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Webasto ist mit Autodächern obenauf

Die Flaute bei Cabrios ist vorbei, Panoramadächer sind gefragt wie nie. Der Zulieferer wächst zweistellig – auch dank Pappe.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

So sieht ein Dach aus Pappe aus, in Wabenform gepresst und mit Folien überzogen. Gefertigt wird es in Schierling, getragen wird es derzeit von Jeep Renegade.
So sieht ein Dach aus Pappe aus, in Wabenform gepresst und mit Folien überzogen. Gefertigt wird es in Schierling, getragen wird es derzeit von Jeep Renegade. Foto: Webasto

München.Nach oben offen – so gestaltet sich der Ausblick für Webasto. Der Automobilzulieferer, spezialisiert auf Heizsysteme und Dächer, wächst mit Schwung. Ein zweistelliges Umsatz- und Ergebnisplus vermeldete Vorstandschef Holger Engelmann am Dienstag beim Jahrespressegespräch in München für das erste Quartal. Das soll auch für das Gesamtjahr so bleiben.

Mehr als 50 Prozent Marktanteil und ein formidables internationales Wachstum sind eine tragfähige Basis. Hinzu kommen entscheidende Neuerungen, strategisch und produkttechnisch. So versucht Webasto, näher mit den Autoherstellern zusammenzurücken – indem der Zulieferer neuerdings und in zunehmendem Maße komplette Dächer von Autos bestückt.

Der Hersteller lässt das Dach im Wortsinne offen, Webasto baut die gewünschte Variante ein – wovon es viele gibt. Darin sieht der Zulieferer eine große Zukunft.
Der Hersteller lässt das Dach im Wortsinne offen, Webasto baut die gewünschte Variante ein – wovon es viele gibt. Darin sieht der Zulieferer eine große Zukunft. Foto: Webasto

Profan ausgedrückt lässt der Hersteller ein großes Loch offen und Webasto baut eines seiner vielen möglichen Dachvarianten ein: Faltdach, Glasdach, Panoramadach, ein geschlossenes lackiertes Dach, eines aus Kunststoff – was auch immer. Das wird bereits praktiziert mit dem Fiat 500 L und mit Land-Rover. Weitere Autos werden hinzukommen. Mehr dazu soll auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) im Herbst in Frankfurt zu sehen sein.

Wenig Gewicht ist wichtig

Generell gilt, so Engelmann, für künftige Dächer: Sie müssen leicht und aus innovativen Werkstoffen sein. Carbon überlässt Webasto anderen Spezialisten und setzt stattdessen auf preisgünstigere Varianten. Dazu zählt ein Dach, das vor allem aus Pappe besteht und in Wabenstruktur geformt wird. Es kann herausgenommen werden und ermöglicht so das Offenfahren. Das Produkt wird in Schierling (Landkreis Regensburg) gefertigt und in Serie im Jeep Renegade eingebaut.

Hier wird die Hitze besser abgehalten: ein Polycarbonat-Dach mit Infrarot-Absorption
Hier wird die Hitze besser abgehalten: ein Polycarbonat-Dach mit Infrarot-Absorption Foto: Webasto

Aus Polycarbonat und durchsichtig ist etwa die Überdachung des neuen Smart. Hier hilft ein Infrarot-Absorber, die Aufheizung des Innenraums zu verringern. Dächer aus Glas hat Webasto dünner und unter anderem mit Hilfe einer Folie dennoch stabil gemacht. Der Gewichtsvorteil liegt den Angaben zufolge bei zehn bis 15 Prozent. Davon profitieren heute Land Rover und Mercedes S-Klasse.

Aufatmen heißt es für Webasto im Bereich Cabriodächer. Der Weltmarkt war von seinem Hoch im Jahr 2008 mit fast einer Million Autos auf 350 000 zusammengebrochen. Da musste auch Zulieferer Webasto, so Engelmann, ein „Tal der Tränen“ durchschreiten, dessen Umsatz in dieser Sparte von 500 Millionen auf 270 Millionen Euro zusammendampfte. Seit diesem Jahr verspürt Webasto ein deutliches Anziehen der Nachfrage nach Cabrios. Der Markt soll sich bis 2020 wieder auf mehr als 500 000 Einheiten erholen und Webasto ordentlich dabei sein.

Der neue BMW 2er Cabrio hat ein Verdeck von Webasto.
Der neue BMW 2er Cabrio hat ein Verdeck von Webasto. Foto: Webasto

Weniger mit den faltbaren Hardtops – hier geht die Nachfrage massiv zurück –, sondern mit Softtops. Webasto ist dabei mit den Neuerscheinungen Audi TT Roadster, BMW 2er Cabrio und dem volumenträchtigen Ford Mustang, sowie noch heuer mit drei weiteren neuen Modellen, die bislang nicht genannt werden. „Das gibt viel Arbeit für Hengersberg“, freute sich Engelmann.

Profitabel auch mit kleineren Stückzahlen

Einige Jahre lang schrieb Webasto mit Cabrios rote Zahlen im einstelligen Millionenbereich; 2014 gelang der Umschwung, in diesem Jahr sind Gewinne angekündigt. In England ist ein Werk geschlossen worden, in Portugal steht dies noch heuer bevor, wenn der VW Eos eingestellt wird. In Hengersberg (Niederbayern) sind mehrere Werke zusammengelegt worden. Inzwischen hat es Webasto geschafft, auch bei kleinen Stückzahlen profitabel zu sein.

Was bei Cabrios verlorenging, konnte Webasto an anderer Stelle mehr als ausgleichen. Denn die Nachfrage nach Panoramadächern ist stark angestiegen. Kurz gesagt: Die Menschen kauften sich als netten Zweitwagen kein Cabrio, sondern einen SUV (Geländewagen), der gerne mit großzügiger Zusatzausstattung gewählt wird – dazu zählt auch freie Sicht nach oben durch Glas oder Kunststoff. Ob nun auch noch offene SUVs zum Trend werden, weiß Engelmann nicht, schließt es aber keineswegs aus.

Hohes Wachstum, keine Schulden

Wirtschaftlich stellt sich Webasto generell breiter auf. Der 2014-Umsatz von knapp 2,5 Milliarden Euro (plus acht Prozent) wurde zur Hälfte in Europa generiert, zu einem Viertel in China, 20 Prozent in Amerika. Das Ergebnis legte um zehn Prozent auf 136 Millionen Euro zu, obwohl zum Jahresende hin das eingebrochene Russlandgeschäft die Bilanz belastete. Engelmann bezeichnete das Unternehmen als kerngesund, mit einer Eigenkapitalquote von 42 Prozent sehr stabil und obendrein schuldenfrei. Damit sei das Unternehmen bereit für Firmenkäufe, falls sich eine gute Gelegenheit bietet. Oder es sei gewappnet für eine Krise, sofern eine hereinbräche.

Die Zahl der Mitarbeiter durchbrach im vergangenen Jahr die Schwelle von 10 000. Die fast 10 400 Beschäftigten teilen sich auf zu 33 Prozent in Deutschland, 28 Prozent restliches Europa, 19 Prozent USA/Mexiko, 17 Prozent China und 3 Prozent Japan.

Vorstandschef Dr. Holger Engelmann
Vorstandschef Dr. Holger Engelmann Foto: Webasto

Es wird kräftig investiert

Entscheidend für das Wohlergehen Webastos bleibt für Engelmann eine gute Heimatbasis. Komplexe Produkte und neue Technologien werden hier entwickelt und neu produziert. Erst wenn man reichlich Erfahrungen gesammelt hat, wird ein Produkt in andere Länder transferiert. Diese Strategie untermauerten die Investitionsentscheidungen. Ende 2016 will Webasto am Stammsitz Stockdorf bei München ein neues Entwicklungszentrum für Schiebe- und Panoramadächer beziehen. 2008 war der Thermobereich in Gilching erneuert worden, 2013 der Standort Schierling mit der Polycarbonatfertigung.

Vor kurzem hat Webasto ein Produktionswerk in Tschechien (Liberec) übernommen mit rund 700 Mitarbeitern sowie vielen Leiharbeitern. Ein dreistelliger Millionen-Umsatzbringer, der für Daimler produziert. Osteuropa gewinnt generell an Gewicht. Das Werk Arad in Rumänien ist auf mehr als 1000 Mitarbeiter angewachsen.

Webasto in Ostbayern

  • Kunststoffzentrum Schierling

    In der Herstellung von Dachelementen aus Polycarbonat gehört Webasto zu den führenden Unternehmen weltweit. Aus diesem Grund hat das Unternehmen ein eigenes Kunststoff-Kompetenzzentrum in Schierling bei Regensburg aufgebaut. Aufgrund zahlreicher neuer Projekte investiert Webasto kontinuierlich in den Ausbau der Kapazitäten. 2013 wurde am Standort Schierling eine neue, rund 4500 Quadratmeter große Produktionshalle in Betrieb genommen. Dort stellen drei neue Spritzgussmaschinen und eine neue Lackieranlage die Produktion der Polycarbonat-Bauteile nach dem neuesten Stand der Technik sicher. Die erweiterten Anlagen in Schierling verfügen heute über eine Produktionskapazität von einer Million Bauteilen pro Jahr. Über 300 Mitarbeiter sind dort beschäftigt.

  • Cabrio-Dächer

    In Regensburg ist Webasto direkt im BMW-Werk angesiedelt. Die Cabriodächer für die 4er-Serie und den Z4 Roadster werden direkt am Produktionsband im Werk des Autobauers montiert. Hier sind rund 200 Mitarbeiter tätig. Hengersberg mit 600 Mitarbeitern ist der Zentralstandort für Cabriodach-Systeme und gleichzeitig Entwicklungszentrum. Unter einem Dach sind dort Entwicklung, Prototypenbau und Versuch untergebracht. Webasto-Edscha bietet das breiteste Produktportfolio der Branche. Entwickelt und produziert werden zukunftsweisende Softtops und Retractable Hardtops. Aktuell werden in Hengersberg Cabriodächer u.a. für folgende Modelle produziert: Jaguar F-Type, Rolls-Royce Phanton Drophead Coupé, Aston Martin V8 Vantage Roadster und Aston Martin DB 9.

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