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Weihnachten im Schatten des Terrors

Zwei Tage nach dem Anschlag in Berlin ist das Land in Trauer. Angst will in Regensburg aber niemand zeigen.
Von Julia Weidner, MZ

Auf dem Neupfarrplatz in Regensburg merkt man kaum etwas davon, dass der Terror in Berlin auf einem Weihnachtsmarkt zugeschlagen hat. Nachdenklich sind viele Besucher dennoch.
Auf dem Neupfarrplatz in Regensburg merkt man kaum etwas davon, dass der Terror in Berlin auf einem Weihnachtsmarkt zugeschlagen hat. Nachdenklich sind viele Besucher dennoch. Foto: Weidner

Regensburg. Es sind ein paar schlichte Worte, geschrieben mit einem schwarzen Marker auf ein schnee-weißes Blatt Papier: „Wir trauern mit den Betroffenen in Berlin.“ Am Lucrezia-Markt auf dem Haidplatz hängt es, an einer Bühne. Ein kleines Zeichen, dass man auch hier, in Regensburg, nicht ganz an den schrecklichen Bildern aus Berlin vorbeikommt.

Wobei: Angst ist ein Gefühl, das an diesem Mittwoch niemand so recht verspürt, oder zumindest zugeben will. „Eigentlich habe ich kein anderes Gefühl auf dem Adventsmarkt nach den Vorfällen in Berlin“, sagt Tanja Scheller. Die junge Frau ist in der Regensburger Altstadt unterwegs und erledigt ihre letzten Weihnachtseinkäufe. Dabei ist sie auch beim Lucrezia-Markt vorbei gekommen. „Als ich am Haidplatz das Andenken gesehen habe, habe ich innegehalten. Das war ein tiefer Moment“, sagt sie nachdenklich. Dass auch in Regensburg ein solches Ereignis geschieht, glaubt sie nicht.

Mit diesem Schild wird in Regensburg an die Opfer des Anschlags in Berlin erinnert. Foto: Weidner
Mit diesem Schild wird in Regensburg an die Opfer des Anschlags in Berlin erinnert. Foto: Weidner

Auch Julia und Maria Zollbrecht sind am Lucrezia-Markt in Regensburg unterwegs. Als sie das Schild am Haidplatz sehen, überkommt sie das Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer von Berlin. „Das ist schlimm für die Familien, gerade jetzt kurz vor Weihnachten“, sagen Mutter und Tochter.

Zwei Tage ist es her, dass ein Lastwagen in Berlin auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz gerast ist. Zwölf Menschen hat der Fahrer in den Tod gerissen, 48 weitere wurden schwer verletzt. Noch ist vieles unklar, ein Anschlag, vielleicht mit islamistischem Hintergrund, ist das wahrscheinlichste Motiv. Der Täter ist immer noch auf der Flucht an diesem Mittwochvormittag, auch wenn die Behörden einen Verdächtigen suchen. Ein Anschlag, kurz vor Weihnachten, mitten in der Hauptstadt – Deutschland trauert und ist geschockt.

Beileidsbekundungen, Kerzen und Blumen liegen in Berlin unweit der Stelle des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Foto: dpa
Beileidsbekundungen, Kerzen und Blumen liegen in Berlin unweit der Stelle des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Foto: dpa

Es ist der kürzeste Tag des Jahres und er beginnt in Regensburg grau. Es ist kalt und nebelig. Nicht viele Menschen sind in der Altstadt unterwegs, doch das ist zu dieser Uhrzeit normal. Die Feiertage sind noch drei Tage entfernt, die Menschen arbeiten, ein paar erledigen ihre Einkäufe in der Pause.

Lesen Sie mehr zum Thema: Der mutmaßliche Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt stand schon vor dem Anschlag im Visier der Ermittler.

Irgendwie ist irgendetwas anders

Und doch ist irgendwie etwas anders für manche Menschen. Eigentlich geht die Verkäuferin in der Galeria Kaufhof, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, jeden Tag frühmorgens über den Neupfarrplatz, dort, wo sich die Buden und Stände des Christkindlmarkts aneinanderdrängen. An diesem Mittwoch sind da diese Gedanken an Berlin. „Ich werde mich ab jetzt nicht mehr an die erste Glühwein-Bude am Rand stellen, wo ich ungeschützt bin. Da suche ich mir lieber einen Platz in der sicheren Mitte“, sagt sie. Von Auswirkungen auf das Weihnachtsgeschäft merkt sie nichts seit Montag, dem Tag des Anschlags in der Hauptstadt. „Es sind genauso viele Menschen unterwegs wie in der letzten Woche.“

Auch bei Nadine Baumann ist der Vorfall vom Montagabend präsent: „Der Anschlag sollte schon Thema sein, vor allem im Andenken an die Opfer.“ Trotzdem schlendert sie am Mittwochvormittag zwischen den Buden am Neupfarrplatz entlang. Christkindlmärkte absagen? Die junge Frau schüttelt den Kopf. Die Märkte sollten ihre Tore nicht schließen, denn dann hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht.

Sehen Sie im Video: Mit welchem Gefühl und welcher Einstellung gehen die Menschen nach dem Anschlag in Berlin auf die Regensburger Weihnachtsmärkte. Hat sich etwas verändert?

Umfrage: Terrorangst am Weihnachtsmarkt

Wie die Stadt Regensburg auf die Anschläge in Berlin reagierte, lesen Sie hier.

Es ist dieser Satz, den man überall hört in der Stadt. Johannes Baumann ist mit seiner Familie am Christkindlmarkt, um sich eine Knackersemmel zu holen. „Die Weihnachtsmärkte müssen auf jeden Fall geöffnet bleiben“, sagt er. Der 35-Jährige will sich nicht einschüchtern lassen und trotzdem das Weihnachtsfest genießen.

Auch die Stand-Verkäuferinnen Julia Mohr und Carina Lenker finden: „Verkriechen macht keinen Sinn!“ Ein junger Mann mit kurzen blonden Haaren hat dagegen seine eigene Ansicht – und eine einfache Erklärung für das Attentat. „Die in der Regierung haben es doch kommen sehen!“, schimpft er. „Vielleicht haben sie es jetzt begriffen, weil es ja in Berlin passiert ist“, sagt der Regensburger. Seinen Namen möchte er nicht nennen, er will schnell wieder weg. Während er davon hetzt, murmelt er noch: „Schade ist es nur um den Lkw-Fahrer.“

750 Meter weiter südlich, am Romantischen Weihnachtsmarkt auf Schloss Thurn und Taxis: „Security“ steht auf den schwarzen Jacken mit weißen Leuchtstreifen der Frauen und Männer, die dort auf und ab gehen. Wie jeden Tag patrouillieren sie an den Ein- und Ausgängen.

Sicherheitskräfte gehen über den Romantischen Weihnachtsmarkt auf Schloss St. Emmeram. Foto: Weidner
Sicherheitskräfte gehen über den Romantischen Weihnachtsmarkt auf Schloss St. Emmeram. Foto: Weidner

Christian Fink schätzt die Sicherheitsvorkehrungen am Romantischen Weihnachtsmarkt. Der Regensburger versorgt die Besucher des Markts mit Langos, einer ungarischen Spezialität. Am Dienstag, als auch hier in einer Schweigeminute den Opfern von Berlin gedacht wurde, hat er weniger Menschen am Markt gesehen als in den Tagen vor dem Anschlag. Trotzdem sei die Stimmung normal gewesen. „Die Leute fühlen sich sicher hier, es gibt viele Sicherheitskräfte und nur wenige Eingänge“, sagt der Verkäufer. Deswegen sei es richtig, dass der Weihnachtsmarkt weiter geöffnet ist. Alles andere würde ein falsches Signal senden, sagt Fink.

„Klares Zeichen“ gegen Terrorangst

Weihnachten, das Fest der Liebe, das Fest des Friedens: Das soll es auch in diesem Jahr sein, trotz aller schrecklichen Bilder. Und was ist an den Feiertagen, bei der Christmette? Wenn am Samstagabend die Gottesdienste gefeiert werden, werden die Regensburger Kirchen wieder rappelvoll sein. Das vermutet zumindest Clemens Neck, Pressesprecher des Bistums Regensburg. „Gerade jetzt sollten alle ein klares Zeichen setzen“, sagt er. Neck glaubt, dass angesichts des Terrorakts in Berlin sogar mehr Menschen zur Christmette kommen werden. Für die Besucher des Gottesdiensts sieht er keine Gefahr, denn es wird noch genauer auf die Sicherheit geachtet werden: „Die Ordnungskräfte im Dom werden ihren Dienst tun“, sagt der Bistumssprecher.

Am Neupfarrplatz schlendert Viktor Hart in seiner Mittagspause über den Weihnachtsmarkt. Er freut sich auf die bevorstehenden Feiertage. „Mein Weihnachtsfest lasse ich mir nicht nehmen“, sagt der Regensburger. Trotzdem ist ihm mulmig zumute. Immer wieder schaut er sich um und ist vorsichtiger in diesen Tagen, sagt er. Um ihm herum toben Kinder. Sie stürmen durch die Buden und fangen sich gegenseitig. „Ihr bekommt mich nicht!“, ruft ein kleines Mädchen ihren Freundinnen aus der dritten Klasse der Grundschule Prüfening zu. Dick eingepackt ist das Mädchen in eine pinke Winterjacke mit einem gelb-rot gestreiften Schal und einer grün gepunktete Mütze. Kleine Farbtupfer an diesem grauen, kalten Tag. Nur einen kleiner Ausflug auf den bunten Markt haben sie unternommen. Der Terror von Berlin, er soll kein Thema für sie sein, sagt ihre Klassenleiterin Marion Unrecht.

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