der Werdegang eines Redners oder die Medienberichte über ihn würden helfen, so eine Entscheidung zu treffen, sagte Inan zur MZ. Sollten sich diese Fragen bei einem Redner nicht klären lassen, werde der Auftritt abgesagt.

Gastprediger und das Gesetz

  • Die Meinungs- und Pressefreiheit

    im Grundgesetz gebieten es, Gastpredigten in Moscheen zuzulassen. Die Polizei hat laut Pressesprecher Stefan Hartl keine Möglichkeit, einen Auftritt zu verhindern: „Das wäre ein Eingriff ins Grundrecht“, sagt er.

  • Wenn ein Imam während einer Predigt aber eine Straftat begeht – etwa mit seinen Aussagen – kann es laut Hartl zu einem Ermittlungsverfahren kommen.

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