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Geschichte

Warum die „Judensau“ eine Wölfin ist


Von Thomas Dietz, MZ

Autor Dr. Rudolf Reiser vor dem Dom St. Peter Foto: altrofoto.de

Da müsste ganz Regensburg ein Stein vom Herzen fallen. Neben dem Pfeiler am Südwesteingang des Doms gibt es jene verwitterte Skulptur, die es zu trauriger Berühmtheit gebracht hat: die sogenannte „Judensau“, geschaffen um das Jahr 1379. Jeder Touristengruppe wird diese angebliche Spottfigur vorgeführt – und oft genug ist es das einzige, was sie vom Regensburger Dom in Erinnerung behalten. Unter der „Judensau“ hängt eine Infotafel aus Plexiglas, deren Text regelmäßig beanstandet wird.

Diese „Judensau“ und noch manches andere ließ den Historiker, Dom-Liebhaber und gebürtigen Regensburger Dr. Rudolf Reiser nicht ruhen. Am Freitagvormittag stellte er sein jüngstes Werk „Regensburgs Kathedrale, Spiegel der Weltreligionen“ vor.

Romulus und Remus statt Antisemitismus

Das Buch will mit dutzenden Irrtümern aufräumen, die seit Jahrzehnten über den Dom verbreitet werden: „Die Bezeichnung ,Judensau‘ ist Irrsinn. Kein Schwein hat einen Schwanz bis runter zu den Pfoten“, sagt der Ikonografie-Spezialist Reiser. Die Skulptur stelle die kapitolinische Wölfin mit Romulus und Remus, den Gründern Roms, und den Hirten Faustulus dar.

Was bei Arbeiten über die Gotik eher selten ist: Das Buch ist spannend, liest sich wie ein Kunstkrimi und ist auch für den interessierten Laien verständlich. Objekt für Objekt arbeitet sich der Autor durch Klischees, Fehler, Missinterpretationen und falsche Zuordnungen „einer gottjämmerlichen Geschichtsschreibung“, die seiner Meinung nach diesem „einzigartigen und grandiosen“ Bauwerk anhaften.

Die Maßstäbe einmal gründlich zurechtzurücken ist dem Autor, der bei der MZ volontierte, fast 30 Jahre lang Wissenschaftsredakteur bei der Süddeutschen Zeitung war und mehr als 60 Bücher geschrieben hat, ein Herzensanliegen. Das Buch, so polemisch es sich auch gibt, ist eine einzige Liebeserklärung an die Gotik, ihre Kunst und ihre Künstler. Und wer hinter dem oft erwähnten „Professor, der alles besser weiß“, steckt, wird nach der ersten Fußnote gelüftet: Es ist Achim Hubel, Professor für Denkmalpflege an der Universität Bamberg und Verfasser zahlreicher Bücher über den Dom, die als Standardwerke gelten – zuletzt das mehrbändige Monumentalwerk „Der Dom zu Regensburg“. Auf Hubels Reaktion darf man jetzt schon gespannt sein.

Seit 1970 arbeitete Rudolf Reiser an diesem Dombuch mit umfangreichen Anmerkungen und Quellen. Für sein „ewiges Lämpchen“ reiste er zu den Kathedralen der Gotik zwischen Santiago de Compostella und Uppsala, las Primärliteratur vom Koran bis zu Nicolaus Cusanus und studierte 3000 mittelalterliche Pergamente, bis ihm die Zeit für seine persönliche Ehrenrettung Regensburgs reif schien.

Alle Propheten in Eintracht

Nach Rudolf Reiser zieren die Westfassade die „Propheten“ Mohammed, Moses, Homer und Zarathustra, Jesus Christus in der Mitte und alle dienen dem einen Gott – Religionshass war im Mittelalter noch unbekannt. Mohammed wurde 1995 abgenommen und steht vor der Dombauhütte. Das Eicheltürmchen der Westfassade symbolisiert ein Minarett, die Fenster an den Westwänden des Seitenchores zeigen eine Moschee mit Halbmond und Kreuz. Auch hat der hübsche Verkündigungsengel am Stützpfeiler im linken Arm niemals das Christkind getragen, sondern einen Stab, der später als unziemlich entfernt wurde. Die Befreiung des Hl. Petrus aus dem Gefängnis (Südportal der Westfassade) zeigt vielmehr die Befreiung der Juden aus der ägyptischen Gefangenschaft. Die Roritzer (Dombaumeister Conrad Roriczer, 1410-~1481) stammen nicht, wie immer behauptet wird, aus Böhmen, sondern aus dem portugiesischen Roriz. Die Wasserspeicher können auch keine „Geister“ sein, die „von der Kirche zum Wasserablauf gezwungen“ wurden – und noch allerhand mehr.

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