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Soziales

Vor den leiblichen Eltern gerettet

Immer mehr Väter und Mütter vernachlässigen ihre Kinder. Das Jugendamt Regensburg sucht händeringend nach Pflegefamilien.
Von Micha Matthes, mZ

Seit knapp einer Woche wohnt Nora (l.) bei ihrer neuen Pflegefamilie in Lappersdorf. Mit ihren vier neuen Brüdern versteht sie sich schon richtig.
Seit knapp einer Woche wohnt Nora (l.) bei ihrer neuen Pflegefamilie in Lappersdorf. Mit ihren vier neuen Brüdern versteht sie sich schon richtig.Foto: mt

Regensburg.Die Sucht war zu stark. Irgendwann zählte für Noras Vater nur noch die Droge, sogar seine dreijährige Tochter geriet dann in Vergessenheit. Ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon lange verschwunden. Also kümmerte sich das Amt für Jugend und Familie Regensburg um das Kind und fand schließlich eine Pflegefamilie für das aufgeweckte blonde Mädchen. Seit knapp einer Woche wohnt Nora (alle Namen der Pflegekinder geändert) nun bei den Lehners in Lappersdorf und versteht sich schon richtig gut mit ihren vier neuen Brüdern. Zu Angelika und Andreas Lehner sagte sie schon nach drei Tagen „Mama“ und „Papa“. Ein Glücksfall. Denn die Aufnahme in eine neue Familie läuft nicht immer so reibungslos ab und der Bedarf an Pflegeeltern in Regensburg ist groß. „Leider sind nur sehr wenige Familien dazu bereit, ein Kind bei sich aufzunehmen“, sagt Franz Dorner, Leiter der Abteilung Jugendschutz im Jugendamt Regensburg.

Rund 140 vernachlässigte Kinder und Jugendliche wurden in Regensburg im vergangenen Jahr aus ihren Familien geholt, ein Bruchteil davon – ungefähr zwölf Kinder – kam dann in Vollzeitpflege. Die Fall-Zahlen des Amts für Jugend und Familie Regensburg sind in den vergangenen Jahren zwar relativ konstant geblieben, doch die Statistik trügt. Grund dafür ist eine gesetzliche Regelung, die es dem Amt möglich macht, zahlreiche Fälle an die Jungendämter im Landkreis Regensburg, Cham, Amberg-Sulzbach und Kelheim weiterzugeben. Zwar nehmen Dorner und seine beiden Kollegen vornehmlich Kinder aus Regensburg auf, die meisten davon vermitteln sie jedoch an Pflegefamilien im Umland. Sobald sich abzeichnet, dass ein Kind dauerhaft bei den Pflegeeltern bleibt, wird der Fall an das dort zuständige Amt abgegeben. Normalerweise ist das nach zwei Jahren der Fall. „Ohne diese Regelung hätten wir in Regensburg sicher doppelt so viele Fälle zu verzeichnen wie bisher“, sagt Dorner. „Das Familiengericht entzieht heute häufiger Teile des Sorgerechts als noch vor zehn Jahren.“ Zwar ist in Bayern im vergangenen Jahr zum ersten mal seit zehn Jahren ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Deutschlandweit nahmen die Fälle zwischen 1995 und 2012 aber deutlich zu. So hatten die Jugendämter 2012 insgesamt rund 40 200 Minderjährige in Obhut genommen, rund 43 Prozent mehr Fälle als 2007 und so viele wie bis dahin noch nie. Seit 1995 erfasst das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die Zahlen.

Supernannys helfen den Familien

Immer mehr Eltern seien aufgrund von Armut, Suchtproblemen, psychischen Erkrankungen oder Unreife mit der Erziehung und Versorgung ihrer Kinder überfordert, sagt Dorner. Weil das Amt für Jugend und Familie unterdessen eine Vielzahl von ambulanten Hilfsangeboten anbietet, müssten aber nicht alle Kinder von den Eltern getrennt werden und in Vollzeitpflegefamilien untergebracht werden. „Wir haben in den vergangenen Jahren unsere Jugendhilfelandschaft deutlich erweitert“, sagt Dorner. Dazu gehören auch Angebote wie die „Supernannys“. Solche sozialpädagogischen Familienhilfen werden in die Familien geschickt und versuchen dann vor Ort das Familienleben wieder in funktionierende Bahnen zu lenken.

Trotzdem sind derzeit fast 190 Kinder in rund 100 Regensburger Vollzeitpflegefamilien untergebracht. Es handle sich dabei um „Kinder, die mit ihren leiblichen Eltern wirklich Pech hatten“, sagt Dorner. Kinder, die von ihren Eltern entweder nicht versorgt werden konnten, die Gefahren ausgesetzt waren, Misshandlung oder Missbrauch erlebt haben. Extreme Vernachlässigung ist aber noch immer der häufigste Grund dafür, dass Richter den Eltern das Sorgerecht für ihre Kinder komplett entziehen.

„Die Pflegefamilien sind dann ein neuer Anfang für die Kinder, eine echte zweite Chance. Und sie bieten den Kindern vor allem Schutz“, sagt Dorner. Diese Chance hat jedes Kind verdient, finden auch Andreas und Angelika Lehner. Schon immer wünschte sich das Paar eine Großfamilie. Auf dem Weg dorthin bewiesen sie viel Mut und sprangen oft ins kalte Wasser. Ihre beiden leiblichen Söhne Marvin (12) und Julian (10) bekam Angelika Lehner mit Anfang dreißig. Aus Überzeugung zu helfen, informierte sich das Paar vor zwei Jahren über ein Pflegekind. Dann stellte ihnen Dorner die beiden Brüder Daniel (9) und Mario (6) vor. „Von zwei auf vier – das war schon ein großer Schritt“, sagt Andreas Lehner. Kurze Zeit später stellte sich dann noch heraus, dass Daniel eine autistische Veranlagung hat, die den leiblichen Eltern überhaupt nicht aufgefallen war. Doch auch damit konnten sich die Lehners arrangieren. „Wir haben Daniel und Mario immer genau so genommen, wie sie sind.“ Letztlich bereiteten ihnen die beiden Jungs so viel Freude, dass sie sich nun dazu entschieden, mit Nora ein weiteres Kind aufzunehmen. Den Tag, an dem die Pflegekinder jeweils zu ihnen kamen, feiern sie jedes Jahr wie einen großen Geburtstag. „Ein Teil der anderen Eltern hat natürlich Vorurteile und hinterfragt, warum man ein Kind aufgenommen hat. Sie warten darauf, dass etwas auffällt, aber es passiert nichts“, sagt Angelika Lehner. Die meisten Menschen aus dem Umfeld nähmen die Kinder aber einfach an. „Eigentlich hat sich nichts bei uns verändert.“

Eltern müssen Geduld mitbringen

Anfangs sei der bürokratische Aufwand groß gewesen, sagt Andreas Lehner. „Das wirkte schon ein bisschen abschreckend, wie viel das Jugendamt von uns wissen wollte.“ Aber natürlich verstehe er auch, dass diese Informationen wichtig für das Amt seien. Neben objektiven Kriterien wie der finanziellen Absicherung, Gesundheitszeugnissen und erweiterten polizeilichen Führungszeugnissen prüft das Amt auch die erzieherische Haltung. „Die Paare müssen wirklich Lust haben, mit Kindern zu leben, eine gewisse Lockerheit mitbringen und vor allem auch Geduld“, sagt Dorner. „Sie müssen nicht pädagogisch, psychologisch oder medizinisch geschult sein, sondern das Herz am rechten Fleck haben.“ Als das bei Lehners klar war und sie Daniel und Mario aufgenommen hatten, wurden ihnen nie mehr Steine in den Weg gelegt. „Seither wurden wir vom Amt wirklich gut getragen“, sagt Angelika Lehner.

Einfach ist es trotzdem nicht immer. Neben dem üblichen Stress, den jede Familie zu Stoßzeiten wie dem Schulbeginn erlebt, schleppen die Kinder einen großen Rucksack mit sich herum. Sie sind geprägt, traumatisiert. „Man muss feinfühlig mit ihnen umgehen, aber übertrieben viel Mitleid tut ihnen auch nicht gut. Normalerweise öffnen sie sich irgendwann ganz von allein“, sagt Andreas Lehner. Manchmal sprächen sie auf einmal beim Abendbrot ein Thema an, bei dem man auch als Erwachsener erst mal schlucken müsse. „Wenn man dann darüber spricht, schweißt das aber als Team zusammen“, sagt Angelika Lehner. Manchmal seien solche Gespräche fast schon ein wenig skurril. Als Daniel noch neu bei den Lehners war, wunderte er sich sehr darüber, dass seine neuen Eltern tagsüber nicht so lange schlafen und er jeden Tag ein Pausenbrot gemacht bekommt.

Seit 1990 kümmert sich Dorner in Regensburg um die Vermittlung von Pflegekindern. Zu seinen leiblichen Eltern abgehauen sei dabei noch nie ein Kind. Es sei eher andersrum, sagt Dorner. „Die Kinder erkennen die zweite Chance in der neuen Familie meist sehr deutlich und nutzen sie auch.“ Natürlich komme es in der Pubertät meist noch einmal zu einer Krisensituation. Wenn Pflegekinder gegenüber den Pflegeeltern rebellierten, komme dem noch einmal eine andere Qualität zu als gegenüber den leiblichen Eltern. „Da bekommen die Pflegeeltern die Wut zu spüren, die in der Frage liegt, warum haben mich meine echten Eltern weggegeben?“ Trotzdem seien die Pflegekinder normalerweise wenig motiviert, zu ihren Eltern zurückzugehen.

Ihre echten Eltern sehen die Kinder normalerweise alle drei Wochen. Bundesweit werden rund zwei bis fünf Prozent der Kinder wieder zu den leiblichen Eltern zurückgeführt. Mit Seminaren versucht das Amt, die Pflegeeltern auch auf den Fall vorzubereiten, dass sie die Kinder eventuell wieder abgeben müssen.

Es könnte auch sein, dass Nora zurück zu ihrem leiblichen Vater kommt. Doch wahrscheinlich bleibt sie bei den Lehners, bis sie erwachsen ist. „Sie wird immer unsere Tochter sein. Wir können nur versuchen, ihr den Weg zu ebnen“, sagt Andreas Lehner.

Inobhutnahme

  • Kinder und Jugendliche

    aus Familien in schweren Krisen werden bei „dringender Gefahr für das Wohl“ des Minderjährigen vom Jugendamt oder der Polizei in eine sichere Umgebung (Obhut) geholt. Diese Maßnahme wird in Paragraf 42 des Sozialgesetzbuches geregelt.

  • Grund für eine Inobhutnahme

    sind oft akute Notlagen, etwa wenn Kinder oder Jugendliche nicht richtig versorgt werden, weil Eltern schwer drogen- oder alkoholkrank sind. Auch Misshandlungen und sexueller Missbrauch können Gründe sein. Bisweilen werden Kinder auf Wunsch der Eltern in Obhut genommen, weil diese so überfordert sind, dass das Kindeswohl vernachlässigt wird.

  • Bei konkreten Hinweisen

    auf eine Krise gehen in der Regel zwei Mitarbeiter des Jugendamtes in die Familie und entscheiden, ob das Kind in Obhut genommen werden muss. Anschließend müssen sie das Gericht darüber informieren.

  • Stimmen die Eltern nicht zu

    , entscheidet das Gericht, ob die Kinder in Obhut genommen werden. Sie werden dann in Bereitschaftspflege betreut, bis sie in ihre Familie zurückkehren können oder eine andere dauerhafte Betreuung gefunden ist.

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